Der vom Teufel geholte Bäcker von Parchim *)

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Parchi, Bäckermeister, Teufel
In Parchim wohnte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein reicher Bäcker, den ich, mit Verschweigung seines rechten Namens, X. nennen will, weil manche seiner Nachkommen noch leben.

*) Diese Sage ist nicht zu verwechseln mit derjenigen im dritten Bande Seite 164 bis 166. Jene spielte auf der Altstadt, diese auf der Neustadt Parchims.

Dieser Meister sollte seinen großen Reichtum eben nicht auf die rechtlichste Weise erworben haben; so ging nämlich der Leute Gerede, und: „Volkes Mund ist wahrer Mund." Er war ein hartherziger, geiziger Mensch und ein roher, ungeschliffener Patron, der sich niemals, wie man wohl zu sagen pflegt, die Welt um die Ohren geschlagen, sondern von Kindheit an stets daheim zu Hause gesessen hatte. Er erlernte das Bäckerhandwerk bei seinem Ohm in Parchim, ging darauf nach vollbrachter Lehrzeit wieder zu seinem Vater, der ebenfalls ein Bäcker war, und blieb endlich nach dessen Sterbefall in dem väterlichen Gewese sitzen. Auf schlaue und pfiffige Weise wusste er dieses gar bald zu vergrößern, so dass Einige behaupteten, er habe einen Pakt mit dem Bösen geschlossen. Dies Gerücht fand umsomehr bei den Leuten Eingang, als der Meister X. den Namen des Teufels stündlich im Munde führte und seine Rede, wenn er etwas als wahr bezeichnen wollte, stets mit dem Nachsatz: „Denn sall mie de Düwel halen!"*) zu schließen beliebte.

Man soll aber Satanas nicht an die Wand malen, geschweige auf diese Art herausfordern, denn er lässt so etwas nicht ungestraft hingehen.

Eines Tages kam ein Bettler in des X. Haus und bat mit flehender Gebährde um etwas Brot für seine hungernde Familie. Meister X. vertröstete ihn aber damit, dass er, nachdem Alles verkauft, kaum genug zum Abendessen für seinen Hausstand habe; „unn wenn dat nich wohr iß, sall mie de Düwel halen” **), war wiederum seine Bekräftigungsformel.

„Dat is 'n Woart, Varresmann!" ließ sich der Andere plötzlich vernehmen. Ein Windstoß strich dabei durch's Haus, riss alle Türen auf, und siehe! in der Stube lag noch Brot im Überfluss.

Der Bettler aber hatte eine gar seltsame Form angenommen. Die zerlumpten Kleider waren ihm wie mürber Zunder vom Leibe gefallen, und jetzt zeigte er sich in seiner wahren Gestalt, mit Hörnern, Pferdefuß und Kuhschwanz. Bald vergrößerte er sich, bald schrumpfte er wieder zusammen; empfahl sich dann mit einem höflichen Kratzfuß, einen wahren Höllengestank zurücklassend.

*) „Dann soll mich der Teufel holen!"
**) „Und wenn das nicht wahr ist, soll mich der Teufel holen."
***) „Das ist ein Wort, Gevattersmann!”


Um den Bäcker aber war es geschehen. Er, der sonst so gesunder Natur gewesen, fing an zu siechen, und ehe ein Jahr vergangen war, lag er auf der Bahre.

Als er nun begraben werden sollte, und die Träger den Sarg auf die Schultern heben wollten, war die vermeintliche Last — denn der Bäcker X. hatte ebenso gut, wie fast alle Meister seines Handwerks, einen tüchtigen Schmerbauch — so leicht wie ein leerer Kasten. Und als sie damit nach dem Kirchhofe mehr trabten als gingen, lief dem Leichenzuge eine schwarze Sau voraus. Ob es nun der Teufel oder der Bäcker gewesen, der in dieses Tier gefahren ist, weiß ich nicht, soviel will aber das Sonntagskind, von welchem allein die Sau gesehen wurde, erkannt haben, dass der herabhängende Schmerbauch derselben große Ähnlichkeit mit dem des weiland Meisters X. gehabt habe. Nach der Überlieferung dieses Hellsehers verschwand das Schwein plötzlich unter dem alten Kreuztor, welches man passieren musste.

Seit dieser Zeit war es in dem r.'schen Hause nicht richtig. Oft sprangen des Nachts alle Türen auf, selbst solche, welche verschlossen waren. Dann hörte man den schlürfenden Schritt des Verstorbenen auf dem Boden und den Treppen, mitunter von Gepolter begleitet.

So ging es Jahre hindurch; selbst in neuerer Zeit will man noch öfters zur Nachtzeit ein unerklärliches Geräusch auf dem Hausboden gehört haben.

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