Der versunkene Hof unweit Wichmannsdorf bei Kröpelin

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Wichmannsdorf, Kröpelin, Hühnerhof,
Auf der Feldmark Wichmannsdorf bei Kröpelin nahe an den Niendorfer Tannen ist eine Wiese, die Segg'-Wiese genannt.

Von dieser erzählen hier alte Leute, dass auf der Stelle in ihrer Jugend noch ein kleiner See gewesen ist, dessen Tiefe sie nicht haben ergründen können, so oft und auf so verschiedene Weise sie es auch versuchten.

Es nimmt die Alten jetzt freilich sehr Wunder, wie diese grundlose Tiefe so schnell zu einer prächtigen Wiese hat werden können; aber noch rätselhafter ist es ihnen, dass die Oberfläche so fest ist, dass sie mit Heu beladene Wagen trägt.

Die Sage weiß aber noch viel Merkwürdigeres von diesem Orte zu berichten und zwar Folgendes:

Da, wo jetzt die sogenannte Segg'-Wiese ist, lag vor alten Zeiten ein Hof. In der letzten Zeit des Daseins desselben bewohnte ihn ein Besitzer, dessen Wohlhabenheit weit und breit bekannt war. Er suchte auch seinen Mammon mit einem Eifer zu mehren, der bald in Geiz ausartete. Besonders war es aber seine Frau, die kein Mittel scheute, den Reichtum zu vergrößern. Erst recht karg war sie mit dem Abgeben dessen, was sie einmal besaß. Für ihres Nächsten größte Not hatte sie kein warmes Herz, und jeder Bettler wurde unbarmherzig und mit harten Worten aus der Tür gewiesen.

Da nur selten Dienstleute zu ihnen in Dienst zogen, und sie überhaupt deren auch so wenig als nur irgend möglich hielten, so kam es in Zeiten, wo es bei der Feldwirtschaft viel zu tun gab, häufig vor, dass der Hausherr sämtliche Leute ins Feld nahm, und die Frau somit dem Hauswesen allein vorzustehen hatte.

An einem solchen Tage kam einmal ein alter armer Mann zu ihr und bat um eine milde Gabe. Sie wies ihn gewohnter Weise ab und erklärte, sie habe nichts für ihn und dazu auch keine Zeit, ihm etwas zu holen.

Da der alte Mann nicht nachließ zu bitten und bemerkte, dass er auch mit dem kleinsten Stücklein Brot fürlieb nehme, gab sie zur Antwort, dass das Brot noch im Backofen sei; Fleisch habe sie auch nicht recht und Geld gar nicht.

Der Bettler entblößte jetzt auch seine dürren Hände und hing die Handschuhe auf die Lehne eines bei ihm stehenden Stuhles. Dann faltete er seine Hände und bat unter Tränen, ihm doch eine kleine Gabe zu schenken; denn er habe eine alte kümmerliche Frau zu Hause, die vor Hunger fast verschmachten müsse.

„Doa upp denn'n Hof lop'n väl Häuna”, sagte er zuversichtlich, „gewiß hemm'n Sei väl Eia! Die leiv Gott ward't Sei rieklich geseg'n!"*)

*) „Da auf dem Hof laufen viele Hühner, gewiss haben Sie viele Eier! Der liebe Gott wird es Ihnen reichlich segnen!“

„Jck hev kein!" schrie das Weib voll Zorn. „Wenn'k ein Ei in'n Huus hev, wick mit mienen ganzen Hof in dei Ier sink'n!"*)

*) „Ich hab’ keine! Wenn ich ein Ei im Hause habe, will ich mit meinem ganzen Hof in die Erde sinken!“

Der arme Mann sah und hörte in dem Augenblick nichts mehr; er fühlte nur, wie etwa eine unsichtbare, überirdische Macht ihn erfasste und forttrug.

Als er sich von seinem Schreck soweit wieder erholt hatte, dass er auf seinen Füßen ruhig stehen und um sich sehen konnte, befand er sich noch in derselben Gegend, stand aber vor einem kleinen See, der sonst nicht da gewesen war, und auf der Oberfläche desselben schwammen ein Stuhl und eine Tonne mit Eiern, die der Wind auf ihn zutrieb. Als diese Gegenstände ihm nahe kamen, sah er, dass seine Handschuhe auf der Stuhllehne hingen. Er nahm sie herunter und wanderte nachdenkend und traurig seine Straße.

Der Hof hatte, des war er sicher, auf der Stelle gestanden, die jetzt der kleine See bedeckte.
Federvieh

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