Der versteinerte Brautwagen auf dem Barkow'schen Felde bei Neustadt

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von J. J. F. Giese zu Strohkirchen, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Es war zu den Zeiten, als man noch wünschen konnte, und als im Lande noch die Mönken*) wohnten, so erzählte mir ein Einwohner des Dorfes Barkow bei Neustadt, da begab es sich, dass ein junger Mann von dem benachbarten Hofe Granzin sich ein Weib suchte unter den Töchtern seiner Heimat, aber keins fand, wie er es haben wollte. Die Eine war ihm zu hässlich, die Andere war ihm zu arm; die Eine war ihm zu gering, die Andere war ihm zu stolz, und noch eine Andere war ihm zu kränklich oder klein und was er noch alles zu tadeln fand. Darum zog er aus gegen Norden, jenseits der Elde, um dort zu suchen, was er in seiner Heimat nicht gefunden hatte.

*) Mönken sind kleine, zwergartige Erdgeister, ziemlich gleichbedeutend mit Gnomen. Der Herausgeber.

Bald fand er auch ein Mädchen nach den Wünschen seines Herzens; dasselbe war jung, hübsch, vornehm, reich und auch beschlagen in allerlei Frauenarbeit. Das Jawort vom Mädchen war ihm freilich nicht leicht geworden zu erhalten, aber desto leichter hatte er die Eltern desselben auf seine Seite bekommen und da musste das Mädchen schon „Ja" sagen, weil leicht ein ausgestoßener Fluch des Vaters der armen Marie, so hieß das Mädchen, auf immer alle Freuden des Lebens genommen hätte; denn ein Wunsch ging dazumalen noch immer gleich in Erfüllung. So musste sich Marie, wiewohl unter vielem Weinen, in das über ihr Verhängte fügen und nach dem Willen ihrer Eltern mit dem Manne ziehen, den sie jetzt zum ersten Male sah; sie musste mit ihm ziehen, in eine Gegend, die weit von der über alles geliebten Heimat lag.

Rasch rollte der Wagen, in welchem der Bräutigam mit seiner Braut saß, von vier Pferden gezogen über Berg und Heide, durch Busch und Bach dem neuen Wohnorte der still in sich gekehrten Marie zu. Der Wagen der Eltern und anderer Verwandte folgte dem Brautwagen. So lange man noch nicht über die Elde war, hatte die Braut noch Hoffnung, erlöset zu werden von den Banden, die man mit Gewalt auf sie gelegt hatte; wie und auf welche Weise konnte sie freilich selbst nicht sagen. Daher war sie auch getrosten Mutes, und keine Träne vergoss sie, als sie aus dem Vaterhause schied und von den Freundinnen und Gespielinnen ihrer Jugend und dem Vaterdorfe Abschied nahm.

Die Elde kam, aber keine Hoffnung auf Errettung hatte sich in Mariens Herz geschlichen; die Elde wurde überschritten und mit ihr die bei Allen als die Grenze der Heimat geltende Stelle. Da bemächtigte sich der Braut ein unüberwindliches Heimweh, sie bat die Eltern, sie flehte zu dem Bräutigam, sie nicht weiter zu führen, sie wollte wieder umkehren oder hier sterben. Kein versprechen süßer Tage von Seiten des jungen Mannes, kein Bitten von Seiten der Freunde und Verwandten und kein Drohen von Seiten der Eltern vermochten nunmehr das Schreien und den Tränenstrom der Braut zu stillen; unaufhörlich ging sie Alle an, ihren Bitten Gehör zu geben, da sie nicht an der Seite eines Mannes, den sie verachte, und in einem Lande, das nicht ihre Heimat sei, glücklich leben könne. Doch rastlos gingen die Wagen auf der ungebahnten Straße vorwärts, Keiner hörte auf ihr Flehen, Niemand wollte sich ihrer erbarmen, weil Alle hofften, es würde sich schon andern, wenn sie es in der neuen Heimat erst gewohnt geworden sei. Endlich ergab sich Marie in ihr Schicksal und saß still und stumm an der Seite des breitschulterigen Mannes, der bald ihr Mann werden sollte. Also ging es fort, bis der Zug bei dem jetzigen Barkow, welches damals noch nicht vorhanden war, auf den letzten Hügel kam, von welchem sie auf das zu seinen Füßen liegende Granzin herabblicken konnten.

Bei dem Anblick von Granzin, das mehr einer Raubwohnung in dem großen Gehölze, denn einem Hofe ähnlich sah, ergriff die Braut derselbe namenlose Schmerz, den sie bei dem Übertritt der Elde empfunden hatte, und mit der ganzen Kraft ihres Geistes flehte sie mit zum Himmel gerichteten Augen, sie bis hierher und nicht weiter zu führen. Als Keiner ihr Flehen erhören wollte, sprach sie die schrecklichen Worte: „Und will mich Keiner erhören von den Menschen, so erhöre Du mich, oh Himmel, und mache mich gleich den Steinen, die hier umher zerstreut liegen!" Und als sie die Worte nur über ihre Lippen gebracht hatte, so saß sie auch, eine Steinsäule, neben dem Bräutigam auf dem Wagen.

Jetzt sah der Vater, was er gemacht hatte, indem er sich dem absoluten Widerwillen seiner Tochter entgegen gesetzt hatte; ihn verfluchend sprach er zu dem Schwiegersohne: „Nun fahre mit ihr, und vermähle Dich mit dem Stein, der meine Tochter ist! Oh wolle ein Gleiches auch über Dich kommen!" Und wie er die Worte gesprochen hatte, so war auch der Bräutigam samt dem Wagen und den vier Pferden zu Stein geworden und standen wie festgewurzelt auf der verwünschten Stelle.

Stumm und selbst wie versteinert sah der Vater dem schrecklichen Trauerspiele zu, welches sein Werk war. Kein Wort kam aus seinem Munde, kein Glied rührte sich an seinem Leibe, aber fürchterlich bewegte sich das Blut in den Adern. Endlich rief er: „Also muss ich die Hochzeit meines einzigen Kindes feiern!" und ließ die Pferde wieder der Heimat zulenken. Auf dem Rückwege blieb er stille und in sich gekehrt, nur ein Strom von Tränen entquoll seinen Augen; und als sie zu Hause wieder ankamen, war er eine Leiche.

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Der versteinerte Wagen zerbrach nach und nach, und die Stücken wurden davon getragen. Nur die Hauptmassen, als die vier Pferde und die Teile des Wagens, wo die Räder saßen, so wie der Brautmann mit der Braut blieben liegen, bis vor 2 Jahren der Kossat, dem bei Vererbpachtung der Brautwagen mitzufiel, sie begrub, da sie ihm bei der Ackerbestellung im Wege lagen.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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