Der verborgene Schatz im Keller eines Hauses zu Röbel.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von C. T. zu P., Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Röbel, Tunnel, Schatzkiste, Becher, Wünschelrute
Gleich rechts am südlichen Eingange der Stadt Röbel steht ein Haus, alt und unscheinbar von außen und prunklos in seinem Innern. Trotzdem ist es mir lieb und wert mein lebenlang; es ist das Haus, in dem ich geboren und meine Knabenjahre verlebt habe; es war das Haus meiner Eltern.

Ich will hier nicht davon reden, was das Herz bewegt beim Gedenken an die dort verlebten Tage, auch nicht von den wundersamen Bildern, die meine Phantasie sich schuf, wenn wir Kinder in dem Garten, der hinter dem Hause liegt, je zuweilen einen alten morschen Schädel fanden und dabei der alten Zeit dachten, von der unser Nachbar uns erzählt hatte, dass damals dieser Ort der Friedhof des nahen Klosters gewesen sei. Nur erzählen will ich eine von den Geschichten, die dieser alte Nachbar auskramte, so oft wir ihn darum baten. Freilich wussten wir im Voraus, dass unsere Furcht vor dem Keller des Hauses, den wir von jeher in sehr respektvollem Andenken hatten, neue Nahrung bekommen würde; aber das hinderte weder den Erzähler in seinem „Vertelles",*) noch seine Zuhörer, den Worten des Alten zu lauschen nach gewohnter Weise.

*) Erzählen.

,,Ja", so begann seine Erzählung, „ja wahr ist's, denn mein Vater hat mir's wohl hundert und zwanzig Mal erzählt, als ich noch ein Kind war, dass hier im Keller viel reiche Schätze liegen, die sie damals in der Klosterzeit vergraben haben. Und den Ort weiß ich so genau, dass ich ihn mit verbundenen Augen finde, er ist da, wo die Treppe aufhört; denn über die Stelle hat meine Schwester nimmermehr gehen können, ohne hinterher ein dickes Knie zu bekommen."

Dann redeten wir Jungens wohl dazwischen: „Aber, Nachbar, warum habt Ihr denn, als das Haus Euch noch gehörte, den Schatz nicht herausgeholt?"

Der Alte zog dann sein Gesicht in sehr ernste Falten und erwiderte: „Ihr redet, wie Ihr klug seid; denn mit dem Schatzgraben geht's nicht so fix, als man denkt. Ja einmal, als der Vater von meinem Vater noch in dem Hause wohnte, da haben sie ihn beinahe gehabt, aber gekriegt haben sie ihn nicht. Das war aber so zugegangen."

Und nun erzählte er in gemütlicher Breite und Umständlichkeit, was ich hier in meiner Weise wiedergebe:

Es hatte sich der Vater mit seinen beiden Söhnen verabredet, nach dem Schatz zu graben; aber ehe sie in den Keller hinunterstiegen, erhob der Alte noch einmal warnend den rechten Zeigefinger und wiederholte ihnen vielleicht zum zehnten Mal: „Aewer, schnackt ward nich!"*)

*) „Aber gesprochen wird nicht!"

Eine Wünschelrute, die der Alte sich zu verschaffen gewusst, zeigte hartnäckig die Stelle vor der Treppe, und rüstig ging's nun ans Werk mit Hacke und Spaten. Noch nicht eine
Stunde hatten sie gearbeitet, da lag schon der Kistendeckel bloß, und nur mit Mühe unterdrückten die Schatzgräber einen Ausruf der Freude. Sie wollten nun nicht weiter graben, weil's ihnen um die dicke eichenen Kiste viel weniger zu tun war, als um ihren Inhalt, den zu schauen sie jetzt fast so begierig waren, als ihn zu besitzen. Ein heftiger Druck noch mit der schweren eisernen Brechstange, da ist das Schloss gesprengt, der Deckel schlägt zurück, und zu ihren Füßen sehen sie all die goldenen und silbernen Leuchter und Becher. Staunen und Verwunderung über solche nie zuvor gesehenen Pracht schließt ihren Mund, so dass es nun nicht mehr des Gedenkens an die Ermahnung des Vaters bedarf. Einen Augenblick noch zögern sie, die wie Karfunkelsteine blinkenden Schätze sich zu eigen zu machen; denn der Glanz, wie er ihr Auge geblendet, so hat er auch ihre Sinne fast verwirrt.

Plötzlich werden alle Drei wie vom Blitz getroffen durch das von dem Eingange des Kellers her erschallende Wort: „Nee, wo ist möglich! Dat hebb'n Ji doch tau fix kräg'n."*)

*) „Nein, wie ist's möglich! Das habt Ihr doch zu schnell bekommen."

Sie wenden ihren Blick dahin, von woher das Wort kommt. Da steht oben an der Treppe die alte Mutter und schaut voll Verwunderung auf den Glanz des Geldes; sie hat es ihnen zugerufen ein Wink genügt, sie zum Schweigen zu bringen. Aber wer beschreibt den Schreck der Schatzgräber, als sie die Kiste vor ihren Füßen versinken sahen und alle Pracht und Herrlichkeit mit ihr.

Während die Söhne so vom Schreck überwältigt sind, dass sie dastehen wie ein Paar steinerne Bilder, hat der Vater so viel Besinnung zusammengerafft, dass er sich eilig bückt und mit der Hand hineingreift in die versinkende Kiste. Es gelingt ihm, einen von den vielen goldenen Bechern zu ergreifen, — da ist der ganze übrige Reichtum verschwunden, versunken in die Tiefe des Kellers. Voll wilder Wut wirft der Alte mit dem Becher nach der Mutter, die noch immer wie versteinert am Eingange steht. Der Wurf trifft die Arme freilich nicht; der Becher aber ist nun auch nicht mehr zu finden.

Und so oft und viel auch später nach Kiste und Becher gegraben und gesucht ist bei Tag und bei Nacht, nie mehr hat Jemand den verborgenen Schatz im Keller gesehen.

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Das die Sage, zu der die näheren Daten fehlen; nun zum Schluss noch eine kleine Geschichte, die vor beinahe zwanzig Jahren sich begeben in demselben alten Hause.

Den ganzen Sommer hindurch waren viele Arbeiter beschäftigt beim Durch- und Ausbau unseres Hauses. Es war ein Fest für uns Kinder, den Arbeitern zuzuschauen und uns dann von Diesem und Jenem unter ihnen zur Vesperzeit erzählen zu lassen von der Jugendzeit des alten Hauses. Aber als es nun gar an die Vergrößerung des geheimnisvollen Kellers ging, da waren wir fast nicht mehr fort zu bringen von ihrer Seite. Lebhafter denn je zuvor wurde wieder die Sage von dem goldenen Becher besprochen, und wir meinten nicht anders, als: wenn wir auch die Kiste nicht bekommen, — den Becher müssen wir doch jedenfalls finden. Aber der Keller wurde tiefer und länger und breiter und unsere Ungeduld mit jedem Tage größer; doch der Becher wollte sich nicht finden.

Da kommt eines Mittags mein Bruder mit vollem Jubel die Kellertreppe heraufgesprungen, stürmt in die Stube und setzt einen Gegenstand auf den Tisch mit den Worten: „Da ist der Becher!“

Und siehe, es war ein Becher, aber kein goldener, sondern ein steinerner. Von dem Kelch war nur noch ein Teil vorhanden, aber der Fuß war ganz und wohl erhalten.

Ein noch heute von uns Kindern geliebter und hochgeachteter Mann hat den gefundenen Schatz aus der Hand meines Bruders freundlich angenommen.

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047. Der Zinngießer

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016. Der Gold- und Silberarbeiter

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