Der spukende Mann auf dem Feldweg zischen Alt- und Neu-Rhese bei Neubrandenburg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Welch schweres Unrecht es ist, wenn der Mensch eine gute freundliche Sitte nicht fein in Ehren hält, sondern sie aus argem Trotze, oder geringschätzender Gleichgültigkeit gegen seine christlichen Mitmenschen, vernachlässigt oder verunstaltet, beweist folgende seltsame Geschichte, die sich auf dem Feldwege zwischen Alt- und Neu-Rehse, unweit Neu-Brandenburg, zugetragen haben soll.

Schon seit einer langen Reihe von Jahren erzählten sich die Leute, wenn zuerst das Gespräch auf solche Dinge kam, dass es wohl nicht recht ratsam sei, diesen Feldweg Nachts oder am frühen Morgen, wenn der Tag erst zu grauen angefangen, zu passieren. Zwar wusste Niemand von etwas Schlimmen zu berichten, das sich dort zugetragen hätte; soviel aber, hieß es, stehe fest, dass dem Einen oder Andern bei so früher oder später Zeit ein Mann begegnet wäre, der nicht geheuer ausgesehen und der in unheimlicher Weise die Vorübergehenden angerufen habe und dann wieder verschwunden sei.

Wie es nun in solchen Fällen immer zu gehen pflegt, so gab es neben den Vielen, welche der Sache Glauben schenkten, auch Einige, die sie bezweifelten, weil sie selbst nichts davon wahrgenommen, obgleich auch sie zur Nachtzeit öfter den Weg gekommen waren. Aber diese sollten bald von ihrem Unglauben geheilt werden. Die Geschichte ist übrigens schon sehr, sehr lange her, und ich erzähle nur Dasjenige nach, was mir Andere vorerzählt haben.

Die Umstände nämlich brachten es so mit sich, dass einst ein Bursche, Gottlieb, aus Alt-Rehse bei einem Tischlermeister zu Neu-Rehse in die Lehre ging, und weil er daheim bei seinen Eltern sein Nachtlager hatte, täglich am frühen Morgen und späten Abend über jenen Feldweg musste, wobei es ihm wohl manchmal recht gruselig zu Mute geworden sein wird. Arges war ihm in der ersten Zeit nicht begegnet, wie gerne er auch, wenn er wieder gemächlich zu Hause saß, davon hätte erzählen mögen.

So wanderte er denn nun eines schönen Morgens wieder, singend und pfeifend, den einsamen Weg. Heute hatte er sich etwas früher auf die Sohlen gemacht, denn die ersten Zeichen des dämmernden Tages begannen sich kaum zu zeigen. Graue Nebel zogen über Feld und Wiesen, und der kalte Frühtau nässte sein struppiges Haar. Eben hatte er den halben Weg zurückgelegt und war bei einem alten Hecken angekommen, welcher ehemals dazu diente, das Besitztum eines Bauern abzutrennen, den man bei seinen Lebzeiten, weil er immer gar kurz in seiner Rede angebunden, überhaupt nicht vom höflichsten Ende abgefallen war, den „barschen Kunzen" zu nennen pflegte, als unserem Gottlieb plötzlich ein Mann in den Weg trat und ihm in hartem Tone die Worte zurief: „Morgen! Morgen!" Der arme Junge erschrak, dass ihm die Knie schlotterten, sprang aber in seiner Angst fix auf die Seite, worauf die geisterhafte Erscheinung ebenso spurlos wieder verschwand.

Dieselbe Geschichte begegnete ihm am folgenden und dritten Tage, und jedesmal verschwand der Mann, ohne dass er hätte sagen können, wo er geblieben. Zitternd und bebend erzählte er diese Begebenheit seinen Eltern, seinem Meister, dessen Frau, kurz allen Bekannten, die ihm zuhören mochten. Da durchrieselte es denn Viele kalt und Manchem sträubte sich das Haar, als ob er den Geist leibhaftig vor sich gesehen hätte.

Endlich, und weil der geängstigte Junge sich weigerte, ferner den Weg allein in so früher Morgenstunde zu gehen, kam man überein, des Pastors Rat und Beistand zu erbitten. Dieser, ein gar würdiger Mann, der ein reines Gewissen hatte und ein tugendsames Leben führte, vermeinend und hoffend, es könne hier wohl an einer armen Seele ein heilsam Werk getan werden, erklärte sich bereit, den Lehrburschen zu begleiten.

Am folgenden Morgen früh machten sie sich nun selbander auf den Weg. Der Prediger hatte die heilige Schrift, der Lehrbursche aber sein Gesangbuch mitgenommen. Als sie sich dem alten Hecken nahten, flüsterte der Junge: „Sehen Sie nur, Herr Pastor, dort kommt er schon!" Und wirklich, er hatte recht. Der Geist, — denn als solchen erkannte ihn der Seelsorger sofort, — trat ihnen alsbald entgegen und sagte zweimal mit barscher Stimme: „Morgen! Morgen!"
„Heut ist nicht Morgen", entgegnete der Pastor beherzt, „aber ich sage Euch einen christlichen guten Morgen!"

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als der Geist in mildem Tone erwiderte: „Dank Euch tausendmal, ehrwürdiger Herr! schon seit dreißig Jahren habe ich auf diese Worte gewartet, denn wisst, während meiner Lebenszeit habe ich immer nur „Morgen" und „Tag", statt „guten Morgen" und „guten Tag" gesagt, und musste deshalb, zur Strafe dafür, so lange umgehen, bis mich Jemand erlösen werde, wie Ihr es jetzt getan habt."

Darauf verschwand er, und von der Zeit an ist es bei Tag und bei Nacht auf dem Feldwege zwischen Alt- und Neu-Rehse wieder geheuer.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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