Der spukende Gutsbesitzer von Reddersdorf bei Sülz

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Reddersdorf, Sülz, Spuk
Ein früherer Besitzer des jetzigen von der Lühe'schen Gutes Reddersdorf bei Sülz, der kein guter Christ, sondern ein harter, jähzorniger Mann war, von dem seine Gutsuntertanen gar viel und Mancherlei zu leiden hatten, fand, als er gestorben war, keine Ruhe im Grabe und muss noch heute und diesen Tag umherwandeln. Bald treibt sich sein rastloser Geist in seinem früheren Wohnhause, bald auf der Reddersdorfer Gutsfeldmark umher, gewöhnlich in der Nacht, mitunter aber auch am hellen Mittag; und viele Leute wissen davon zu erzählen, wie sie durch ihn entweder in sichtbarer, oder auch in unsichtbarer Gestalt schon erschreckt und geängstiget worden sind. Hiervon ein Beispiel, das einst einem alten Sülzer Schuster passiert ist, wie er es selbst oft erzählt hat:

Eines trüben Novembertags von einem Sülzer Gastwirt mit einer Missive nach den benachbarten Gütern etc. geschickt, um zu einem Balle einzuladen, war es bereits stockfinster geworden, als der Schuster seine ihm vorgeschriebene Runde beendet hatte. Bis auf die Haut durchnässt, wollte er schnell nach Hause eilen, als er mit einem Male zu seinem Schreck bemerkte, dass er vom Wege abgekommen und total verirrt sei. Was sollte er nun wohl anders anfangen, als auf gut Glück weiter marschieren? Und das tat er denn auch in missmutigster Stimmung.

So fortwandernd sah unser Schuster plötzlich eine baumlange Gestalt im weiten dunklen Mantel, den Hut so tief ins Gesicht gedrückt, dass kaum der Mund zu sehen war, mit einer Laterne in der linken Hand rüstig an seiner Seite schreiten. Dem armen Schuster wurde ganz unheimlich hierbei zu Sinn; doch ging er ruhig weiter, fortwährend von der ungebetenen stummen Gesellschaft begleitet. Zuletzt wurde ihm dies aber über und er fragte daher die unheimliche Gestalt in barschem Tone: ihm doch endlich zu sagen, warum er ihn begleite, oder sich sonst zum Teufel zu scheren.

Hierdurch hatte es aber der Schuster mit dem Unheimlichen verdorben; denn nun hüpfte er bald vor ihm, bald auf der einen, bald auf der anderen Seite, so dass er nicht vor noch seitwärts, sondern bloß nur rückwärts konnte.

Dies Spielwerk dauerte eine ganze Zeit, wohl eine volle Stunde; oftmals strauchelte der Geängstigte hierbei und stürzte dann der ganzen Länge nach rücklings in den tiefen Schmutz. Da fiel ihm endlich zu seinem Glücke eine noch von seiner alten seligen Großmutter gelernte Beschwörungsformel ein. Diese betete er in seiner großen Not und Angst laut vor sich, hin und augenblicklich war der Spuk verschwunden.

Jetzt sah er auch ein Licht in der Ferne glänzen, worauf er flugs losschritt. Bald erkannte er, dass es ihm aus Sülz entgegenblinke und dass er sich auf dem Reddersdorfer, Felde befunden, wo er sich ohne Zweifel mit dem dort spukenden früheren Besitzer umhergetummelt hatte.
Gerade schlug es zwölf Uhr, als der Schuster endlich des Nachts wieder glücklich in seinerWohnung zu Sülz angelangt war.

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