Der spukende Gefangenenwärter zwischen Neuburg und Steinhausen bei Wismar

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von Frau Dr. L. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Wismar, Neuburg, Steinhausen, Schäfer
Nahe bei dem Dorfe Neuburg, unweit Wismar, liegt ein ziemlich hoher Berg, auf dem Johann I. von Mecklenburg*) im Jahre 1244 ein Schloss zum Witwensitz für seine Gemahlin Luitgard**), eine geborene Gräfin Henneberg, erbauen ließ. Die Burg ist aber nach dem Tode der Luitgard wieder abgebrochen, und soll von den Steinen derselben die Kirche zu Neuburg gebaut sein.

*) Johann I., Herr von Mecklenburg regierte von 1227 und starb 1264.
**) Luitgard starb den 11. Juni 1268.


Die Sage weiß auch noch, dass früher einmal auf dem Gipfel des genannten Berges — ob vor, oder nach dem Schloss der Luitgard, darüber schweigt sie — eine feste Raubritterburg gestanden hat, deren Insassen die ganze Umgegend beunruhigten, hauptsächlich aber das nahegelegene Steinhaufen. Der darauf wohnende Edelmann konnte sich nicht mehr vor den Räubern retten oder bergen; alle Tage fast wurde er von ihnen geplündert, und schließlich raubten sie ihm seine älteste Tochter, eine holde Jungfrau in der schönsten Blühte ihrer Jahre.

Als das arme geängstigte Geschöpf nicht, so wie der Raubritter es wünschte, sein Weib werten wollte, wurde sie in den tiefsten Kerker geworfen, wo sie alsbald vor Hunger und allen möglichen Qualen ihr junges Leben aushauchte.

Dass der Steinhausen’sche Edelmann alles nur Erdenkliche zur Befreiung seiner armen Tochter tat, kann man sich wohl denken; als er aber von dem schrecklichen Ende derselben hörte, da schwur der tief erzürnte Vater der ganzen Bande ihren Untergang. Es gelang ihm denn auch, Minen in dem Berg anzulegen und das Raubschloss mitsamt seinen Bewohnern in die Luft zu sprengen.

Die vergrabenen Schätze der Räuber befinden sich jedoch noch jetzt in dem Berge, darunter auch eine goldene Wiege mit Edelsteinen etc. gefüllt, die vom Teufel bewacht wird.

Wohl Jahrhunderte hindurch war diese Geschichte frisch in dem Gedächtnis aller Einwohner von Neuburg und Steinhaufen geblieben; doch wie es gewöhnlich mit allen Begebenheiten ist, dass sie nach und nach in Vergessenheit geraten, so war es auch hiermit der Fall. Von einem alten Schäfer, der auf dem Hofe zu Steinhausen sich vermietet hatte, wurde die Sache aber wiederum aufgefrischt. Derselbe war nämlich ein Neujahrskind, das heißt, in der Neujahrsnacht zwischen zwölf und ein Uhr geboren; und, wie bekannt, sagen die Leute, dass solche Menschen Gespenster und allen Spuk sehen können.

Es war im Sommer, unser Schäfer blieb mit seiner Herde des Nachts draußen auf freiem Felde und hatte fein Lager nicht weit ab von dem Wege zwischen Steinhausen und Neuburg aufgeschlagen. Von hier ans sah er nun häufig, wie in später Abendstunde ein Mann in altfränkischer Kleidung, mit einem Schlüsselbunde am Gürtel und einer Laterne in der Hand, bei ihm vorbei eilte und in der Ferne verschwand. Alte erfahrene Leute, denen er von dieser seltsamen Erscheinung erzählte, rieten ihm, den Spuk anzureden.

Der Schäfer wollte dies anfänglich nicht wagen, doch endlich fasste er sich ein Herz, und, als am nächsten Abend die unheimliche Gestalt sich wieder zeigte, redete er sie an. Auf alle seine vielen Fragen erhielt er jedoch nicht die mindeste Antwort. Da rief er denn endlich: „Guter Freund, so möge Dir denn unser liebe Herrgott Helfen und Dir gnädig sein!"

Doch wie der alte Hirte kaum diese Worte gesprochen hatte, da fing die seltsame Erscheinung an zu reden und sprach: „Durch Deine letzten Worte, lieber Mann, hast Du mich erlöst! Schon Jahrhunderte hindurch wandele ich diesen Weg, vergebens auf Erlösung hoffend. Ich war nämlich der Gefangenwärter auf jenem Raubschloss bei Neuburg, das vor dreihundert Jahren in die Luft gesprengt worden. Zur Strafe dafür, dass ich auf das Flehen des unglücklichen Fräuleins von Steinhausen nicht gehört und sie statt jeglicher Hilfe stets nur auf den Teufel verwiesen habe, wurde ich von der Vorsehung verdammt, so lange diesen Weg mit der Laterne in der Hand zu wandeln, bis ein braver, frommer Mensch Gottes Hilfe für mich erbitte und mich so erlöse, was Du jetzt getan und wofür ich Dir aus tiefster Seele danke."

Als der Geist also geredet hatte, verschwand er vor des Schäfers sichtlichen Augen und ist hinfort nie wieder gesehen worden.

Unser Schäfer aber lebte nur noch eine ganz kurze Zeit nach dieser Begebenheit, und mit dem Bewusstsein, eine arme Menschenseele erlöset zu haben, schlummerte er sanft in jene bessere Welt hinüber.

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Schäfermeister

Schäfermeister

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg