Der spukende Fischer auf der Ostsee bei Alt-Gaarz.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Fischer, Alt-Gaarz, Ostsee
Charfreitag war's, feierlich ertönten von dem Kirchturme zu Alt-Gaarz die Glocken und luden ein zum gemeinsamen Dienste des Herrn. Während alle die gottesfürchtigen Strandbewohner, diesem Rufe folgend, im Feststaate zur Kirche eilten, dort beteten, die Predigt hörten und Gott, ihren Schöpfer lobeten und priesen, fahr Einer von ihnen, der Fischer Hans Peter, in seinen alltäglichen Kleidern hinaus in die See, um Angeln auszuwerfen. Für diesen gab es nämlich keinen Festtag; er glaubte nicht an Gott, nicht an Seine Gerechtigkeit, nicht an ein Fortleben der Seele und eine ewige Glückseligkeit; er war ein gottloser, wilder, roher und gefühlloser Geselle.

Obgleich Hans Peter auch von seinem Nachbar aufgefordert war, mit in das Gotteshaus zu kommen, obgleich ihn auch sein braves Weib flehentlich und mit Tränen in den Augen gebeten, sie, nach eben erst überstandenem Wochenbette, dorthin zu begleiten, um gemein­schaftlich mit ihm dem Höchsten ihr Dankgebet darzubringen für ihre glückliche Genesung, für die gnädige Erhaltung ihres lieben, zarten Säuglings, so hatte ihn doch nichts, weder Bitten noch Vorstellungen, erweichen und zum Mitgehen bewegen können. Spottend und Gott verhöhnend ging er dahin, warf seine Angelgerätschaften über die Schulter und stach bald darauf in See.

Als Hans Peter die hohe See erreicht, begann er, die Melodie eines leichtfertigen Liedes vor sich hinpfeifend, seine Angeln auszuwerfen. Es war ein prächtiger Frühlingsmorgen; die Sonne beleuchtete mit ihren Alles belebenden und erquickenden Strahlen die, wie ein Spiegel ruhig und klar daliegende, große, weite Meeresfläche. Hans Peter sah von seinem Bote aus den weithin sichtbaren Thurm der heimatlichen Dorfkirche, und deutlich hörte er den frommen Gesang der dort versammelten alt-gaarzer Gemeinde. Es war so friedlich, so feierlich und schön in Gottes herrlicher Natur; unserm gottlosen Fischer aber rührte das Alles nicht. Sein verstocktes Herz fühlte und empfand nichts; kalt und gleichgültig blieb er bei allen den ihn umgebenden Naturschönheiten, bei dem feierlichen Gesänge der frommen Kirchengänger, der durch die Stille des Morgens zu ihm herüber drang, ja er lachte und spottete sogar über Beides und verhöhnte aufs Neue Gott und Sein Wort.

Doch der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der Seinen Namen missbraucht; ob früher oder später, den Schänder des dritten Gebots, den Spötter Seines heiligen Namens ereilt doch gewiss immer die wohlverdiente Strafe. Hier sollte sie sofort erfolgen. Denn plötzlich erhob sich ein Wirbelwind, hohe Wellen türmten sich auf, warfen das leichte Fahrzeug gleich einem Federbälle hin und her und verschlangen bald darauf Fischer und Kahn.

So fand der schlechte Hans Peter, ohne Reue und Buße, tief unten auf feuchtem Meeres­grunde sein einsam Grab.

Seit dieser Zeit soll nun an jedem Charfreitage der Fischer in seinem Bote auf der See bei Alt-Gaarz erscheinen und dort während des Vormittags-Gottesdienstes ruhelos umherfahren; gleichsam zur Mahnung für die Strandbewohner, stets nur auf Gottes Wegen zu wan­deln und den Tag des Herrn heilig und in Ehren zu halten!

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Hart ist das Leben für die Fischer an der Ostsee.

Hart ist das Leben für die Fischer an der Ostsee.