Der spukende Erbsendieb auf dem Hofe zu Klein-Niendorf bei Lübz

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
In einem der Klein-Niendorfer Hofgebäude, in dem sogenannten Schweinehause soll's Nachts nicht recht geheuer sein. Ein Geist soll dann dort sein Wesen treiben, gewaltig herumpoltern und toben und die in seinem Spukreviere sich grade aufhaltenden Menschen gar sehr beunruhigen und necken. In diesem Schweinehause ist auch die sogenannte Rollkammer, — nach der sich dort befindenden Zeugrolle so benannt, — in welcher gewöhnlich zwei Betten stehen, worin öfter, wenn sonst kein Platz mehr auf dem Hofe ist, fremde Kutscher, oder daselbst beschäftigte Handwerker aus der Stadt schlafen müssen. Von der Rollkammer führt eine Treppe auf den Boden des Schweinehauses, der durch eine Falltür verschlossen wird. Und wie noch heute gewöhnlich Korn auf diesem Boden lagert, so wurde dort auch schon früher immer solches aufbewahrt.

Der Sage nach diente vor vielen Jahren ein Knecht auf dem Hofe, der es ganz ausgezeichnet verstand, sich des Nachts unbemerkt in die Rollkammer zu schleichen, von wo er dann auf den Boden stieg und für seine Pferde das beste Korn stahl. Die andern Hofknechte zerbrachen sich viel den Kopf darüber, wovon es wohl komme, dass das Gespann ihres Kameraden immer so auffallend schön, voll und wohlgenährt aussehe, obgleich er doch auch nicht mehr Korn für seine Pferde bekam, wie jeder Andere. Oft stellten sie ihn dieserhalb zur Rede und verschwiegen dann auch ihm gegenüber nicht ihre Vermutung, dass er sich gewiss Korn stehle; denn sonst, meinten sie, sei es nicht möglich, dass seine Pferde, die doch früher auch nicht besser als die ihrigen gewesen waren, jetzt so gut im Stande sein könnten. Beharrlich leugnete dieser aber stets seinen nächtlichen Diebstahl, und als eines Abends seine Kameraden wieder in ihn drangen und ihn mit Fragen und Bitten förmlich bestürmten, sagte er endlich, um sich Ruhe zu verschaffen:

„Ne Jung'ns, ick stähl warraftig keen Kuhrn nich, und will't Knick bräcken, wenn ick leegen doh!"*)

*) Plattdeutsch, wie es in dortiger Gegend gesprochen wird, — „Nein Jungen, ich stehle wahrhaftig kein Korn, und will das Genicke brechen, wenn ich lüge!"'
Bekanntlich wird das Plattdeutsche in unserm lieben Heimatlande sehr verschieden gesprochen, nicht allein jede Gegend hat ihre eigene Mundart, — man vergleiche z. B. einmal das in den Gegenden um Grabow, Wittenburg, Schönberg, Bützow, Malchin, Röbel, Strelitz, an der Ostseeküste etc. gesprochene Platt mit einander, welche große Verschiedenartigkeit wird man da nicht finden, — sondern es geht sogar soweit, dass oft schon in zwei nahe bei einander liegenden Dörfern ein und dasselbe Wort ganz anders gesprochen wird. Dazu kommt nun, dass es in der einen Gegend auch noch so manche Ausdrücke, Benennungen und Redensarten gibt, die in der andern ganz unbekannt, ja selbst unverständlich sind. Rechnet man hierzu endlich noch die vielen Abarten und Übergänge der verschiedenen, im Lande üblichen Sprachweisen und Mundarten, so stellt sich in unsern guten Großherzogtümern, trotz ihrer geringen Größe, eine wirklich ungeheure Mannigfaltigkeit der plattdeutschen Sprache heraus. Da es nun mein Streben ist, die Sagen möglichst so zu erzählen, wie sie noch jetzt im Munde des Volkes fortleben, so wird man es natürlich finden, dass ich auch das Plattdeutsche möglichst so wiederzugeben suche, wie es grade an dem betreffenden Orte gesprochen wird. Eben deshalb konnte ich mich auch nicht dazu verstehen, wie es mir von einer sonst hochgeschätzten Seite angeraten wurde, das in dieser Sammlung vorkommende Plattdeutsch nur allein so zu schreiben, wie es nach der historischen Entwicklung in der Literatur üblich sei; da ich auch hierin so viel als möglich nach Leben, Wirklichkeit und Wahrheit streben wollte.



In derselben Nacht aber schon, als Alles schlief, schlich unser Knecht wieder auf den Kornboden. Schon hatte er sich einen ganzen Sack mit Erbsen vollgeschaufelt, schon lag derselbe auf seinem breiten Rücken und eben war er im Begriff sich damit zu entfernen, als er plötzlich fehltrat und die Treppen hinunter stürzte. Am nächsten Morgen fand man ihn mit gebrochenem Genicke, als Leiche auf den Dielen der Rollkammer liegen und ihm zur Seite den vollen Sack mit den gestohlenen Erbsen. — Gott der die freche Lüge gehört, hatte sie schrecklich, und so bald schon gerächt! —
Das bereits erwähnte Spuken stammt nun noch von diesem Knechte her, der noch immer keine Ruhe gefunden und daher allnächtlich umgehen soll. Jedermann auf dem Hofe, wie die Tagelöhnerleute im Dorfe wissen dies auch sehr gut und deshalb würde auch so leicht Keiner von ihnen sich in die Rollkammer hinlegen und dort schlafen. Die fremden Leute, die's vorher nicht wussten oder nicht glauben wollten und dort schliefen, haben's aber immer bald genug erfahren, indem des Nachts über ihnen auf dem Boden ein Getöse und Wirtschaften entstand, dass es kaum zu ertragen und mit anzuhören war. „Oft ist's aber auch" — erzählte ein alter Töpfermeister aus Lübz, der da ebenfalls eine Nacht geschlafen, nachher sich aber ein anderes Nachtquartier gesucht hatte, — „als stürze etwas Schweres, etwa wie ein Sack mit Korn oder wie ein menschlicher Körper anzuhören, von dem Boden auf der Treppe herunter an die Erde." Andern dort Schlafenden ist es passiert, dass sie durch Abziehen ihres Deckbettes geweckt wurden, und wenn sie sich solches wieder hinaufgezogen, ist's ihnen immer wieder weggerissen worden, und zwar mit immer größerer Kraft und Gewalt. Kurz, wie auch der alte Lübzer Töpfermeister sagt, wer dort in der Rollkammer einmal eine Nacht geschlafen, dankt für das zweite Mal.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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