Der spukende Bäcker von Parchim.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von A. C. F. Krohn zu Penzlin, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Parchim, Plage, Bäcker, Geisterbanner, Spuk, Geist, Raubritter, Fangelturm, Räuber, Räubereien
„Menschen, die ohne Reue gestorben sind, oder solche, die eine schwere, ungebüßte Sünde mit sich ins Grab nehmen, finden dort keine Ruhe, sondern müssen, sich zur Strafe und Andern zur Last und Plage, auch noch nach ihrem Tode auf Erden wandern”, also behaupteten die Alten, und sie wussten gar manche Geschichte als Beleg dazu zu erzählen.

Hierher gehört auch die Sage von jenem Bäcker zu Parchim, der, als er gestorben war, keine Ruhe im Grabe fand, sondern als spukender Geist in seine frühere Behausung zurückkehren musste. Sonst pflegt der Spuk meist nur während der Nacht, die keines Menschen Freund ist, sein Unwesen zu treiben und am Tage Ruhe zu haben; hier aber schien es umgekehrt zu sein. Auch schabernackte der Spuk weniger die Hausbewohner, als vielmehr fremde Leute.

Nicht lange nach seinem Begräbnis sah nämlich der Bäcker, wie er ehedem leibte und lebte, zum Schrecken der Vorübergehenden aus den Dachluken seines Hauses, indem er bald den Einen mit teuflischem Gelächter verspottete und verhöhnte, bald den Andern wieder mit Steinen warf und überhaupt Keinen ungeschoren vorbei ließ.

Da kam es denn in kurzer Zeit dahin, dass man das berüchtigte Haus so viel als irgend möglich mied und dadurch den Besitzer des Hauses zwang, einen Geisterbanner zur Vertreibung des Spukes kommen zu lassen. Es fand sich auch nach längerem Suchen ein in dieser Wissenschaft bewanderter Mann. Nun musste aber dieser sich nicht recht auf seine Kunst verstehen, oder der Geist musste auch zu schlau sein; kurz und gut, das Einfangen wollte nicht recht von Statten gehen.

Glaubte der Mann den Spuk sicher in einer Stube zu haben, wutsch, war dieser wieder aus einer kleinen unbemerkten Öffnung entwischt, und so ging das Jagen ohne Aufhören von Stube zu Stube. Endlich hatte er ihn glücklich in eine Stube getrieben, aus der weiter kein Entkommen als durch das Schlüsselloch möglich war. Dies war einstweilen mit Papier zugestopft; nun aber musste einer der Helfershelfer ein Lägel mit dem Spundloch davorhalten, dann zog der Banner den Papierpfropfen heraus und jagte den Geist wieder auf. Dieser gewahrte nicht sobald den Ausweg, als er auch schon hinaus, aber damit auch zugleich in sein Gefängnis hineinschlüpfte. Ehe er sich noch besinnen und wieder entwischen konnte, war das Lägel zugekorkt und somit der Geist in sicherem Verwahrsam.

Jetzt nahm der Banner seinen Gefangenen und trug ihn weit von der Stadt weg, nach dem sogenannten Fangelturme an dem Wege nach Strahlendorf und Lanken. Dieser Turm stammte noch aus der Zeit der Raubritter und war nebst den sogenannten Landwehren oder Landgraben, welche die Stadtfeldmark einschlossen, zum Schutze gegen die zahllosen Räubereien errichtet. Nach einer alten Sage sollte sich Parchim früher bis zu diesem eine halbe Meile von der Stadt entfernt liegenden Turme erstreckt haben.

Nach diesem Turme nun wurde unser Bäcker gebracht und ihm dort sein Wohnsitz angewiesen, den er unter keinem Umstande verlassen sollte, und man hat auch nie wieder von ihm in Parchim selbst etwas gespürt. Dafür machte er es aber bei dem Turme desto ärger und war durch seine tollen Streiche eine wahre Plage für die Vorübergehenden. Er warf sie mit Steinen, hockte ihnen auf den Rücken, machte den Reitern ihre Pferde scheu, warf sich auf die vorbeifahrenden Wagen und machte sie so fest, dass sie oft gar nicht von der Stelle kommen konnten. Ließ er dann endlich die Gequälten und Geneckten weiterziehen, so verhöhnte er sie noch mit schallendem Gelächter.

Da war es natürlich kein Wunder, dass der alte Turm bald gar arg in Verruf kam, also dass ihn Niemand ohne Not und dann nur mit Zittern und Zagen passierte. Ja, noch vor fünfzig Jahren mied man ihn, wie mir Jemand aus Parchim versicherte, so viel man nur konnte und machte sich gern einen Umweg von einer halben Stunde, um nur dem berüchtigten Turme aus dem Wege zu gehen.

Jetzt ist der böse Geist verschwunden und wird also auch wohl endlich erlöst sein.

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Raubritter überfallen einen Handelszug

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