Der mit dem Teufel im Bunde stehende Amtmann R. zu Klein-Nemerow bei Stargard

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Usadel, Klein-Nemerow, Teufel, Amtmann, Höllenqual
Bald nachdem die frühere Johanniterkomturei Nemerow in ein weltliches Besitztum verwandelt worden war, wohnte auf Klein-Nemerow ein steinreicher Pächter, Amtmann R . . . mit Namen, der, wie die Leute noch heute erzählen, mit dem Bösen im Bunde stand und hierdurch sein ungeheures Vermögen erworben hatte.

Je älter der Amtmann aber wurde, desto mehr reute ihn sein mit dem Teufel geschlossenes Bündnis; denn obgleich dieser ihn auch mit Glück und Reichtümern aller Art überschüttete, so wurde er dessen doch nicht froh; immer häufiger musste er an das Ende seines kurzen irdischen Glückes und die dann darauf folgende ewige Höllenqual denken. Daher kam es auch, dass er eines Tages einem alten Hoftagelöhner, der gerade bei einem Zaun um die Koppel arbeitete, wo der reiche und herrliche Viehstand des Amtmanns bis an die Knie im üppigsten Klee watend weidete, als ihn dieser mit entzückten Blicken auf sein großes Glück aufmerksam machte, schmerzlich lächelnd er widerte: „Ach Alter, was hilft mir all mein Glück und Überfluss; gerne gäbe ich soviel Geld dahin, als meine beiden besten Pferde vom Hofe herunter ziehen können, wenn ich dafür mein Leben wieder kaufen könnte!" — und mit tränenden Augen wendete er sich ab und ging dahin. Der alte Tagelöhner aber dachte bei sich: Ja, ja, hat Recht, der Herr Amtmann; — beneid' ihn nicht. — Bin zwar nur arm, recht arm, — tausch' aber dennoch nicht mit ihm! —

Als der Kontrakt, den der Amtmann R. mit dem Teufel gemacht, bald abgelaufen war, erschien dieser eines Tages auf dem Klein-Nemerow’schen Hofe, um Ersteren daran zu mahnen, dass er nächstens ganz sein sei und dann mit ihm kommen müsse. Der Amtmann aber hatte natürlich keine Lust, schon so bald von seinen Schätzen zu scheiden und in Gesellschaft seines sauberen Gastes in die Hölle zu reisen. Er bat und flehte deshalb um Aufschub und Verlängerung seiner Frist, wofür er dem Bösen dann auch allerlei Dienste und Gefälligkeiten zu leisten versprach. Anfangs wollte sich zwar Meister Urian nicht recht hierzu verstehen, als aber der Amtmann versprach, ihm vielleicht noch eine Menschenseele zu überliefern, da wurde er immer nachgiebiger und gefälliger. Und so einigten sich denn beide, nach vielen Hin- und Herreden, endlich dahin: dass wenn der Amtmann dem Teufel noch heute einen Menschen als seine dereinstige Beute verschaffe, dieser dafür dann auch, wie die Leute sich ausdrücken, „leiblich" mit Ersterem verfahren wolle, das heißt, ihn so lange in Ruhe zu lassen, bis er, wie andere ehrliche Christenmenschen, eines natürlichen Todes auf dem Bette gestorben sei, und dann erst mit seiner Leiche davon zu gehen.

Der Amtmann ließ nun zu diesem Zweck sofort einen seiner Arbeitsleute rufen, von dem er wusste, dass er sehr habgierig sei und von dem er daher auch für eine bedeutende Summe Geldes Erfüllung seines Wunsches hoffte. Der also Gerufene, Denkert mit Namen, trat auch bald hiernach in das Arbeitszimmer seines Brotherrn ein, wo dieser nebst seinem noblen Kumpan hinter dem Tische saß. Vor ihnen auf dem Tische lag ein dickes Buch, mit allerlei sonderbaren Zeichen und Figuren bedeckt, zur Seite desselben aber stand ein großer Hut, bis oben mit blinkenden Goldstücken gefüllt.

Alsbald wendete sich der Amtmann zu dem staunenden Denkert und sagte ihm, wenn er mit seinem Blute seinen Namen in dies Buch, das dem bei ihm sitzenden fremden Herrn gehöre, einschreiben und über diese ganze Angelegenheit zu Jedermann schweigen wolle, dann solle er auch den ganzen Hut voll Geld haben.

Geblendet von den vielen Goldstücken und nichts sonderlich Arges ahnend, war unser Tagelöhner sogleich bereit hierzu. Schnell griff er in die Tasche, um sein Brotmesser hervor zu holen, sich damit ein kleines Loch zu ritzen und dann mit dem Blut seinen Namen in das wunderbare Buch zu tragen. Da ihm das Messer beim Hervorholen zufällig auf den Boden fiel, bückte er sich, um es wieder aufzuheben. Aber welch Entsetzen erfasste ihn hierbei, als er unter dem langen Mantel des Fremden einen Pferde- und einen Hühnerfuß hervorblicken sah. Nun ging ihm mit einem Male ein Licht auf, das war der leihaftige Gottseibeiuns, dem er also seine Seele verschreiben sollte; und wütend über eine solche schändliche Hinterlist, spannte der empörte Denkert jetzt ganz andere Saiten auf. Er stampfte mit den Füßen, er schimpfte, fluchte und tobte, dass man ihn so hätte hinters Licht führen wollen, das solle aber den sauberen Herrschaften nicht gelingen etc.

Eine Weile ließ man den Denkert ruhig wüten, als er aber noch immer nicht schweigen wollte, da erhob sich der Teufel selbst, packte den Tobenden bei der Gurgel und befahl ihm, sogleich ruhig zu sein und den losen Mund zu halten, sonst würde es ihm übel ergehen.

Unser Arbeitsmann, der so etwas nicht vermutet haben mochte, war hiernach denn auch wie umgewandelt und still und geduldig wie ein Lamm geworden; er zitterte und bebte wie Espenlaub und bat mit kläglicher Stimme, die gnädigen Herren möchten ihn doch jetzt gehen lassen, er wolle nun auch gerne artig sein und über Alles das tiefste Stillschweigen beobachten.

Drohend erwiderte der Amtmann hierauf, dass er gehen könne, wenn er ihnen einen Andern für sich schicken wolle; tue er das und sage er von dem hier Gesehenen und Passierten zu keinem Menschen eine Silbe, dann solle ihm sein Leben geschenkt sein, wenn nicht — und dabei deutete er auf den Teufel — so werde ihm sofort das Genick umgedreht.

Der angsterfüllte Denkert gelobte alles Mögliche an und eilte dann unter tiefen Bücklingen aus dem unheimlichen Zimmer. Spornstreichs lief er jetzt zu dem Reitknecht Rollwitz und beredete ihn, sogleich einmal nach dem Zimmer ihres Herrn zu gehen, man werde ihm dort einen glänzenden Antrag machen und viel Geld geben, wenn er dafür eine Kleinigkeit tue. Er komme eben auch daher und, setzte er lügend hinzu, sei jetzt ein reicher Mann geworden; als guter Freund von ihm wolle er auch ihm nun hierdurch den leichten Weg gezeigt haben, um ebenfalls schnell reich und glücklich zu werden.

Der betörte Rollwitz ging richtig in die Falle; denn er hatte hiernach nichts Eiligeres zu tun, als in das Zimmer seines Herrn zu gehen. Diesem gelang es nun auch leicht, den armen Reitknecht dahin zu bringen, dass er mit eigenem Blute seinen Namen in das Buch des Fremden schrieb. Kaum war dies aber geschehen, so erhob sich auch schon der Teufel von seinem Sitze, reichte dem arglosen Rollwitz den Hut voller blanker Goldstücke und sprach hohnlachend: „Jetzt bist Du mein, danke dies Deinem Herrn Amtmann!" und damit schwang er sich auf, es geschah ein Donnerschlag, Funken sprühten umher und der Teufel war verschwunden.

Verzweiflungsvoll stürzte jetzt der so schändlich betrogene und hintergangene Reitknecht aus dem Hause. Er eilte nach dem Dorfe, wo seine alte brave Mutter wohnte und schüttete ihr das erhaltene Geld mit den Worten in den Schoß: „Hier, Mutter, habt Ihr das Teufelsgeld!" Darauf rannte er zurück nach dem Hofe, in den Pferdestall und schrie laut, dass es einen Stein erbarmen konnte. Den Leuten aber, die ihn fragten, was ihm fehle, sagte er: „Oh, Ihr wisst's nur nicht, wie's ist, wenn man sich mit dem Teufel abgegeben hat!"

So quälte und härmte sich der unglückselige Rollwitz eine Zeit lang unaufhörlich ab. Er aß und trank nicht, er hatte keine Ruhe bei Tag und Nacht und siechte sichtlich dahin; aus dem sonst so frischen, muntern Jüngling war in ein paar Tagen ein jugendlicher, hinfälliger Greis geworden. —

Da nahte der Sonntag; unser arme Reitknecht hatte sich so viel zusammengerafft, um sich den seit ein paar Tagen nicht mehr abgeschnittenen Bart endlich wieder einmal abzunehmen, um dadurch sein ohnehin abschreckendes Aussehen wenigstens in etwas zu verringern. Hiermit beschäftigt stand er vor dem kleinen Spiegel in dem Pferdestall. Soeben hatte er die eine Seite des Bartes abgeschnitten, als plötzlich das Geläut der Kirchenglocken aus dem nahen Groß-Nemerow an sein Ohr schlug. Allerlei traurige Gedanken stürmten hiermit wieder auf ihn ein; er dachte daran, wie jetzt Alles in die Kirche eile und dort zu Gott bete, wie er dies auch sonst getan, — aber ach, nun konnte und durfte er dies nicht mehr, — er gehörte ja dem Teufel, hatte kein Teil mehr an Gott.

Grauen und Entsetzen bemächtigten sich seiner jetzt wieder mit doppelter Gewalt, er warf Alles von sich und lief in wildester Verzweiflung, wie er ging und stand, mit halbgeschorenem Barte hinaus ins Freie. Planlos, bald vor-, bald rückwärts, lief er hier auf dem Felde umher, bis er zufällig an einen Born kam, der zwischen Groß- und Klein-Nemerow, etwa 20 Schritte von der Tollense entfernt, auf einer Wiese liegt. Sich sofort hier hineinstürzen und seinem qualvollen Dasein ein Ende machen, war das Werk eines Augenblicks. —

Diesen Born nannte man von dieser Zeit an den Rollwitzborn, welchen Namen er auch noch heut' und diesen Tag führt.
Ein paar Jahre nach dieser schrecklichen Begebenheit hatte auch des alten Amtmanns R letzte Stunde geschlagen. Unter großer Angst und Seelenpein gab er nach langem Todeskampfe endlich seinen Geist auf. Sobald er tot war, erschien auch sogleich der Teufel, der schon einige Zeit vor der Tür auf der Lauer gestanden hatte, erfasste sein Eigentum und fuhr damit durch das Fenster, hinab in sein Höllenreich. Ein langer Blutstreifen an der Stubenwand bezeichnete die Art und Weise, wie der Böse mit dem noch halb warmen Leichnam des Amtmanns verfahren, wie er ihn gegen die Wand gequetscht, ehe er damit verschwunden war.

Trotz alles Abkratzens und Übertünchens blieb diese Blutspur doch noch viele Jahre sichtbar, weshalb der Nachfolger des Amtmanns R. sie durch das Vorsetzen einer großen Himmelbettstelle zu verbergen pflegte. Erst mit dem Umbau des Herrenhauses ist auch dies schaurige Erinnerungszeichen für immer vernichtet worden.

Nach dem Tode des Amtmanns sah man öfter in dunklen Nächten diesen und den Rollwitz auf der Strecke von Klein-Nemerow bis zum Rollwitzborn, wie sie dann dort miteinander rangen und sich umher stießen und schlugen; und auch jetzt soll's dort noch immer nicht recht geheuer sein.

Der Arbeitsmann Denkert, der später nach dem nicht weit von Nemerow entfernten Usadel gezogen war, soll noch jährlich, so lange er lebte, von den Nachkommen des Amtmanns R. mehrere Goldstücke dafür bekommen haben, dass er über den ganzen Vorfall geschwiegen hat. Trotzdem aber hat die Welt doch Alles, was in Klein-Nemerow Schreckliches passiert ist, erfahren und es von Geschlecht zu Geschlecht wieder erzählt bis auf den heutigen Tag.

.

.

.