Der leichtsinnige Schäfer und die geweihte Hostie von Bad Doberan.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von L. Pechel, Organist und Lehrer zu Röbel, Erscheinungsjahr: 1858

Neuaufgelegt: 1558
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Während der Kämpfe, die der große Hohenstaufe Friedrich I. mit den lombardischen Städten zu bestehen hatte, war Mecklenburg von Heinrich dem Löwen, Herzoge von Sachsen und Bayern, erobert worden, und es mussten die alten Wenden ihrem heidnischen Wesen entsagen und wurden durch die Taufe in die christliche Kirche aufgenommen. So entwand sich unser Vaterland dem finstern Heidentume, und das helle Licht göttlichen Wortes entfaltete seinen Segen.

Durch jene Kriege des Herzogs und durch wiederholte Aufstände der Wenden und Einfälle der Dänen waren aber die mecklenburgischen Lande entsetzlich verwüstet und verödet, und große Scharen gieriger Wölfe beraubten die Bewohner ihres Lebens und brachen würgend in die Herden ein.

Ein Hirte in der Gegend Doberans war täglich den Angriffen dieser Würger ausgesetzt. So unermüdet und mutig er auch seine Schafe beschützte und bewachte, so wurde doch ein Schaf nach dem andern von den Wölfen hinweggetragen, und der Hirte versank in Armut und bittere Not.
An einem Abend, als wiederum das Häuflein um manches Stück vermindert ist und der Hirte mit sorgender Seele den Rest seines Wohlstandes daheim treibt, tritt ihm auf seinem Wege eine in Dämmerlicht gehüllte Männergestalt entgegen, die ihn also anredet: „Was klagest Du um Deine Herde? Warum setzest Du so oft Dein Leben daran, sie zu beschützen? Ich will Dir ein Mittel nennen, das Dich aller Sorge überhebt, Deiner Herde Schutz und Dir Wohlstand bringt: verschaffe Dir eine geweihte Hostie, schließe sie in Deinen Hirtenstab ein und folge damit Deinen Schafen, so werden sie sicher weiden und sich mehren!"

So redet der Unbekannte, der alsbald, in Finsternis; gekleidet, verschwunden ist.

Sinnend geht der Hirte heim. Ihm ist's so gar unheimlich in der Nähe des unbekannten Gefährten gewesen, und nimmer will er seinem Rat folgen.

Doch am anderen Tage würgt der Wolf wieder ein Schaf und noch eines, und der Hirt kann's ihm mit aller aufopfernden Wachsamkeit nicht wehren. Der Rat des Fremden tritt ihm immer wieder vor die Seele; schon schreckt er ihn nicht mehr zurück; er denkt dem weiter nach. Aber woher die Hostie nehmen?

Da tönet durch die Abendstille der Ton der nahen Klosterglocke, die die Brüder zur Vesper ruft. Und schnell ist's beschlossen: er geht morgen ins Kloster, lässt sich dort das heilige Abendmahl reichen und trägt das Brot des Herrn nach Hause, ohne es zu essen.

Am morgenden Tage wird der Entschluss ausgeführt. Der Hirte schließt die geweihte, heilige Hostie in seinen Krummstab ein und trägt ihn seiner Herde nach. Von nun an können die Schafe sicher weiden; kein Wolf nahet sich ihnen. Die wenigen Schafe, die noch verschont geblieben waren, mehren sich von Jahr zu Jahr, und bald sind sie zu einer großen Herde erwachsen. Der arme Hirte ist reich geworden.

Aber wie oft berückt der Reichtum des Menschen Herz und macht ihn übermütig! Der reiche Mann wirft seinen Stab weg und erzählt seinem Weibe in ungebundener Lust, was er einschließe und wozu er genützt. In heiliger Scheu hebt sie ihn auf und legt ihn in einen Schrein. Sogleich ist das Gemach von himmlischem Licht umflossen, das der Stab ausströmt. Die Nachbaren erfahren, was sich in dem Hause des einst so armen Hirten zugetragen, und bald dringt die Kunde davon auch zu den Ohren des frommen Abtes des Doberaner Klosters. Der erschrickt ob des begangenen Frevels. Er ruft die Klosterbrüder zu feierlichem Konvent zusammen, zu beraten, was in dieser hochwichtigen Angelegenheit zu tun sei. Man beschließt, die Hostie in Prozession ins Kloster zu bringen und an einem heiligen Orte aufzubewahren.

Sie treten in das Haus, dessen, Gemach von himmlischem Lichte erfüllet ist, und die Frau reicht ihnen den Stab mit dem Brote des Lebens. Er wird geöffnet, und Tropfen des heiligen Blutes fließen aus der Hostie. Der Abt trägt sie voran, gefolgt von dem ganzen Brüderchor, der heilige Gesänge anstimmt. Sie wird von nun an aufbewahret unter dem Namen des heiligen Blutes, und viel gläubige Christen pilgern dorthin in stiller Andacht und ehren die Kirche und ihre Diener durch reiche Gaben.

Der Hirte aber hat in Reue sein sündliches Beginnen gebüßt und Vergebung erfleht.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

Schäfermeister

Schäfermeister

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

005 Wolf (Canis Lupus)

005 Wolf (Canis Lupus)