Der in der Müritz unweit Waren liegende große Bernstein

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sagen, Volkssagen, Müritz, Waren, Bernstein, Landsee, Mecklenburgische Seenplatte, Nixe, Seejungfrau, Fischer und Schiffer, Seeweib, Wellengrab,
Einer der größten und herrlichsten Bernsteine der Welt ruht, einer alten Sage nach, unweit der Stadt Waren, im tiefen Schoße der Müritz — dieses schönen und größten Landsees, nicht allein Mecklenburgs, sondern auch ganz Norddeutschlands. — Derselbe muss einen ungeheuren Wert haben, denn er soll so groß wie ein Haus und von seltener Reinheit und Durchsichtigkeit sein.

Aber noch keines Menschen Auge hat diesen wundervollen Bernstein erschaut und wird ihn auch wohl je erschauen, da er Tag und Nacht auf das Sorgsamste von einer Nixe der Moritz bewacht wird.

Um diesem ihrer Obhut anvertrauten Kleinode stets nahe zu sein, hat sich die treue Hüterin tief unten auf feuchtem Seesgrunde eine Wohnung aus lauter kleinen Bernsteinstücken — woran die Müritz ziemlich reich und deren sie noch jetzt häufig, namentlich an den nördlichen Ufern bei Waren, auswirft — erbaut. Ihre Schwestern, die Seejungfern aus den andern Teilen der Müritz und den nahe herumliegenden Gewässern, haben ihr in alten Zeiten dabei geholfen, indem sie die größten und klarsten Bernsteinstückchen aus allen Ecken und Enden des umfangreichen Landsees zusammentrugen und ihr daraus dann einen prächtigen Palast kunstvoll zusammenfügen halfen.

Mit ängstlicher Aufmerksamkeit bewacht nun seit dieser Zeit die Nixe in ihrem durchsichtigen Hause diesen schönsten und herrlichsten Bernstein, und verbirgt das ihrem Schutze übergebene, unschätzbare Gut den Blicken der habsüchtigen Menschen.

Niemand darf sich ihrer Wohnung ungestraft nähern, und Jedermann sucht deshalb auch so viel als möglich ihr Gebiet zu meiden und hütet sich, dahin zu kommen. Naht sich aber dennoch Jemand unbewusst ihrem Palaste, fährt einmal zufällig ein Nachen über denselben hinweg, dann bemächtigt sie sich seiner, dann hält sie ihn mit unsichtbaren Fingern fest, dass er weder vor- noch rückwärts kann, und beunruhigt und ängstigt die darin Sitzenden, die, wenn sie endlich wieder nach langer Zeit von ihr losgelassen werden, noch von großem Glücke nachsagen können, so mit dem bloßen Schrecken davon gekommen zu sein. Der Verwegene aber, welcher wissend mit seinem Boote der Seejungfer Bereich überfährt, ist des Todes; denn sofort ergreift sie ihn und zieht ihn hinunter ins schaurige Wellengrab.

Weiß man nun auch wohl ziemlich die Gegend ihres Wohnortes, so weiß doch Niemand genau die Stelle anzugeben, wo er grade gelegen ist. Die Fischer und Schiffer, wie auch solche Leute, welche häufig mit ihren Fahrzeugen die blaue Fläche der Müritz durchfurchen und auf dem Wasser Bescheid wissen, werden selten von dieser den großen Bernstein bewachenden Nixe belästiget, da sie wenigstens doch ungefähr ihren Aufenthaltsort kennen und ihn stets zu umgehen bestrebt sind. Aber weniger auf dem Wasser Bescheid Wissende kommen mitunter ohne Absicht und Willen in ihre Nähe, und daher kommt es denn, dass man zuweilen hört: wie plötzlich auf hoher Müritz ein Kahn mit einem Male, als sei er angebannt, festgesessen und nicht von der Stelle gekonnt, wie sich die Leute in demselben beunruhiget und geängstigt, und wie sie dann endlich erst nach langen, vergeblichen Anstrengungen und Bemühungen, nach vielen Bitten, Beten und Weinen, schweißtriefend und todesmatt wieder losgekommen sind etc. *)

Das ist dann das Seeweib gewesen, die entweder aus Sorge für den bewachten Bernstein, oder aus Zorn über ihre gestörte Ruhe die Menschen festgehalten, gequält und geängstigt hat, um in Zukunft nicht wieder von ihnen gestört und beunruhigt zu werden.

*) Noch vor ein Paar Jahren soll es so einer lustfahrenden Gesellschaft auf der Müritz ergangen sein.

.

.

.