Der heilige Bonifatius

Aus: Mecklenburgische Sagen
Autor: Studemund, Friedrich (1784-1857) Pastor an der Nikolaikirche in Schwerin, Erscheinungsjahr: 1848
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Sagen, Christentum, Religion, Bonifatius, Wismar, Wenden
Bonifatius, der Apostel der Deutschen, soll das Evangelium zuerst in Wismar anno 704 nach Chr. Geb. gepredigt haben. (S. Westphali m. in Tom. 3. 72.)

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Diejenigen, welche dafür halten, dass die alten Bewohner Mecklenburgs mit den Waffen in der Hand oder durch einige entschlossene und beredsame Apostel zum Christentum seien bekehrt worden, haben zwar manche historische Beweismittel für sich; allein die Meinung, dass das Christentum schon sehr früh Eingang in unserm Vaterlande gefunden habe, hat nicht minder manche gute Gründe auf ihrer Seite. Wenn man sich Mecklenburg im 6ten, 7ten und 8ten Jahrhunderte nach Christo von einem wilden und ungeschlachten Volke bewohnt denkt, so irrt man sich vielleicht. Da wo Städte standen, wo Handel und Gewerbsamkeit blühten, da konnte die Rohheit der Bewohner so groß nicht sein! Die Einflüsse der Zivilisation auf die Einwohner konnten geringer sein, allein ganz ausbleiben durften sie unmöglich. Eben so wenig, als die Kanadier in Amerika Quebeck ohne Nutzen besuchen, konnten die alten Wenden Mickelinburg und Kyssin, Vineta und Jülin ohne allmähliche Bekanntschaft mit demjenigen betreten, was in den Mauern dieser großen Städte vorging.

Hier wohnten Kaufleute aus allen Gegenden Europas, welche das Christentum bekannten, Kirchen und Klöster erbauten, Schulen anlegten und die Anhänger des Heidentums durch das Feierliche ihrer Religionsgebräuche nach und nach zur Aufmerksamkeit und durch die Bekanntschaft mit den Lehren, welchen sie glaubten, zum Übertritt vermochten. Was in den Städten in dieser Rücksicht vorging, musste auch auf das platte Land Einfluss haben. Einzelne Oberhäupter der Wendenstämme gewannen Vorliebe für die neue Gottes-Verehrung. Man fing an, im Innern des Landes Christentempel zu errichten und Priester bei selbigen anzustellen, und so lange diese genügsam waren und das Reich Gottes, nicht aber ihren Reichtum und ihre Vergötterung suchten, ging alles gut, wenn gleich Neid und Drangsale von Seiten der heidnischen Priester nicht ausbleiben durften.

Als aber die Wenden einsahen, dass man weniger an ihre Bekehrung, als an ihre Bedrückung und Unterjochung dachte, als die Diener der Christus-Religion zu ihrem Schutze fremde Ansiedler, auch mutige Ritter, hereinzogen in das Land, da erwachte der Unwille und das alte Freiheitsgesicht, und man zerstörte mit grausamer Hand das alles wieder, was man mit willigen Händen aufgebaut hatte.

Dann wurden die alten Götzen wieder hervorgesucht, ihre Tempel und heiligen Haine wurden wieder hergestellt und geweiht, und die Macht der zurückgesetzten Drotter oder Mikis wuchs mit der Neigung, die Christen auszurotten. Allein die wohlbefestigten Handelsstädte waren sicher vor dem Verfolgungseifer ihrer wendischen Nachbaren; allmählich kühlte sich die Hitze derselben ab und der eine und der andere Einfluss habende Wende trat wieder zum Christentum über und begünstigte die Verbreitung desselben daheim bei den Seinen, bis dann wieder die Christen zu kühn wurden und neue Verfolgungen über sie ergingen.

Aus den Antworten, welche dem h. Otto die Stettiner gaben, als er sie ermahnte, das Christentum anzunehmen, ersieht man wenigstens, dass diese guten Leute das, Tun und Treiben der sogenannten Christen aus dem Grunde kennen zu lernen Gelegenheit gehabt haben mussten, und dass sie nichts weniger als erbaut davon gewesen. Nach und nach gewöhnten sie sich aber doch wohl die Lehre von dem Leben derer zu unterscheiden, welche sie predigten, und wenn gleich späterhin die wendischen Stämme insgesamt aufstanden, um das fremde Joch abzuwerfen, so waren vielleicht eben so viele Christen unter ihnen, als Heiden, und sie zogen nicht gegen das Christentum zu Felde, sondern gegen die Kirchen, Klöster, Mönche und Priester, welche ihre Güter und ihre Ländereien mit habgierigen Händen an sich zu reißen suchten.

Deshalb antwortete auch Pribislaus, der Wenden König, dem Bischof Gerold zu Lübeck, als dieser ihn ermahnte, Hass und Mord der Christen zu verlassen und die Taufe anzunehmen: „Ehrwürdiger Bischof, du sagst uns zwar Gottes Wort und was zu unserm Heile dienet; aber wie können wir hierzu kommen, da wir mit so vielem Elende überhäuft sind? Höre nur etwas mit Geduld an, was für große Drangsale wir leiden. Das Volk, dass du hier stehest, ist dein, und so ist es denn auch billig, dass ich di unsere Notdurft vorstelle. Nun gebührt sich auch, dass du Mitleid mit uns trägst. Unsere Fürsten, die deutschen, welche über uns herrschen, gebrauchen solche Strenge gegen uns, dass es uns weit erträglicher wäre zu sterben, denn bei solcher unerträglichen Dienstbarkeit und großem Tribut länger zu leben. Siehe, wir, die wir nur noch einen kleinen Winkel des Landes innehaben, müssen diese 1.000 Mark dem Herzoge geben. Ferner dem Grafen von Holstein müssen wir auch so viel 100 dahin zahlen, und ist des Gebens kein Ende; ja man drückt und schnäuzt uns so lange, bis wir nichts mehr haben. Wie ist’s denn möglich, dass wir diese neue Religion annehmen können, und wie haben wir Zeit uns taufen und unterrichten zu lassen? Wie können wir Kirchen stiften, da wir täglich flüchtig im Lande sein müssen; ja, wenn wir nur einen Ort hätten, wo wir sicher hinfliehen möchten! Gingen wir gleich über die Trave, so ist uns eben die Trübsal bereitet, kämen wir bis an die Peene, so ginge es uns nicht besser. Was ist uns denn nun übrig, als dass wir uns aufs Meer begeben und in die Tiefe stürzen, oder würde es uns wohl zuzurechnen sein, wenn wir auf dem Meere Räuberei trieben? Wären nicht vielmehr eure Fürsten Schuld daran, die uns von allem vertreiben?“

Man kann nicht leugnen, dass die Art und Weise, wie man jetzt das Christentum ausbreitet, der Religion angemessener ist, als die damalige, wo man auf gut türkisch mit dem Schwerte in der Hand bekehrte. Sie erfordert vielleicht mehr Zeit, kostet aber dafür auch kein Blut.
Der heilige Bonifatius, Gemälde (1832) von Alfred Rethel

Der heilige Bonifatius, Gemälde (1832) von Alfred Rethel