Der eidbrüchige Handwerksbursche von Parchim - 3. Der Eidschwur.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Ein kalter Wind, schwere Regentropfen mit sich führend, blies aus Nordost und brauste, dichte Staubwolken und falbe Blätter in die Höhe wirbelnd, durch die heute so öden Straßen der Stadt Parchim. Es war einer der trüben, nasskalten Herbsttage, wie sie um diese Zeit, — Ende September, — im Norden Deutschlands schon so oft und häufig vorkommen. Wer jetzt nicht notgedrungen auf der Straße zu tun hatte, blieb daheim im traulichen Stübchen, und hatte sich Jemand draußen befunden, so eilte, er mit verdoppelten Schritten über das Straßenpflaster dahin, um möglichst bald die schützende Behausung zu erreichen.

Ebenso düster und trübe als da draußen, sah es auch jetzt in dem Gemüte eines armen Gefangenen aus, der in dem Stadtgefängnisse seiner heutigen Entlassung entgegenhalte. Ausgestreckt, tief atmend liegt der schwergeprüfte Fritz — denn er war es — auf dem wenigen, halbverfaulten Stroh, in seinem engen Kerker da. Kein Tisch, kein Stuhl befindet sich in demselben, nur ein Krug mit Wasser steht auf dem Boden, ein Stück hartes, verschimmeltes Schwarzbrot liegt dabei, — die Kost des Gefangenen. — Sein tränenfeuchtes Auge drückt tiefen Seelenschmerz und Zerknirschung, seine eingefallenen, bleichen Wangen und scharf markierten Gesichtszüge, Entbehrung, Kummer und Gram aus. Sein neuer schöner Anzug, den er sich so unendlich mühsam erworben, wofür er so lange, lange gespart, ist durch den Aufenthalt in dem engen, schmutzigen Gefängnisse abgescheuert und zerrissen und durch die erhaltenen Stockhiebe mit Blut getränkt. — Das kleine Fenster, hoch oben an der Decke, mit starken Eisenstäben fest vergittert und, wie der ganze übrige Raum der schaurigen Zelle, mit Spinngeweben über und über bezogen, lässt kaum am hellen Mittage das Tageslicht hineinfallen. Jetzt aber, wo es draußen auch so trübe und schon zu dunkeln beginnt, ist hier bereits völlige Nacht eingebrochen.

Da ertönt vom nahen altehrwürdigen St. Georgenkirchturme, mit ernsten, weithin schallenden Schlägen, die fünfte Stunde des Abends; Fritzens Strafzeit geht mit ihr zu Ende, bald war er wieder frei. Seine Kerkertüre öffnet sich, convulsivisch schreckt er zusammen; doch schon packen ihn wiederum die Fäuste des Schließers und zerren ihn mit sich fort an das Tageslicht. Nachdem er nun auch noch den Rest der ihm zuerkannten Stockhiebe auf entblößtem Leibe, so arg und erbarmungslos vom Schließer ausgeteilt, dass auch jetzt wieder das Blut darnach heruntertropfte, erduldet, wird er von zwei Polizei-Sergeanten in die Mitte genommen und, gleich dem gemeinsten Verbrecher, hinaus zum Tore transportiert. Zerknirscht, vernichtet, bis zum Tode erschöpft, geht der Arme zwischen seinen Begleitern einher, er wagt nicht sein Auge aufzuschlagen; oh er hätte vor Scham und Schimpf in die Erde sinken mögen, ach selbst die Steine mussten ihn ja jetzt anblicken. — Plötzlich aber weckt ihn teuflisches Hohngelächter aus seiner Lethargie, es kam von seinem Lehrmeister O., an dessen Hause sein Weg gerade vorüberführte. „Glückliche Reise, in Teufelsnamen, schändlicher, undankbarer Betteljunge!" kreischt der Wütende und spuckt ihm dabei seinen Geifer in das bleiche Angesicht. Vor Zorn und Empörung knirscht Fritz mit den Zähnen, aber ungerecht muss er weiter schreiten, spotteten und höhnten seiner doch selbst auch die ihn begleitenden Polizeimänner. So wird er noch eine Strecke weiter zum Tore hinausgebracht; nochmals wird ihm hier der Befehl, vor Ablauf dreier Jahre nicht zurückzukehren, wiederholt und er dann von seinen Begleitern verlassen.

Allein und von aller Welt gemieden, zitternd vor Kälte und Schwäche, steht er jetzt da, in Regen und Wind, auf öder, einsamer Landstraße. Geschunden und beschimpft musste er die Vaterstadt verlassen; herzlos stieß man ihn hinaus, ohne Geld und sonstige Hilfsmittel, elend und ratlos, hinaus in die weite, weite Welt. Alles hat man dem Ärmsten geraubt, selbst sein größtes Kleinod, die Ehre, sein guter Ruf und Namen ist dahin. — Nur sein neuer Anzug, so schwer und mühsam verdient, ist ihm geblieben, und auch der ist jetzt verdorben und zerrissen.— Oh hatte Fritz das Alles, hatte er eine solche Behandlung verdient!? Bis ins Innerste der Seele erbittert
und vernichtet, steht er jetzt da; Wut, Hass und Rache tobt in seinem Herzen. Unwillig stampft er mit den Füßen, krampfhaft ballen sich seine Fäuste, seine Pulse klopfen und vibrieren. Gottes Fluch und Rache ruft er herab über seine Verfolger und Peiniger, und mit grässlich schrecklichen Eiden schwört er, niemals wieder Parchim, die Stadt, wo er so unendlich viel erduldet und gelitten, zu betreten. Was sollte und konnte ihn auch wohl wieder dahin zurück ziehen? — Ach! die guten Eltern lebten ja nicht mehr, und seit diese der stille Grabhügel deckte, hatte er keine frohe und glückliche Stunde mehr erlebt. Alles war stets hart und gefühllos, ja grausam und ungerecht gegen ihn gewesen; keine Seele lebte in dem Orte, die ihn lieb, die Mitleid und Erbarmen mit ihm gehabt, die gut und freundlich gegen ihn gewesen war. — Und nochmals schwur er, nie wiederkehren, nie wieder seinen Fuß über die Torschwelle der Vaterstadt setzen zu wollen.

Der Mensch aber soll nie unüberlegt, nie in seinem Zorne schwören; so lautet Gottes heiliges Gebot! denn des Herrn Wege sind unbegreiflich, und wunderbar sind Seine Fügungen, und wehe, wehe dann dem Übertreter des zweiten Gebots! —
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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