Der eidbrüchige Handwerksbursche von Parchim - 2. Das Gefängnis.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Munter und vergnügt ging es am Abend dieses Tages auf der Schuhmachergesellen Herberge der. Fritz hatte auch hier erscheinen müssen, um nach altem Brauche ebenfalls von der versammelten Gesellschaft begrüßt und als neuer Genosse aufgenommen zu werden. ER fühlt sich hier so recht wohl und frei, wie schon lange nicht mehr in seinem Leben; auch durfte er ja von nun an jeden Gesellen als Kameraden betrachten und ihn wieder dutzen, konnte ungehindert rauchen und, statt der Mütze, jetzt einen Hut tragen, was ihm früher als Bursche alles nicht erlaubt war. Und so beschloss er denn, nun auch einmal recht vergnügt mit zu sein.

Zu Abend wurde in pleno flott gespeist, dabei auch gehörig der Flasche zugesprochen; aufs Wohl der neuen Gesellen angestoßen und diesen scharf zugetrunken. Und so kam es, dass auch Fritz etwas mehr trank, als er sich vorgenommen, und nach und nach immer lustiger und aufgeregter wurde. Nach aufgehobener Tafel stellten sich die „Liebchen" der verschiedenen Gesellen ein und mit ihnen auch noch andere tanzlustige Mädchen aus dem Orte. Nach kurzer Zeit erschallten denn auch aus dem nahen Tanzsaale die heiteren Melodien eines Walzers, und in frohester Laune drehte sich bald Alles nach dem Takte der Musik umher. Auch unser, sonst so blöde Fritz hatte sich in seiner feurigen Weinlaune dreist ein Mädchen geholt, und tanzte nun ebenfalls so gut es gehen wollte. Dem ersten Tanze folgte ein zweiter, ein dritter und noch viele nach; dazwischen wurde getrunken und mit der neuen Bekanntschaft angestoßen, und so eilten denn die Stunden schnell und im Fluge dahin, und fast schon hatte Fritz das Gebot seines Meisters vergessen, „nicht zu spät nach Hause zu kommen", als er zufällig durch das Fenster blickt und zu seinem nicht geringen Schrecken gewahrt, dass Mitternacht längst vorüber und der neue Morgen bereits zu dämmern beginnt. Schnell greift er nach Hut und Stock, um sich möglichst rasch zu entfernen, wird aber von seinen Kameraden bemerkt und zurückgehalten. Er erzählt diesen die strenge Weisung seines Meisters, was er für Folgen zu erwarten, und bittet wieder und wiederum ihn gehen zu lassen; aber Alles lacht über seine Ängstlichkeit und versperrt ihm den Ausweg. Auch der riesenhaft große Altgeselle, — eine bedeutende Autorität, — trat jetzt herzu und erklärt dem Fritz mit seiner Stentorstimme, dass er jetzt kein Bursche mehr, sondern Geselle sei, sein Meister ihn also nun auch anders als früher behandeln werde und müsse. Wenn derselbe aber dennoch sich mehr herausnehmen, ja wohl gar tätlich gegen ihn werden solle, dann müsse er sich wehren, das erfordere die Ehre jedes braven Schuhmachergesellen, und damit Punktum! Fritz blieb also, tanzte und trank mit den Anderen weiter fort, und verließ mit ihnen erst die Herberge, als schon der helle Morgen angebrochen war. Recht aufgeregt und angetrunken klopfte er bald darauf an die Wohnung des Meisters. Schäumend vor Wut trat ihm dieser entgegen, packte den Armen sofort bei der Gurgel und schleuderte ihn, fluchend und schimpfend, in die Ecke. Unser Fritz, noch zu erregt und eingedenk der Worte des Altgesellen, greift nach einem, in seiner Nähe liegenden Stücke Holz und wirft es gegen den Kopf des Rasenden, den er unglücklicher Weise so gut traf, dass derselbe sofort besinnungslos hinstürzte. Der große Lärm hatte eine Menge Menschen vor dem Hause zusammengelockt, und diese erregten wieder die Aufmerksamkeit der Polizei. Gerade traten zwei Polizei-Sergeanten auf die Hausflur, als Meister O. zu Boden gestürzt und regungslos dalag. Von dem großen Schrecken plötzlich nüchtern geworden, stand Fritz totenbleich und wie vom Schlage gelähmt da, und ließ sich willig und ohne Widerstreben von den Dienern der Justiz in das Gefängnis führen.

Einen schrecklichen Tag, eine grässliche Nacht verlebte Fritz in der düstern Strafzelle. Am Mittage des folgenden Tages hieß ihm der Gefängnisschließer mitkommen, um vor den Gerichtsschranken zu erscheinen. Mechanisch dem Voraufgehenden folgend, wird er in den Gerichtssaal geführt. Fritz zitterte vor Angst und Furcht; er hatte noch nie an einem solchen Orte gestanden. Aller Augen richteten sich auf ihn; nicht allein sämtliche Justizbeamte, welche ihn ernst und strenge anblickten, sind versammelt, auch sein harter Lehrmeister, mit verbundenem Kopfe, wütende Blicke auf ihn schleudernd, ist zugegen. Das Verhör war kurz; Fritz wagte kaum auf die ihm vorgelegten Fragen zu antworten. Desto mehr aber sprach sein Meister, der nicht allein sich ganz unschuldig hinstellte, sondern auch Fritz noch allerlei Schlechtigkeiten beschuldigte und die schändlichsten Unwahrheiten und Übertreibungen gegen ihn anbrachte. Wagte er nun auch zuletzt noch, aufs Tiefste über die Frechheit des Meisters empört, den wahren Sachverhalt, seine damalige Aufgeregtheit, vielleicht Unzurechnungsfähigkeit, zitternd, mit einigen abgerissenen, unzusammenhängenden Worten und Lauten anzuführen, er wurde nicht weiter gehört und zu acht Tagen Gefängnis, bei Wasser und Brot, und hundert Stockprügeln verurteilt. Zugleich wurde ihm noch weiter zudekretiert, nach überstandener Strafe sofort die Stadt zu verlassen, seine dreijährige Wanderzeit anzutreten und sich vor Ablauf derselben nicht wieder in Parchim sehen zu lassen.

Als Fritz sein Urteil vernommen, sank er laut schluchzend in die Knie; in demselben Augenblicke packten ihn aber auch schon die nervigen Fäuste des rohen Schließers. Unbarmherzig wurde er fortgeschleppt und in ein noch grausigeres Gefängnis, als das frühere, gestoßen.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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