Der eidbrüchige Handwerksbursche von Parchim - 1. Der Lehrbrief.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Freundlich schien die Mittagssonne durch das kleine Fenster einer dürftig ausgestatteten Dachkammer, in welcher wir einen bleichen jungen Mann beim Anzuge erblicken. Es war Fritz, Lehrbursche des wohlhabenden, aber harten und geizigen Bürgers und Schuhmachermeisters O. in Parchim — der auch zugleich die Würde eines Altermannes seiner dortigen Gewerksinnung bekleidete und sich auf Letzteres nicht wenig einbildete. — Ein Freudestrahl blitzte heute aus den sonst so trübe und traurig blickenden Augen des Schuhmacherburschen; eine eigene, sonst nie an ihm wahrzunehmende Glückseligkeit war über sein ganzes Wesen ausgegossen, in allen seinen Zügen und Bewegungen ausgeprägt. Und gewiss, er hatte auch Ursache froh und glücklich zu sein, — eine schreckliche Zeit lag hinter ihm, — denn heute sollte er endlich nach überstandener fünfjähriger, harter und schwerer Lehrzeit zum Gesellen seines Gewerkes erklärt werden.

Früh schon hatte Fritz die Eltern verloren; zuerst raubte ihm der Tod die beste Mutter und bald darauf auch den bravsten der Väter. Verlassen, vater- und mutterlos, eine Waise, stand er von jetzt an da, so ganz allein auf Gottes weiter Welt. — Sein Vater, ein biederer und guter Bürger der Stadt, hatte in früheren Jahren durch Krieg und Plünderung und sonstige Unklücksfälle oft und viel gelitten, trotzdem aber durch Fleiß und Geschicklichkeit immer hinreichend Brod für sich und die Seinen erworben und so kam es denn, dass, als der Tod denselben in den besten Jahren dahinraffte, er seinem geliebten Kinde kein Vermögen hinterlassen konnte, wohl aber einen ehrlichen und rechtschaffenen Namen. Ja recht verlassen stand der arme Knabe da; besaß er auch wohl im Orte einen alten reichen und kinderlosen Onkel, so war ihm dieser doch stets fremd geblieben. Derselbe hatte sich nie um Fritzens Eltern bekümmert, nie mit denselben verkehrt und Umgang gepflegt, denn er war ein gefühlloser und geiziger Mann und schämte sich seiner so rechtlichen, aber armen Verwandten. Natürlich war es also, als Fritz zuletzt schluchzend am Sarge des heißgeliebten Vaters stand, er feinen reichen Onkel kaum von Ansehen kannte; doch bald sollte er ihn näher kennen lernen. Der hochweise Ruth erklärte nämlich den kinderlosen und vermögenden Mann für gesetzlich verpflichtet und verbunden, seinen verwaisten Neffen sofort zu sich zu nehmen, denselben bis zur Konfirmation bei sich zu behalten und bis dahin für ihn zu sorgen. Trotz alles Protestierens wurde der reiche Geizhals gezwungen, sogleich den Befehlen hohen Rates zu gehorchen und den Knaben zu sich ins Haus zu nehmen. Aber welch ein Leben begann hier für denselben; der Kontrast gegen früher und jetzt war in der Tat ein zu schrecklicher. Die roheste und liebloseste Behandlung wurde ihm hier zu Teil, nie wurde ihm ein freundliches Wort oder Blick; stets nur gab es Schelte und Schläge, ohne sie verdient zu haben und dabei karge, elende Kost und selten nur soviel davon, um satt zu werden. Wie oft wurde ihm von dem herzlosen Oheime vorgeworfen, dass er ein Betteljunge sei; wie oft musste er die schändlichsten Verwünschungen und niedrigsten Anschuldigungen gegen seine seligen, so guten und braven Eltern — dass sie faul gewesen, nichts gespart hätten u. s. w. — hören, und zerriss es ihm auch das Herz, er musste stets schweigen und Alles mit Geduld für sich allein tragen; denn ach, er hatte ja Niemanden, keine Seele, der er sein Leid klagen durfte und konnte. Als Fritz das 14. Jahr zurückgelegt und konfirmiert worden war, kam er, wie wir schon gehört, bei dem Meister O. in die Lehre. Auch jetzt hatte er es um kein Haar besser wie bei dem Onkel; denn auch hier gab es kein gutes Wort, wenig und schlecht zu essen, viel Schelte, Schläge und Arbeit, und so war denn auch nun sein Leben während der schweren Lehrjahre, eine Kette von Angst und Leiden, — in ähnlicher Weise dahin geflossen. —

Eben hatte Fritz das letzte Stück seines neuen Anzuges — den er am Morgen erst vom Schneider bekommen und den er sich selbst so mühsam hatte anschaffen müssen, für den Ertrag der kleinen, jahrelang aufgesparten Trinkgelder, die er mitunter von den Kunden des Meisters, wenn er ihnen ein neues Stück Arbeit gebracht, erhalten, — mit Wohlgefallen angelegt und war schon im Begriffe, so angeputzt, sein Kämmerchen zu verlassen, als er nochmals zurückkehrte. Noch einmal tritt er vor seinen Toilettenspiegel, — ein kleines Stückchen Spiegelglas, welches er früher so glücklich gewesen war, auf der Straße zu finden, und das nun seitdem die Stelle eines solchen versah, — zufrieden lächelnd betrachtete er sich nochmals von allen Seiten in demselben, ordnete zum letzten Male noch hier und dort bei dem Anzuge, um dann endlich zu gehen. Ach wie behaglich fühlte sich der arme Junge jetzt, ihm war's so wohl und so weh ums Herz, denn seit dem Tode der Eltern hatte er sich ja nur mit Lumpen bedecken und kleiden können. — Da plötzlich ertönen schwere Tritte; Fritz erbleicht, schnell drückt er noch den neuen Hut auf den Kopf und eilt aus der Türe. Wie er vermutet, traf er seinen bösen Meister schon auf der Treppe an, von welchem er sofort mit einem Schlage in das Gesicht empfangen und mit einer Flut Scheltworte und bitterer Vorwürfe — dass er, der dumme „Lumpenjunge" sich so lange putze u. s. w. — überhäuft wurde. Wie immer, schwieg Fritz auch jetzt und folgte zitternd seinem Meister in das Amtslokal des Gewerkes. Hier wurde er nun, sowie noch einige andere, ebenfalls jetzt ausgelernt habende Schuhmacherlehrlinge, vor „geöffneter Amtslade" und sämtlich versammelten Meistern, den beiden Älterleuten und dem Herrn Patrone der „ehrbaren und löblichen" Schuhmacherinnung, nach altem Gewerksbrauche „ausgeschrieben und losgesprochen" und darauf unter dem üblichen Zeremoniel, durch Überreichung des betreffenden Diploms, seines sog. „Lehrbriefes", feierlichst als „ehrsamer" Schuhmachergeselle proklamiert.

.

.

.

Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

Mecklenburgs Volkssagen - Band 1