Der auf den Schweinewerder bei Waren gebannte Geist des ehemaligen Bürgermeisters Hörnig

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sagen, Volkssagen, Waren an der Müritz, Tyrannenwirtschaft, Bürgermeister, Machtmissbrauch, Geisterbeschwörer, Geisterbanner, Quälgeist, Reisen, Sachsen, Elde, Eldenburg, Feuerstein, Flintenstein, Oldenburg
Wohl an 200 Jahre sind's schon her, da führte in Waren ein bitterböser Bürgermeister das Regiment. Hörnig, so war sein Name, verleugnete und lästerte Gott und war, weil er kein Gewissen im Leibe hatte und nicht an einen höheren Richter glaubte, auch parteiisch, ungerecht und grausam gegen Jedermann. Kurz und gut, Hörnig schaltete und waltete mit übertriebener Härte und Strenge, ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz, sondern wie's ihm gerade einfiel und in den Kopf kam, ganz nach seinem Belieben in der seiner Obhut anvertrauten Stadt und beging täglich die schreiendsten und schändlichsten Ungerechtigkeiten.

Doch nicht lange sollten die Einwohner Warens unter seiner Tyrannenwirtschaft seufzen; denn schon war Alles oben bekannt geworden, und schon hatte der gerechte Landesherr eine Kommission abgeordnet, die an Ort und Stelle strenges Gericht über den pflichtvergessenen Bürgermeister halten sollte. Ehe dies jedoch geschehen konnte, ehe die vom Herzoge ernannte Kommission in Waren eingetroffen war, hieß es plötzlich eines schönen Morgens: „Bürgermeister Hörnig ist diese Nacht verschieden!"'

Alles atmete hoch auf bei dieser frohen Nachricht, und Jedermann war glücklich, für immer von einem solchen Gewaltherrscher befreit zu sein.

Still und lautlos begrub man die irdische Hülle des bösen Bürgermeisters, und bald hatte Waren an seiner Statt ein anderes Oberhaupt, einen guten, braven und gerechten Mann.

War nun freilich auch, wohl die gute Stadt für immer von der strengen und ungerechten Herrschaft Hörnigs befreit, so war sie ihn trotzdem doch noch nicht losgeworden, da er auch noch nach seinem Tode fortfuhr, die Menschen zu quälen und ihnen auf alle Weise zuzusetzen. Nicht lange nachdem man ihn begraben, durchliefen nämlich schon allerlei unheimliche Gerüchte den Ort; Bürgermeister Hörnig, hieß es, könne im Grabe keine Ruhe finden, sein Geist irre allenthalben in der Stadt umher und erschrecke, ängstige und plage die Leute. Am Tollsten aber sollte er es des Nachts in seinem ehemaligen Wohnhause treiben, wo er dann so arg umher lärmte und tobte, dass die darin wohnenden Menschen es nicht ertragen konnten, vor Angst und Entsetzen bald das Haus verlassen und ihm also das Feld räumen mussten. Dies Alles bestätigte sich denn auch immer mehr und mehr, und von allen Seiten liefen dieserhalb bei dem Magistrate und der Geistlichkeit Klagen und Bittgesuche um Hilfe und Beistand ein.

Sowohl der Magistrat als auch die Geistlichkeit nahmen sich der Sache aufs Beste und Angelegentlichste an, um so mehr, da auch selbst schon Einige aus ihrer Mitte von Hörnigs Geiste angefochten und beunruhigt worden waren.

Doch obwohl man sich auch auf alle mögliche Art, zuerst durch Güte, dann durch Gewalt, abmühte, dem Spukenden entgegen zu arbeiten und ihn zur Ruhe zu bringen; obwohl man auch Geisterbanner und Beschwörer von fern und nah kommen ließ, so wollte doch nichts fruchten und anschlagen.

Schon hatte man, als alle Mittel und Wege erschöpft waren und nichts zum erwünschten Ziele führen wollte, alle Hoffnung aufgegeben, die Stadt von diesem Quälgeiste zu befreien, da hörte man zufällig von einem ganz ausgezeichneten Geisterbanner, der im Lande Sachsen wohne. Dieser sollte, so sagte man, ganz besonders mächtig und ganz unfehlbar sein, nichts sollte seinen Beschwörungen widerstehen können; denn stets habe er auch die allerärgsten Geister eingefangen und zur Ruhe gebracht.

An diesen Wundermann wendete man sich jetzt, sogleich; man scheute kein Geld, da die Plage zu groß und allgemein war, und ließ ihn die weite und sehr kostspielige Reise nach Waren machen. Eisenbahnen und Chausseen gab's nämlich damals noch nicht, die Posten und Wege waren zu der Zeit auch noch sehr schlecht und unvollkommen, und daher war denn auch das Reisen, namentlich das weite Reisen, mit viel mehr Kosten und Umständen verknüpft, als es jetzt der Fall ist.

Der berühmte Mann aus Sachsen kam also auch wirklich nach längerer Zeit glücklich in Waren an und ging nun sofort dabei, seine große Kunst auch hier zu beweisen.

In der ersten Nacht schon, als der Geist wieder auf das Tollste und Unmanierlichste in seinem früheren Wohnhause lärmte und polterte, schlich unser Sachse ganz leise mit einem Sacke in das Haus. Und richtig, seine Kunst war probat; was all den andern vielen Geisterbannern vor ihm nicht hatte glücken wollen, gelang ihm schon nach Verlauf einer kurzen Zeit.

Mit dem Geiste des bösen Bürgermeisters im Sacke trat der kluge Sachse alsbald wieder aus dem gefürchteten Hause und fragte lächelnd, wohin er seinen Gefangenen jetzt bringen solle, um ihn dort für ewig festzubannen.

Man wählte hierzu den sogenannten Schweinewerder, der, etwa eine kleine halbe Meile von Waren entfernt, nicht weit von Eldenburg an einem Arm der Elde, die Recke genannt, liegt. Hierher brachte unser Sachse nun den Geist und zog ihm einen Bannkreis, den er niemals überschreiten kann, um darin nach Belieben umher zu lärmen und zu spuken, was denn auch immer gehörig geschehen ist.

Doch damit der unruhige Geist sich nicht allzusehr langweile, wies ihn der Banner auch noch an — wie Ähnliches bei solchen Gelegenheiten so häufig zu geschehen pflegt — in Zukunft Feuersteine zu klopfen, was er denn auch ebenfalls immer fleißig getan hat.

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Auch noch jetzt wirtschaftet und, spukt der also gebannte Geist des bösen Bürgermeisters Hörnig auf genanntem Schweinewerder bei Waren umher und klopft noch immer fleißig Feuersteine, was man häufig hören soll; die Leute sagen dann: „Hührt, Hörnig kloppt all werra Führstein!"*) Diese Feuersteine, die fast die Form der früher gebräuchlichen Flintensteine haben, findet man häufig jenseits der Elde bei Oldenburg und auf dem Klinker Felde, wohin sie Höring immer schleudern soll.

*) „Hört, Hörnig klopft schon wieder Feuerstein!“

Keiner darf sich dem Bannkreis des Geistes unangefochten nahen, deshalb meidet auch Jedermann denselben so viel als möglich; kommt aber einmal zufällig Vieh in sein Bereich, so beunruhigt und quält er es und macht es scheu.

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