Der Zimmermannsberg bei Wesenberg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Wesenberg, Warteturm, Fangelturm, 30jähriger Krieg, Tilly, Zimmermannsberg
In alten Zeiten war Wesenberg recht stark befestiget; auch befand sich dort eine nicht minder feste fürstliche Burg, die in Sumpf und Wasser auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel dicht vor der Stadt lag.

Von den Mauern und doppelten Wällen, welche ehemals Wesenberg umgürteten, sind jetzt nur noch wenige Spuren vorhanden; von der Feste aber existieren, außer manchen Überbleibseln von Wällen und Gräben, namentlich noch ein wohl an 50 und mehr Fuß hoher Warteturm, der „Fangelturm" genannt, sowie die Reste eines anderen alten Burggebäudes, worin jetzt der fürstliche Pachtfischer wohnt.

Auch Wesenberg — das eine Zeit hindurch, von 1276 bis ungefähr 1352 den Markgrafen von Brandenburg gehörte, später aber verschiedenen adeligen Geschlechtern, teils verpfändet, oder gar verkauft war, bis es endlich wieder im Jahre 1458 in den vollständigen Besitz seines angestammten alten Fürstenhauses Mecklenburg kam, worin es darnach denn auch immer verblieben ist — hatte früher, wie es in damaligen Zeiten ja so häufig zu geschehen pflegte, mancherlei Fehden und Kriege zu bestehen.

Als nun wieder einmal ein solcher mit besonderer Ausdauer und Hartnäckigkeit gegen dasselbe geführt wurde, und Stadt und Burg sich auch jetzt wieder, wie immer, auf das Tapferste verteidigte, gelang es dem Feinde, einen Einwohner Wesenbergs, Zimmermann mit Namen, zu bestechen und ihn durch eine große Summe Geldes zum Verrat seiner Vaterstadt zu bewegen.

Dieser Zimmermann zeigte, nachdem er seinen Judaslohn empfangen, den Feinden die heimlichen Wege und Zugänge der Feste und entdeckte ihnen ihre Schwächen und Blößen; worauf denn schon in der folgenden Nacht Wesenberg überrumpelt wurde und in Besitz seiner Belagerer gelangte.

Furchtbar wüteten diese hier; viele Einwohner wurden erschlagen, ihre Häuser verwüstet und ausgeraubt. Als endlich der grimmige Feind wieder abgezogen, glich Wesenberg einem Trümmerhaufen, zwischen dem sich nur noch wenige Menschen bewegten; alle andern hatte das Schwert des Feindes, Not und Elend hinweggerafft. *)

*) Wann diese schreckliche Eroberung Wesenbergs eigentlich stattgefunden hat, weiß Niemand recht zu sagen, da bei dem großem Brande am 18. März 1681, wodurch fast die ganze Stadt in Asche gelegt wurde, auch ihre sämtlichen Urkunden verloren gegangen sind, von denen jetzt nur noch einzelne, unvollkommene Abschriften existieren. Einige wollen nun zwar behaupten, dass Wesenberg während des dreißigjährigen Krieges durch Tilly belagert und eingenommen ist, und dass eben hiermit die erzählte Eroberung gemeint sein solle — soviel mir bekannt, ist Tilly nie nach Wesenberg gekommen, wohl aber hat er das nahe Neubrandenburg am 8. März 1631 erstürmt und arg darin gewütet, und ist dies vielleicht nun nur eine bloße Verwechselung hiermit. — Andere hingegen sagen, dass die beregte Einnahme der Stadt und Burg viel früher und schon lange vor Beginn des dreißigjährigen Krieges geschehen sei.

Lange Jahre hiernach lag noch ein großer Teil der Stadt verödet da, so dass aus den Fenstern eines Hauses am Tor sogar schon hohe Bäume wuchsen; und lange währte es, ehe Wesenberg sich von all diesen Kriegsdrangsalen etwas erholt und seine Einwohnerzahl wieder die frühere Höhe erreicht hatte.

Der schändliche Verräter aber sollte seiner wohlverdienten Strafe nicht entgehen. Als der Feind aus dem Lande und nicht mehr zu fürchten war, drangen die übriggebliebenen Bürger plötzlich in des Elenden Wohnung. Zimmermann suchte nun zwar zu entfliehen, wurde aber bald, in der Nähe eines Berges, wieder eingeholt. Seine mit Recht empörten Verfolger führten ihn sofort auf denselben und steinigten ihn hier, im Angesichte der durch seine Schuld so namenlos unglücklich gemachten Vaterstadt, martervoll zu Tode.

Seit der Zeit heißt der Berg „der Zimmermannsberg", welchen Namen er auch noch heut' und diesen Tag führt.

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