Der Ursprung des Sandes um Ramm bei Lübtheen

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Neustadt, Grabow, Eldena, Dömitz, Lübtheen, Hagenow, Ribnitz, Güstrow, Landwirtschaft, Ramm, Lübtheen
Wenn ein Bewohner des Kleibodens die Beschreibungen von Mecklenburg liest, so bekommt er von dem südlichen Mecklenburg gewöhnlich den Begriff, als sei es eine Wüste, in welcher nur Heide und Buchweizen, zur Not rauer Hafer und, wenn's gut jährt, auch wohl Roggen gedeihen. Er stellt es sich vor, als eine Gegend, in welcher man bis ans Knie im Sande waten muss. Daher kann sich ein solcher auch der Verwunderung nicht enthalten, wenn er einmal in diese Gegend kommt und Roggen- und Weißhaferfelder, auch wohl hin und wieder Weizen- und Rappsaaten sieht, die ihm im ersten Augenblick den seinigen wenig nachzustehen scheinen, und dazu Wege geht, die eben so fest und fester sind, als die Wege seiner Gegend. Umgekehrt wundert's gewöhnlich einen Bewohner dieser Gegend, wenn er in die sogenannten fetten Gegenden kommt, und er hier die ihm als ein Paradies beschriebene Gegend weit unter seinen Erwartungen findet, er in derselben selbst Sandflächen sieht, wie sie seine Heimat kaum hat. Da spricht er wohl: „Ja solchen Kleiboden hat man auch bei mir zu Hause, und hinter unserm Dorfe gibt's noch strengeren Lehm, als hier!"

Hiermit soll jedoch die Wahrheit der Beschreibungen vom südlichen Mecklenburg durchaus nicht ganz in Abrede gestellt sein. Diese Gegend ist und bleibt immer die schlechteste aller Gegenden Mecklenburgs, aber sie ist immer noch tauglich genug zum ergiebigen Kornanbau, welches auch die Zahl der Bewohner dieser Gegend, im Vergleich mit der einer besseren, deutlich genug zeigt. So haben z. V. die Ämter Neustadt, Grabow, Eldena, Dömitz, Lübtheen und Hagenow, bei einer gleichen Größe mit den Ämtern Ribnitz und Güstrow, doch über 10.000 Seelen mehr, als letztere. Wie wäre solches möglich, wenn der Boden so gar schlecht wäre.

In dieser Gegend finden sich zwar einzelne Strecken und Plätze, die es allen andern an Unfruchtbarkeit und Sand zuvor tun. Diese einzelnen Plätze in dem Ganzen, welche einer wirklichen Sandwüste aber immer noch nicht zu vergleichen sind, sind gewöhnlich mit Tannen bestanden, oder liegen in Heide und dienen den Dorfleuten zu Weiden und sind somit dem Ackerbau ganz entzogen. Einige dieser Sandstrecken sind bedeutend groß, als die in der Umgegend von Jabel, Quast und Ramm, wo die Dörfler durch Tannen-Anpflanzung ihre Ländereien und Gärten vor Versandung zu schützen suchen müssen.

In Ramm ist es auffallend genug, dass sich unter einer dicken sandigen Oberschicht der beste Lehm, untermischt mit Steinen groß und klein, findet. Die Sage weiß, woher diese Steine kommen; sie weiß, dass diese Gegend keine solche Sandoberschicht gehabt hat, sondern gleich einem Garten Gottes gewesen ist; sie weiß auch zu erzählen, wodurch und wie der Sand über diese Gegend gekommen.

Nämlich eine Meile östlich von Lübtheen, da wo setzt das Dorf Ramm liegt, lag in alter Zeit eine nicht unbedeutende Stadt, welche ebenfalls Ramm hieß.*) In derselben stand der Ackerbau, wie Handel und Gewerbe in gleichem Flor. Der Boden der ganzen Umgegend war einer der fruchtbarsten des Landes, und herrlich prangte er im Sommer in seinem goldenen Weizenschmucke und in dem grünen Kleide seiner prächtigen Wiesen, die sich, in lieblicher Abwechslung mit den üppigen Saaten, an den zahlreichen Bächlein entlang erstreckten. Bei solchen natürlichen Vorteilen, verbunden mit dem Fleiße der Bewohner, konnte es nicht ausbleiben, dass der Wohlstand in der Stadt Ramm immer mehr zunahm und sich bald Reichtum an Wohlstand reihte.

*) Die alte Stadt Ramm hat, der Zage nach, im Mittelpunkte der Welt gelegen, und einen Einfluss ausgeübt auf hunderte von Meilen in der Runde, indem hier die Kornpreise festgestellt wurden etc.

Anfangs waren die Rammer noch biedere Leute, die gern dem bedrängten Bruder in der Nachbarschaft beisprangen, wenn derselbe Hilfe mit Rat und Tat von Nöten hatte. Doch bald verfielen sie in Üppigkeit und Wohlleben und in Unsittlichkeiten aller Art. Laster häufte sich auf Laster, und keine Sünde war so schändlich, keine Grausamkeit so groß, dass sie nicht von den Rammern begangen wurde. Alle Umwohner waren empört über die himmelschreiende Bosheit dieser Stadt und riefen die vergeltende Gerechtigkeit Gottes auf sie vom Himmel herab. Und diese blieb mit ihrem Gerichte nicht aus, es sollte nur erst das Maß der Sünde voll werden, ehe sie den Stab über das neue Sodom brach.

Es war wieder Frühling geworden, das Gras war üppiger denn je empor geschossen, und Jeder freute sich schon auf den nahen Maitag, wo die großen Viehherden wieder auf die Weide getrieben werden sollten, und wo die feisten, mutigen Bullen sich wieder mit einander messen konnten, welches anzusehen Allen das herrlichste Fest war.

Der Maitag kam, aber die Bullen stießen sich nicht, wie sonst; es wurden nicht, wie sonst, mannstiefe Gruben in die Erde gewühlt, in welche dann die kämpfenden Tiere unter dem Gejauchze der Menge hinabtaumelten; es blieb also auch nicht, wie sonst, so mancher Bulle tot auf dem Kampfplatze. Man mochte die Tiere reizen, so viel man wollte, sie blieben ruhig wie ein Lamm.

Da wurden die Einwohner der Stadt wütend, sie ergriffen einen der Bullen, nicht um ihre Wut durch Schlagen an ihm auszulassen, nein sie taten ein Grausigeres; sie ergriffen ihn, um ihm bei lebendigem Leibe das Fell abzuziehen. Damit hatten sie aber selber den Hammer der Glocke angestoßen, deren Töne sie vor den Richterstuhl Dessen lud, von Dem es heißt, es ist schrecklich in Seine Hände zu fallen!

Der seiner Haut beraubte Bulle, obwohl über und über von Blut triefend, verblutete nicht, sondern lebte zum Schrecken der Rammer fort; ja er tat nun, was sie gewünscht hatten, er begann einen Kampf mit den andern Bullen, und zwar einen so fürchterlichen, dass den frevelhaften Zuschauern das Herz im Leibe zitterte.

Nicht lange dauerte es, so hatte der fürchterliche Bulle seine Gegner zu Boden gestreckt. Und er stand und sah sich nach neuen Gegnern um, als aber keine erschienen, erhob er ein grausenerregendes Gebrüll, so dass alles Vieh auf der Weide ängstlich nach den eben verlassenen Stallen zurück eilte. Auch die Besitzer der Viehherden eilten schleunigst der Stadt zu, um von da aus das Treiben des mehr als wütenden Bullen zu beobachten.

Alle ahndeten jetzt die Strafe für ihre vielfach gehäuften Sünden und wollten sich nun zu Dem wenden, der diese Strafe über sie verhing. Doch es wollte kein Gebet aus dem Herzen, die Worte erstarben auf den Lippen. Und woher sollten sie denn auch das Beten gelernt haben; die Not, welche sonst wohl beten lehrt, hatte sie nie dazu getrieben; denn die Rammer, sie kannten ja keine Not.

Endlich gewahrte man, dass der Bulle die Grenze der Feldmark verließ, und man gab sich schon der guten Hoffnung hin, dass für diesmal wohl kein Unglück mehr zu befürchten sei. Ja es fanden sich sogar spöttelnde Mäuler, die über solche geäußerte Furcht ihre Verstocktheit zeigenden Witze laufen ließen; und bald stimmte die ganze Menge mit ein in deren rohe, gotteslästerliche Worte. Und da zeigte es sich denn nun, von welchem Ernste die Bekehrung gewesen war.

Der Bulle aber war nicht von der Feldmark gegangen, um die boshafte Stadt nun in Ruhe zu lassen, sondern er war geblieben, um der Vollstrecker des Urteils zu werden, welches der große Richter gesprochen hatte. Er ging nur, um von dem Lehmboden auf sandigeren zu kommen.

Eben über die Grenze des Lehmbodens gekommen, erhob der Bolle dasselbe fürchterliche Gebrüll, welches Vieh und Menschen in die Häuser getrieben hatte; dabei stampfte er mit den Füßen und wühlte Gruben in die Erde, wie Totengräber so tief und noch wohl tiefer.

Noch einmal hob er das Haupt empor nach der verfluchten Stadt, dann begann er die Erde, welche je tiefer, desto sandiger wurde, mit den Füßen empor zu werfen und zwar mit solcher Gewalt, dass der Sand nicht nur über Stadt und Feldmark Ramm, sondern noch weit über dieselben hinaus, nach dem jetzigen Quast und Jabel flog.

Und diese übernatürliche Kraft des Bollen brach erst, als auch die höchsten Gebäude der Stadt unter Sand gesetzt waren, welches so schnell geschehen war, dass auch nicht eine einzige Seele hatte entrinnen können; denn auch die, welche zu flüchten versucht hatten, waren im Sande stecken geblieben und untergegangen.

Als alle diese lieblichen Auen unter Sand gesetzt, alle die in so großer Anzahl vorhandenen Quellen und Büchlein verschüttet waren; als alle Läufe der größeren Flüsse, welche sich durch dieses Gebiet schlängelten, sich verstopft hatten und also gezwungen wurden, ein anderes Bette zu suchen; als also das Gericht vollzogen war, da legte auch der Bulle sich nieder in der großen Höhle, aus welcher er allen Sand gescharrt hatte, und starb. Spätere Winde und Orkane und fürchterliche Regengüsse, welche die Grube allmählich wieder voll wehten oder schlemmten, haben sein Gerippe den Augen der Umwohner entzogen.

Noch heute will man unter dem Sande in Ramm, auf dem darunter liegenden Lehmgrunde, die Straßen der Stadt in den dammartig gelagerten Steinen erkennen, wie auch die Fundamente der Häuser in andern Steinschichten finden können. Ob solches aber der Fall, oder ob's nur ein Gerede der Leute ist, weiß ich nicht, jedenfalls wird sich aber etwas Derartiges dort finden, welches die eben erzählte Sage im Munde des Volkes frisch erhält.
Getreideernte

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Ochsengespann

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Viehmarkt

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Landliebe

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Schaf- und Ziegenhirtin

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