Der Teufelsdamm im Galenbecker See.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Galenbecker See, Pommern
Auf der Grenze zwischen Pommern und Mecklenburg liegt der Galenbecker See. In diesem sieht man die Überbleibsel eines ungeheuren, nicht ganz fertig gewordenen Dammes, der gerade mitten durch den See geht. Dieser Damm heißt der Teufelsdamm, und man erzählt sich über seine Entstehung Folgendes: Vor Zeiten lebte in der Gegend ein Schäfer, der musste alle Morgen seine Herde fast rund um den See auf die Weide treiben, und eben so musste er auch einen solchen Umweg machen, wenn er sie des Abends in den Stall zurücktrieb. Das verdross den Schäfer, und er wünschte sich manchmal im Stillen und laut, dass doch durch den See ein Damm gehen möge, auf dem er geraden Weges seine Schafe treiben könne.

Eines Abends, als er mit seiner Herde zu Hause zurückkehrte, und es ein wüstes Wetter war, verspätete er sich so, dass es fast Mitternacht wurde, wie er noch immer an dem See war. Als er nun wiederum seiner gewohnten Weise nach den Umweg verwünschte, den er nehmen musste, da trat auf einmal ein Wandersmann an ihn heran, der hörte mit stillem Lachen seinen Klagen zu, und sagte dann: Da wäre zu helfen. Einen Damm durch den See baue ich dir wohl leicht, wenn dir so viel daran gelegen ist; du musst mir nur versprechen, dass du dafür auf immer mein eigen sein willst. Das kann dir ja nichts verschlagen, denn ich bin selbst nur ein einfältiger Hirte wie du, und wenn du mir eigen bist, so bin ich ja auch dein.

Solchen gewagten und arglistigen Reden hörte der Hirt wohl an, mit wem er es zu tun habe, und dass es der Teufel sei. Anfangs übernahm ihn die Angst, bald aber fasste er sich ein Herz, und er antwortete: Kamerad, das soll ein Wort sein, was du da sagst, aber unter der Bedingung, dass der Damm vor dem ersten Hahnenrufe fix und fertig ist. Das sagte ihm der Teufel zu, und der Schäfer musste nun auf Befehl des Teufels ein junges schwarzes Lamm schlachten. Von dem trank der Teufel das warme Blut auf. Währenddessen schlug die Turmglocke in dem nahen Dorfe Mitternacht. Auf einmal erhob sich in dem Walde, der den See umgab, ein fürchterliches Brausen des Sturmes, und nun sah der Schäfer, wie der Teufel in dem Sturme hin und her flog, und die größten Eichen anpackte und aus der Erde riss, wie man Unkraut ausjätet, und sie in den See hineinwarf, eine neben der andern und übereinander, so dass sie sich zu einem breiten, hohen Damm zusammenfügten, der immer größer wurde, und dem anderen Ufer des Sees sich immer mehr näherte.

Der Schäfer, als er den Pakt einging, hatte in seinem Sinne gedacht, der Teufel werde in einer Nacht mit dem Damme unmöglich fertig werden. Als er aber jetzt sah, wie geschwinde das Werk dem Bösen von der Hand ging, da geriet er in große Angst; doch, klug wie er war, besann er sich auf eine List, und er fing an zu krähen, wie ein Hahn, damit der Teufel glauben solle, der Hahn habe wirklich gekräht, und solle seine Arbeit fallen lassen, bevor sie fertig sei. Aber der Teufel merkte die List, und sagte lachend zu ihm: Die Stimme kenne ich, Schäfer; der Hahn verdirbt mir mein Werk noch nicht. Und nun arbeitete er nur desto emsiger weiter, dass der Damm schon bald fertig war, und dem Schäfer immer banger wurde. Der besann sich vergebens auf ein anderes Mittel, den Klauen des Satans zu entgehen. Es wollte ihm nichts einfallen. Da fing er zuletzt in seiner Todesangst so laut und schreiend an zu krähen, dass es natürlich lautete, als wenn ein Hahn den regnenden Morgen ankündigt. Und der Teufel glaubte, das sei ein wirklicher Hahn, der gekräht. Er rief: das ist der rote Hahn, und warf zornig den Baum, den er gerade gefasst hatte, mitten in den See hinein und verschwand eilig unter Blitz und Donner. Andere sagen, dies letzte Krähen sei von der Mutter des Schäfers geschehen, welcher sich dieser in seiner Angst entdeckt, und welcher es, weil sie eine sehr gottesfürchtige Frau gewesen, gelungen sei, den Teufel zu betören.
Der Damm, welcher auf solche Weise nicht fertig geworden, geht wie eine schmale Landzunge in den See hinein.

Freyberg, Pommersche Sagen, S. 70—74.
Akten der Pomm. Gesellschaft für Geschichte.

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Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Schäfermeister

Schäfermeister

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg