Der Teufel in Greifenberg.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Greifenberg
Es ist schon länger als zweihundert Jahre her, als in der Stadt Greifenberg ein armer Knabe lebte, eines Kammerherrn Sohn, dem schon in seinem sechsten Jahre seine beiden Eltern gestorben waren. Es hatte ihn nach deren Tode seines Vaters Schwester-Mann zu sich genommen; der war aber sehr hart gegen den Knaben, weil er ihn ernähren, kleiden und zur Schule halten musste, ohne dafür Kostgeld zu bekommen; und wie das Kind kaum elf Jahre alt war, da jagte er es unbarmherziger Weise von sich und hieß es gehen, wohin es wolle. Der arme Knabe verließ darauf die Stadt und nahm sich vor, gen Danzig zu gehen, wo noch Freundschaft seiner Mutter wohnte. Er versprach sich aber auch davon wenig, da er so sehr hart von den Menschen bis jetzt war behandelt worden. In solchen traurigen Gedanken ging er weiter, und beachtete es nicht, dass er in die Irre geraten war. Wie er nun einmal in der Freitag-Nacht ganz verlassen da lag, so trat auf einmal der böse Feind in der Gestalt eines schwarzen Mannes zu ihm, und beredete ihn, dass er nach zwölf Jahren sein eigen sein und ihm darüber eine Handschrift mit seinem Blute geben wolle, wogegen er ihm versprach, dass er ihm in dieser Zeit allenthalben, wo er es nur begehrte, die Schlösser eröffnen, ihm auch sonst Geld genug verschaffen werde. Der Knabe erschrak zwar Anfangs und konnte sich nicht entschließen, aber der Teufel ließ ihm keine Ruhe, brachte auch gleich Papier und Feder hervor, und hieß ihm, sich in den Mittelfinger der rechten Hand zu schneiden, das Blut in die Feder laufen zu lassen und also zu schreiben. Das tat der Knabe, und das Blut, sobald er die Feder voll hatte, fing von selbst an, sich zu stillen, dass es ihn am Schreiben nicht hinderte. Also schrieb er die Handschrift, acht Zeilen groß, mit solchen Worten, dass er seinen Gott verschwor, dagegen Alles bekomme, was er begehre; dass er davon nicht zurückkehren könne, sondern nach zwölf Jahren dem Teufel eigen sei mit Leib und Seele. Darauf stellte ihm der Teufel ein Buch zu, worin allerlei gehörnte Tiere rot abgemalt und hebräische Buchstaben geschrieben waren, und sagte ihm dabei, wenn er dieses Buch bei sich habe, so sei es eben so viel, als wenn er, der Teufel selber, bei ihm wäre. Der Satan verschwand hierauf, der Knabe aber wurde noch dieselbe Nacht bis nach Oliva und Danzig geführt. Von nun an zog er viel in der Welt umher und lebte gut, da ihm der Teufel immer Geld, wenn auch nur in lauter halben Groschen, verschaffte. Nur musste er auf Befehl seines Meisters stets in zerrissenen Kleidern umhergehen, sich auch der Schule, Kirche und des Gebets enthalten; und wenn er ja vor der Mahlzeit einmal ein Gebet hatte sprechen müssen, so musste er alle Speise, so durch dieses Gebet gesegnet war, wieder von sich brechen.

Solches Leben trieb er an fünftehalb Jahre; da kam er eines Tages nach Greifenberg zurück, und der Teufel sagte ihm, er solle die Nacht in ein Haus gehen, und sich allda Geld holen. Das tat der Knabe, und jener öffnete ihm die verschlossenen Spinde und Comtore und übergab ihm vieles Geld, so darin lag. Darüber wurde das verführte Kind aber ergriffen und von der Obrigkeit eingezogen.

Nachdem er nun hier Alles ausgesagt, was der Teufel für Handel mit ihm betrieben, hat man ihn den Geistlichen der Stadt, Magister Dionysius Friedeborn, einem überaus gelehrten Theologen, und dessen Kollegen Magister Balthasar Simon, übergeben; die haben ihn täglich besucht und ermahnt, auf den Kanzeln für ihn gebetet, und sich viele Mühe gegeben, ihn aus des Teufels Stricken und Banden zu erretten. Dem widersetzte sich der Teufel mit aller seiner Macht, also dass er das Kind jetzt leibhaftig besaß und schreckliche Worte aus ihm redete. Der arme Knabe verzweifelte darüber an Gottes Gnade; doch nahmen die geistlichen Herren sich seiner so gewissenhaft an, und leisteten dem Teufel so tapferen Widerstand, dass er zuletzt begehrte, er wolle in die Kirche gehen, darin öffentlich beichten und sich das heilige Sakrament reichen lassen. Das hat er denn getan an einem Sonnabend Morgen, im Beisein vieler Zeugen, wiewohl mit großer Angst, und mit Zittern und Schweiß.

Allein dies konnte ihm noch nicht helfen; denn nun erschien in der darauf folgenden Nacht der Teufel vor ihm und schalt ihn entsetzlich, und forderte das Buch von ihm zurück, so er ihm vor fünf Jahren gegeben. Das hatte der Knabe nicht, denn er hatte es weit weg vergraben, und deshalb drohte er ihm, er solle seine Handschrift nicht eher zurück haben, als bis das Buch wieder herbeischaffte. Dabei quälte und ängstigte er den Armen entsetzlich, also dass alle Gebete der Geistlichen ihn nicht aufrichten konnten. Endlich brachte man ihn in die Kirche; allda musste er eifrig beten, die Predigt anhören, und alsdann, nach vorhergehendem öffentlichen Gebet, knieend vor dem Altare, seine Handschrift widerrufen, aufs Neue dem Teufel mit allen seinen Werken und Wesen entsagen, den christlichen Glauben ganz nachsprechen, und darauf zum Tische des Herrn gehen. Sodann rief die ganze christliche Gemeine Gott an, dass der Teufel durch dessen Gnade und Allmacht gezwungen werde, die Handschrift dem Knaben wieder zu bringen, damit er öffentlich zu Schanden gemacht werde. Solches wirkte denn auch soviel, dass der Teufel in der nächsten Nacht, nach elf Uhr, mit einem gräulichen Brausen zu dem Knaben kam, und ihm seine Handschrift vor den Kopf warf, mit diesen Worten: Ich bin deinethalben genugsam darum geschoren!

Von der Zeit an ist der Knabe von dem bösen Feinde befreiet geblieben; die Obrigkeit hat ihn auf freien Fuß gesetzt, und er hat sich so wohl gehalten, dass er unter der Kaiserlichen Armee mit Ruhm eine Korporalschaft bedient hat. Solches ist geschehen im Jahre 1624.

Micrälius, Altes Pommerland, II. S. 107-110,

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Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller