Der Tannenberg bei Boitzenburg II.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von N. N. in B., Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Wenn man die Straße zum Hamburger Tor hinausging und durch das alte dunkele und niedrig gewölbte Tor endlich ins Freie gelangte, so gewährt eine liebliche Hügelkette, welche sich längs der Stadt bis an das Ufer der Elbe und von dort bis an die Lauenburger Grenze erstreckt, einen anmutigen Anblick, besonders da die Höhen größtenteils mit niedlichen Baumgruppen gekrönt sind.
      Unter diesen Höhen ragt besonders der Tannenberg hervor, welcher ungefähr in gerader Richtung mit dem Tore liegt, ein hoher runder Berg, mit schlanken Tannen bewachsen. Von hier aus breitet sich vor unfern Augen die lieblichste Aussicht über das ganze Talgebiet der Stadt und weiter hinaus über die Elbe, bis tief ins Hannoversche hinein, aus. Drei Türme Lüneburgs ragen aus weiter Ferne hervor und längs des Elbufers reihet sich Dorf an Dorf, mit Kirchtürmen und Windmühlen und gewährt, bei einer üppigen blühenden Vegetation, einen überraschend schönen Anblick. Dieser Berg nun war auf seinem Gipfel geebnet, mit schwellenden Moossitzen umgeben und zum Vergnügungsort der Boitzenburger ausersehen. Hier schwelgten ehemals die guten Vorfahren der Stadt bei Spiel und Tanz, oft bis tief in die Nacht hinein und zogen dann bei Fackelglanz singend und jubelnd nach Haus. — Doch an dem Fuße dieses Berges da ruhen in geweihter Erde die selig entschlafenen Lieben. Der Berg begrenzt den Friedhof der Stadt. — Daher war es schon für Manchen längst ein Ärgernis gewesen, wenn die mutwillige Jugend dort oben so tobte und lärmte und alte fromme Mütter weissagten einem solchen losen Treiben kein gutes Ende. Hier war schon oft der Tummelplatz der X.'schen Familie und derer, die sich ihrer Gunst erfreuten, gewesen und bald sollte er der Schauplatz eines großartigen Festes werden.

Der Tag der Verlobung der liebenswürdigen Agnes mit dem reichen Vetter fiel gerade auf Johannis, inmitten der schönsten Jahreszeit und sollte deshalb auch auf würdige Weise durch eine ländliche Partie gefeiert werden. Man hatte beschlossen eine Ausflucht nach dem Tannenberge zu machen und dort oben die schöne wonnige Sommernacht bei Spiel und Tanz zu verbringen, und das Fest mit einem großartigen Fackelzuge zu beschließen.

Unser armer unglücklicher Rudolph hatte nicht Rast noch Ruhe in der Fremde; — noch einmal wollte er seine teure Agnes sehen, aus ihrem eigenen Munde das Bekenntnis ihrer Liebe hören und dann in stiller Ergebung sein Leben beschließen. Doch ach! er wird höhnisch von der Pforte ihres Hauses zurückgewiesen, sie bleibt für ihn unzugänglich und nicht das geringste Zeichen seiner Nähe gelangt zu seiner geliebten Agnes.

Der Verlobungstag nahet. Alles, was auf Schönheit, Glanz und Reichtum in der ganzen Stadt und Umgegend Ansprüche machen kann, wird geladen um dies Fest zu verherrlichen. — Großartig sind die Vorbereitungen und ganz dem Glanze dieses Hauses würdig. Die ganze Stadt ist in ungewöhnlich froher Aufregung, denn Alles ist mittelbar oder unmittelbar beschäftigt, um zu dem Glanze des Festes das Seinige beizutragen.

Nur einer schleicht, fast ungesehen und ungekannt, scheuen trüben Blicks umher und sucht unter den schattigen Gängen der laubumkränzten Höhen Trost und Ruhe für sein wundes, krankes Herz.
Rudolph schleicht dem Tannenberge zu.

Wie nun am Abend die Schatten länger werden und die Sonne sinkt, setzt der Zug sich in Bewegung. Voran das Brautpaar, in Begleitung ihrer Eltern, in der glänzend geputzten Staatskarosse des Hausherrn, bespannt mit den vier kohlschwarzen Leibrossen desselben. Darauf, auf großen Wagen, mit Laub und Blumen geschmückt, ihre Jugendgespielinnen und Freundinnen und der ganze Zug der übrigen Gäste, mit einander wetteifernd im festlichen Schmucke.
So gehts hinauf zum Tannenberge.

Ein glänzendes Mahl empfängt die Gäste und nach dem Schmause ladet die Musik zum frohen Tanze. Die heiterste Stimmung beseelt die ganze Gesellschaft, und immer heißer rollt das Blut in den Adern und immer rascher fliegen die Akkorde und fort wogt der Tanz in rasender Eile über den improvisierten Tanzsaal.

Und siehe da! wie nun um die Mitternachtsstunde die Lust ihren höchsten Grad erreicht hat und die schmetternde Posaune weithin im Echo verhallt, da erwachen über diesen heidnischen Lärm die dort unten so lange in Frieden Ruhenden und die Gräber tuen sich auf und unter ihnen drehen sich im wilden Tanze die längst Begrabenen.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel steht vor dem jungen Bräutigam, der noch so eben im trunkenen Übermute die Toten verlästerte, ein scheußlich dürres Totengerippe und grinst ihn an mit kahlem Schädel.

Und wie von der Hand des Todes berührt, sinkt er lautlos zu Boden. —

Von wildem Entsetzen ergriffen stürzt Alles in jäher Flucht den Berg hernieder, und eilt, als wären sie von den Furien der Hölle gejagt, in großer Verwirrung zur Stadt. Und der Mond warf sein bleiches Licht durch die zerteilten Wolken und beleuchtete diese grauenhafte Szene.

Agnes hatte nicht mehr getanzt, sondern war, mit tiefer Wehmut im Herzen, auf eine nahe Moosbank gesunken. Das allgemeine Entsetzen macht sie auf einen Augenblick erstarren, darauf sinkt sie mit einem durchdringenden Schrei zu Boden. Doch in dem Augenblick tritt Rudolph, welcher sich in dem Schatten einer dunklen Fichte verborgen, hervor und erfasst sie mit kräftiger Hand. — Sie öffnet noch einmal das erstarrte Auge und sieht sich von ihrem Rudolph umschlungen. Sein Gesicht, vom Monde bestrahlt, schaut so unheimlich, so starr und kalt auf sie, dass sie sich von den Armen eines Toten umschlungen wähnt; ihr schwaches Haupt sinkt zurück, ihr schwinden die Sinne und bewusstlos wird sie auf seinen Armen zur Stadt getragen.

Sie kommt nicht wieder zum Bewusstsein, sondern ein hitziges Nervenfieber wirft sie aufs Krankenlager und nach acht Tagen unendlichen Leidens, schlummert sie mit dem Rufe: „Rudolph, mein Rudolph! Du winkst, ich folge Dir!" sanft hinüber ins bessere Jenseits.

Den jungen X., ihren Verlobten, fand man am Morgen dieser grauenhaften nächtlichen Szene tot und fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt im feuchten Grase liegen. Mit ihm starb der letzte männliche Sprosse des jüngeren X.'schen Hauses.

Rudolph eilte, nachdem seine Geliebte ihm durch den Tod entrissen, fort von dieser Stätte der Trauer und des Entsetzens und zog weit hinaus in die Welt. Seine Vaterstadt sah ihn nie wieder; doch wollte man Kunde davon erhalten haben, dass er über das Meer in einen fremden Weltteil gezogen, obgleich von dort jegliche Kunde über ihn fehlte.

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Der Tannenberg war von dieser Zeit an öde und verlassen, kein Tanz und Gelage fand daselbst mehr statt. Jedoch ein Heer von Krähen wählten sich fortan die schlanken Tannen zu ihrem Wohnsitz und erfüllten weithin die Luft mit ihrem widerlichen Geschrei.

Die Familie X. sank nach und nach immer mehr von dem Gipfel ihres Glanzes und Reichtums herab, und der letzte Sprosse des älteren Hauses, welcher nicht das Genie und das Glück seiner Vorfahren besaß, wohl aber den alten Stolz und Dünkel bewährte, verschleuderte in unmäßiger Verschwendung die letzten Trümmer dieser ehemals großen Reichtümer und starb dann, verachtet und verlassen von allen früheren Tafelfreunden und Schmeichlern, in Armut und Elend.

Doch die Zeit, welche jegliche Wunden heilt, wirft auch über Jegliches den Schleier der Vergessenheit, und so ist auch auf diese Zeit eine andere gefolgt und dies Bild ein anderes geworden. Die schlanken Tannen sind durch die Axt gefallen und der Krähenschwarm, worin man glaubte die Seelen der aus ihrem Todesschlummer Gestörten zu erblicken, die vergebens nach Ruhe suchten, ist nun verscheucht, und an der Stelle, wo wildes Gesträuche wucherte und noch halb verfallene Moosbänke aus dem Dickicht hervorblickten, sind nun schöne Anlagen gemacht und bequeme und zierliche Fußpfade führen nun wieder bis zum Gipfel hinauf und schöne Blumenbeete und Zierpflanzen erfreuen das Auge, und liebliche Grotten laden zur Ruhe ein.

Doch hoch oben vom Gipfel des Berges ragt jetzt das Kreuz Christi über die weite Ebene und der ganze Berg ist geweiht von der Hand des Predigers zur Ruhestätte für die selig Entschlafenen und wird Krenzberg fortan genannt. Und der Frevel ist gesühnt und friedfertig und gottergeben wandern jetzt die Lebenden an den Ruhestätten der Dahingeschiedenen und pflanzen Blumen auf die Gräber und winden Kränze für ihre Lieben. Und kein wildes Gelage, kein rauschender Tanz und Musik wird jemals ihre Ruhe wieder stören.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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