Der Tannenberg bei Boitzenburg I.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von N. N. in B., Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
In dem äußersten südwestlichen Winkel Mecklenburgs, da wo der mächtige Abstrom durch blühende Wiesenflächen majestätisch dahinrauscht, liegt, wie eine Insel im Meer, auf weiter üppiger Wiesenmatte, halb verdeckt unter dem Schatten seiner herrlichen, an Kraft und Fülle unvergleichlich schönen Lindenalleen, das friedlich stille Städtchen Boitzenburg, von der Boitze silberhellen Wogen, gleich einem Zaubergürtel umflossen. — Einst wurde es die Perle unter den Städten Mecklenburgs genannt und wetteiferte mit den ersten Orten des Landes durch seinen blühenden und weit ausgebreiteten Handel. Seine Straßen wurden fast nie leer von den aus allen Ländern heranziehenden Wagen, befrachtet mit den Produkten des Landes, und oft vermochten die engen Straßen die Masse der Fuhrwerke kaum zu fassen. Ein undurchdringlicher Knäul verschloss oftmals momentan die ganze Passage, bis durch Lärm, Gezänk und Geschrei der gordische Knoten endlich gelöst ward. Die Bürger und Kaufleute dieses Städtchens waren fast alle reich, und wer arm war, der hatte es in der Regel selbst verschuldet; denn das Sprichwort sagte schon: „In Boitzenburg wird das Geld mit Scheffeln gemessen!"

Wenn im Frühling der Elbstrom sich seiner hemmenden Decke entledigte und die mächtigen Eisblöcke dahinrollten, zermalmt unter der Wucht seiner gewaltigen Brandung, dann erst war das Leben und Treiben dieses Städtchens bedeutsam und erfreulich; die mächtigen Speicher öffneten sich und gleich Bienen sah man die tätige Schar von Arbeitern hier unermüdlich wirken.

Die Schiffer rüsteten sich zur längst ersehnten Reise und längs der Boitze lagen die Fahrzeuge, bereit die Produkte des Landes aufzunehmen und unaufhaltsam steuerten sie jenem großen Stapel-Platze des deutschen Handels zu, der mächtigen Hansestadt Hamburg. Und dann füllten sich die Straßen und der Markt der Stadt mit Wagen und Karren der von auswärts Kommenden, sowohl von den Gütern und Höfen der Großen, als auch mit dem bescheidenen Fuhrwerk der kleinen Pächter und Bauern, und von der Stadt bis zu den Schissen sah man oft zwei ganze Reihen Fuhrwerk, die eine beladen dahinwogend zu den Schiffen und die andere leer zurückkehrend zur Stadt.

Hans Peter Porten, der Schifferälteste, ein Mann von herkulischer Gestalt und entschlossenem Wesen, der einst drei Reisen nach Hamburg in einer Woche gemacht und mit reicher Ladung zurückgekehrt war, griff in die Taschen seiner weiten Pluderhosen, holte eine Hand voll blanker Zweidrittelstücke heraus und warf sie prasselnd in die Fluten der Elbe, indem er sagte: „Auf deinen Wogen habe ich's erworben, dir will ich's opfern". — So in Fülle und Übermut lebten die guten Bewohner dieser Stadt.

Doch Alles, was Reichtum und Ansehen besaß, wurde überstrahlt von einem Hause, welches man gewohnt war, als das gebietende und tonangebende dieses Ortes zu betrachten. Zwei Brüder, gleich reich und glücklich in ihren Handels-Spekulationen, erfreuten sich eines großen Rufes und des unbedingtesten Vertrauens in der ganzen Handelswelt, so dass ihr Ausspruch als Orakel galt.
Sie besaßen selbst eigene große Güter und schöne Landhäuser und große Gärten vor der Stadt, und bei ihnen zu Gaste gebeten zu sein, war die größte Ehre, die einem zu Teil werden konnte und kein Fürst lebte üppiger wie sie. Auch brauchte sich kein Fürst zu schämen, ein Gastmahl bei ihnen einzunehmen. Die Tafel erglänzte vom feinsten Damast, so weiß und sauber, wie frisch gefallener Schnee, von den Frauen und Töchtern dieses Hauses selbst gesponnen; denn damals wurde noch fleißig das Spinnrad gerührt und es war der Hausfrau höchster Stolz und Ehre, das feinste Gewebe gesponnen zu haben.

Das Silberzeug war alles gediegen, von schwerem, massivem Silber, die bauchige Rahmkanne und der Zuckerkorb einwendig vergoldet, und die Frauen und Töchter des Hauses hatten noch manches schöne Erbstück von Vätern und Großvätern aufzuweisen: Ringe und Armspangen mit Juwelen besetzt von unschätzbarem Werte.

Doch schöner als alle Juwelen erglänzte ein feuriges Augenpaar; die rosige Tochter des älteren X., des Hauptes und Führers des X.'schen Hauses, überstrahlte Alles, was Ansprüche auf Reichtum und Schönheit machte. Sie war ganz einfach und sittsam erzogen und hatte sich unter den Augen der Eltern, sich selber unbewusst, zur herrlichsten Jungfrau entfaltet. Sie kannte noch nichts von der Welt und war aufgewachsen im elterlichen Hause im Kreise einiger Jugendgespielen. Unter diesen war ein Knabe, der Nachbarssohn Rudolph, ihr beständiger Gespiele und Begleiter.

Wenn im Frühling zuerst das junge Grün, nach des Winters langer Erstarrung, hervorbrach und die Wipfel der Bäume sprossten, so ging es hinaus auf die Wiesenmatte und Rudolph hatte an langer Leine den Papierdrachen, den er dann hoch hinaus in des Himmels blauen Bogen steigen ließ.
Oh wie klatschte dann die kleine Agnes mit ihren weichen weißen Händchen über dieses schöne Schauspiel. Und Rudolph ließ alsdann Boten auf Boten, in der Gestalt von kleinen Kartenblättern, hinaufsteigen zu dem papiernen Ungeheuer. Oder er fuhr sie in ihrem kleinen Wagen, wenn die Zeit der Ernte herankam, nach dem Garten um Obst für sie zu pflücken. Selbst in die höchsten Gipfel der Bäume wagte sich der unverdrossene Knabe, wenn sie einen Apfel dort oben zu haben begehrte und wenn sie ihn alsdann streichelte und sagte: „Mein guter Rudolph! willst Du mir nicht einen Gefallen tun?" so hätte er sein Leben für sie dahin gegeben.

So waren beide, sich selber unbewusst, herangewachsen und es hatte sich das Mädchen schön und blühend entfaltet, wie eine halbaufgeschlossene Rosenknospe, und aus dem munteren Knaben war ein stiller sinniger Jüngling geworden, dem die ganze Welt nun offen stand. Allein die Welt war für ihn wüste und leer; seine Welt war, so wähnte der träumerische Jüngling, an der Seite seiner teuren Agnes.

— Armer Jüngling! Dein Erwachen wird bald ein schreckliches sein; dein teurer Jugendtraum wird in ein Nichts zerrinnen. — —

Rudolph war der Sohn armer, jedoch rechtlicher Eltern und hatte das Tischlerhandwerk erlernt. Nach vollendeter Lehrzeit musste er seinen Wanderstab nehmen und das Weite suchen. Agnes durfte er in der letzten Zeit nur noch selten und im Beisein der Eltern besuchen; denn der reiche begüterte Kaufherr mochte bereits ahnen, was in der Brust dieses jugendlichen Schwärmers sich rege. Er begrüßte ihn ernst und kalt, ihn, den er früher oft freundlich bei der Hand genommen und manchen schönen Apfel gereicht hatte. Doch so ernst und kalt auch der Vater war, so mild und freundlich strahlten Agnesen’s Augen und ein Blick sagte ihm, dass sie ihn noch liebe. Dies gab ihm Mut sich heimlich ihr zu nahen und eines schönen Sommerabends, — es war am Tage vor seiner Abreise aus dem elterlichen Hause, — suchte er seine Jugendfreundin in den schattigen Gängen ihres väterlichen Gartens auf, und im verborgenen Winkel einer Ligustrum-Laube schwört er ihr ewige Liebe und Treue. Das holde Mädchen schmiegt sich zärtlich ihm an, spricht ihm Mut ein und reicht ihm vertrauensvoll ihre Hand. Ja! auch sie will ihm treu bleiben und sein Bild soll nie aus ihrem Herzen weichen. Ein Kuss auf ihre zarten Rosenlippen besiegelte diesen Bund, und freude- und wonnetrunken eilt er jetzt von ihr, ein ganzes Meer voll Seligkeit im Herzen. Nun dünkt ihm nichts mehr zu schwer, er muss es wagen: der Zukunft Morgenrot winkt ihm durch Nacht und Graus zum schönsten Ziel.

— Du hoffest auf das Wort einer Jungfrau; dein Gemüt ist noch rein, du hast noch nicht des Lebens bittere Täuschung empfunden! — Möchte dir dein süßer Wahn doch nie geraubt werden! — —

Doch was vermag das zarte, kaum zur Jungfrau sich entfaltende Kind, die die Welt nicht, selbst ihr eigenes Herz kaum kennt, gegen den allgebietenden Willen ihres stolzen Vaters, gegen das Anstürmen einer ganzen, im höchsten Glanze ihres Namens und ihrer großen Reichtümer sich brüstenden Familie, die sich sogleich verhöhnt und verspottet sieht, wenn sie nur den Namen dieses armen, unbedeutenden Handwerkerkindes zu nennen wagt.

Sie, die im höchsten Glanze des Reichtums geboren, darf auch nur ihre Augen zu den edelsten Jünglingen ihres Standes erheben, und ihre Hand einem armen Handwerker zu reichen, das wäre ja ein Schimpf für die ganze Familie. Einem reichen Vetter, der erst kürzlich aus Bremen zurückgekehrt ist, woselbst er als Volontair bei einem der ersten Handlungshäuser gewesen und sich durch seine üppige Verschwendungssucht ausgezeichnet und schon Tausende unnütz vergeudet hat, soll sie ihre Hand reichen, damit, wie der alte X. sich ausdrückt, das Vermögen beisammen bleibe. Man hofft, dass die sanfte und edle Jungfrau ihn auf bessere Wege zu leiten verstehe und dass er unter der Leitung seines Vaters, des jüngeren X., ein ordentlicher und fleißiger Mann werde. Der Junge hat sich nur erst die Welt besehen müssen und deshalb hat der Vater auch kein Geld gespart, damit er seines Standes gemäß auftreten könne.

Agnes seufzet, klagt und weint; sie kann den Vetter nicht leiden, der ihr mit seinem süßen, frivolen Lächeln und seinen schlechten Witzen höchst lästig und verächtlich erscheint, besonders da er Alles, was arm ist und nicht, wie er, auf seinen vollen Geldbeutel zu pochen versteht, schonungslos durch beißende Satire zu geißeln sich erdreistet.

Allein was hilft es, der Vater befiehlt und die Mutter, stets gewohnt, dem Vater zu willfahren und in denselben hochtrabenden Grundsätzen erzogen, weiß die Tochter dahin zu bereden, dass sie ja ihr Glück begründen wollen und sie unmöglich jemals daran denken könne, einem armen, simplen Handwerker, selbst wenn er auch sein Geschäft bis zur höchsten Vollkommenheit betriebe, ihre Hand zu reichen; denn sie müsste ja, wenigstens nach ihrer, der Mutter festen Überzeugung, ihr ganzes Leben lang höchst unglücklich werden. Doch eine Partie mit ihrem reichen, feingebildeten Vetter sei ein Glück für sie, worüber sie von den Ersten ihres Standes beneidet würde.

So stand denn das arme, schwache Mädchen rat- und tatlos zwischen der ganzen Familie und musste sich endlich, wie sie nicht anders von Jugend auf gewohnt war, in den Willen der Eltern fügen.

Sie schrieb heimlich an ihren Rudolph: „Wenn Du die Umstände näher erfährst, weshalb ich so und nicht anders habe handeln können, so musst Du, um der großen Liebe willen, die Du stets mir bewiesen hast, mir verzeihen. — Ich konnte wohl über mein Herz gebieten, und dieses gehört Dir und wird auch ewig Dir gehören; allein über meine Hand durfte ich nicht verfügen. Ich musste meinem Vater gehorchen, wenn ich nicht seinen Fluch auf mich laden wollte. — Nur einzig aus diesem Grunde will ich meinem Vetter die Hand reichen. Ich will es versuchen ihn achten zu lernen; allein lieben kann ich ihn nicht. Dies habe ich ihm schon mit Freimut erklärt und glaubte, er würde nun freiwillig von meiner Hand ablassen, da er mein Herz nie besitzen kann; allein er lächelte süß und sagte: Ich will jetzt nicht weiter in Dich dringen, allein mit der Zeit, so hoffe ich, wirst Du mich näher kennen und lieben lernen. Sei getrost mein guter Rudolph, wenn auch hier gewaltsam getrennt, so sehen wir uns gewiss einst dort oben wieder, um uns nie wieder zu trennen. Das soll mein Trost und meine Hoffnung sein! —"

Rudolph war beim Empfang dieses Briefes wie vernichtet; dass auch sie wieder Willen von ihm gerissen und vielleicht unglücklich wurde, war sein größter Schmerz. Endlich nach langen Leiden, fand wie ein Tropfen mildernden Balsams, der Gedanke Eingang in seine Seele, dass wenn sie auch für diese Welt für ihn verloren sei, ihre Liebe ihm doch ewig bleiben würde. Doch wer ihn sah, der kannte ihn kaum wieder, so sehr hatten ihn die Leiden entstellt. Einsam und trübsinnig schlich er gleich einem Schatten einher.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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