Der Stier auf der Quassower Brücke bei Strelitz.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von Friedr. Latendorf aus Neu-Strelitz, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Quassower Brücke, Strelitz
Auf der Brücke zwischen Groß- und Klein-Quassow war es vor dem Nachts nicht geheuer. Ein großer Stier pflanzte sich der Länge nach darauf hin und ließ Niemand hinübergehen.

Da kam eines Tages ein alter Mann des Weges, „der mehr verstand als alle Tag'" — dessen Wissen über das Alltägliche hinausging —, und obwohl man ihm abriet, erklärte er doch seinen Entschluss, Nachts über die Brücke zu gehen. Man ließ ihm also seinen Willen.

Er nahm dann einen Kreuzdornstock und ging getrost dem Stier entgegen. Hier schlug er denn ohne Weiteres mit den Worten: „Eins, zwei!" auf den Stier ein.

„Sla den drütten ok!”*) rief dieser; er wusste wohl, dass er dann Gewalt über den Mann habe und ihn zerreißen könne.

*) „Schlage den dritten — nämlich Schlag — auch.”

Der Greis aber erwiderte ruhig: „Es geht immer wieder auf's Neue." Und trotz wiederholter Zurufe des Stiers blieb er die ganze mitternächtliche Stunde hindurch bei seinem: „Eins, zwei!"

Als aber die Glocke Eins schlug, verschwand die Erscheinung und kehrte in Zukunft nie wieder. Der Greis aber erklärte, nun sei das Gespenst erlöst.

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