Der Schwarze Tod in Platschow bei Grabow

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von J. J. F. Giese zu Strohkirchen, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sagen, Volkssagen, Grabow, Putlitz, Platschow, Schwarzer Tod, Pest, Mittelalter, Krankheit, Einwanderer
Platschow, ein wohlhabendes Dörfchen hart an der preußischen Grenze und an der Landstraße von Grabow nach Putlitz, war von jeher schon ein Ort, der durch den Wohlstand seiner Bewohner in der nächsten Umgegend eine Art von Berühmtheit erlangt hatte. Obgleich Wohlhabenheit in dem Dorfe herrschte, so fand man doch früher nicht in demselben, was man sonst gewöhnlich an solchen Orten zu finden pflegt, Stolz und Übermut, Unzucht und Gottlosigkeit. Die Einwohner Platschows blieben demütig und verließen nicht die Wege des Herrn. In Liebe und Freundschaft wohnte der Nachbar bei dem Nachbar, und in Mildtätigkeit suchte es der Eine dem Andern zuvor zu tun. Der Segen Gottes ruhte denn auch sichtlich auf dem Dorfe. Er hatte es mit Reichtum überschüttet, und es schien auch, als wenn Er eine die ganze Gegend verheerende Krankheit, schwarzer Tod genannt, von ihm abwenden wolle; denn noch lag in demselben Keiner krank an dieser Pest, wiewohl täglich die Platschower in die benachbarten Dörfer eilten und Hilfe leisteten, wo Hilfe nötig war.

Hieraus sollten die Platschower billig erkannt haben, dass Gottes Auge über sie wache, und sollten sich glaubensvoll Seinem ferneren Schutze vertraut haben. Aber statt dieser guten Zuversicht wurden sie nach und nach kleinmütig und verzagt; denn als rings umher in den Dörfern der schwarze Tod immer ärger zu wüten begann, glaubten sie, sich gegen denselben abschließen und daher den Umgang mit den Nachbarsdörfern ganz abbrechen zu müssen. Ein gewaltiger Erdwall mit tiefen Gräben zu beiden Seiten — welcher noch heute, nach etlichen hundert Jahren, an einigen Stellen, wo ihn der wirtschaftliche Spaten des Hauswirts noch nicht wieder niedergeworfen hat, zu sehen ist — war dieser halb bald aufgeworfen. Hinter diesem Walle glaubten sich nun die Platschower gegen den sie rings umgebenden Feind gesichert.

So lange das Dorf noch offen gelegen und so lange man noch zu den Nachbarn gegangen war, um geliebte Freunde und teure Verwandte zu pflegen in ihrem kurzem, aber schweren Kampfe, so lange war der Wandel unserer Dörfler untadelig vor dem Herrn gewesen. Als sie aber hinter der Schanze saßen, als sich in ihr Gottvertrauen immer mehr ein Vertrauen auf eigne Kraft und Klugheit mischte, da musste sie der Herr strafen, und da wusste sie der Herr denn auch zu finden, trotz ihrer Feste.

Als man sich noch in bester Sicherheit wähnte, brach, ehe man sich's versah, die Krankheit auch in Platschow aus. Grässlicher als anderswo trat der schwarze Tod hier auf; weder Junge noch Alte, weder Schwache noch Starke wurden von demselben verschont. Zu Anfang traten die Gesunden noch zusammen, um den Verstorbenen ein ehrliches Begräbnis) auf dem Kirchhofe zu Berge*) zu bereiten. Als jedoch der Toten und Kranken bald so viele und der Gesunden so wenige waren, vermochte man es nicht mehr, alle Toten nach dem Berger Kirchhofe zu bringen; man trug sie nur noch über den Wall und begrub sie an dem Kirchwege, auf dem jetzigen Mühlenberge. Was die ersten Leichen noch erhalten hatten, einen Sarg, konnten die letzten auch nicht mehr bekommen, denn es fehlte an Händen, welche denselben zimmerten.

*) Berge, ein preußisches Dorf, wohin Platschow eingepfarrt ist.

Wenige Tage waren nur verflossen, als schon das ganze Dorf, bis auf einen Mann, ausgestorben war. Dieser Eine, welcher der „lange Schuldt" geheißen hat, trug die letzten Leichname über den Wall nach dem Totenplatz, wo er sie bei den andern in die noch offene Grube legte und diese dann mit Erde füllte. Wo dieser lange Schuldt später geblieben ist, ob er ausgewandert, oder ob auch ihn endlich der Tod in dem verödeten Dorfe ereilt hat, weiß man nicht; so viel will man aber wissen, dass das Dorf nach seinem Aussterben in einem Zeitraum von mehr als 30 Jahren von keiner Menschenseele bewohnt worden ist.

Nach 30 und etlichen Jahren versuchten es zuerst 5 Menschen, 3 Gebrüder Schuldt und 2 Gebrüder Holm, sich in diesem Dorfe wieder anzusiedeln. Als sie in demselben erschienen, fanden sie die Häuser schon ihrer Dächer und der meisten Wände beraubt, auch einige vom Winde ganz über den Haufen geworfen; die Straßen aber standen so voll Unkraut und Gebüsch, dass fast nicht hindurch zu dringen war. Hierin lebten mehrere hundert Hunde, groß und klein, durch deren furchtbares Geheul die Einwanderer zuerst in Angst und Grausen versetzt wurden.

Nur ein einziges Haus auf dem jetzigen Schuldt’schen Gehöfte fand man noch in ziemlich wohnbarem Zustande, doch hatte auch in diesem seit einer Reihe von Jahren kein Feuer mehr auf dem Herde gebrannt, da ein Holunderbaum von der Dicke einer Wagendeichsel auf demselben stand und mit seinen Zweigen den ganzen Raum einnahm.

Nachdem dies Haus die Einwanderer aufgenommen hatte, machte man noch vier andere Häuser bewohnbar, suchte darauf die Straßen von dem Gebüsch zu reinigen, vor Allem aber die grässlichen Hunde aus dem Dorfe zu entfernen und dann den Anfang bei der Ackerwirtschaft zu machen.

Alles gelang auch gar schnell; denn als nach etlichen Jahren noch andere Familien einwanderten, fanden diese schon wieder ein freundliches Dörfchen, welches fast keine Spur der Verwüstung mehr an sich trug.

Nach und nach hob sich auch der Wohlstand des Ortes wieder, und bald war Patschow wieder eines der wohlhabendsten Dörfer der ganzen Umgegend.

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Zur Bestätigung vorstehender Sage findet man, außer dem gedachten Walle, noch viele Menschenschädel und andere menschliche Überreste auf dem nahen Windmühlenberge bei Patschow, wo, wie wir schon gehört, zur letzten Zeit der schwarzen Pest die Leichen begraben sein sollen.

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