Der Schatz in der Vollmondnacht.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Greifswald, Aberglauben
Hinter dem Hause des Bäckers Meier in der Langenstraße zu Greifswald ist ein kleiner Garten. In diesem ist, wie dieLeute sagen, ein Schatz vergraben, den der Teufel bewacht, der aber alle Jahre einmal in einer Vollmondnacht zum Vorschein kommt. Er leuchtet dann im Mondlichte und sieht aus, wie ein großer Haufen brennender Kohlen. In dem Hause diente einstmals eine schläfrige Magd, die gewöhnlich des Morgens die Zeit verschlief, und deshalb zum öfteren von ihrer Frau ausgescholten wurde. Als die zu einer Zeit aus dem Schlafe erwachte, sah sie, dass es schon ganz hell war, worüber sie sehr in Schrecken geriet; denn sie meinte, sie hätte sich wieder verschlafen. Sie lief deshalb geschwinde in die Küche, um Feuer anzumachen. Wie sie aber aus dem Fenster sah, welches in den Garten führte, gewahrte sie, dass dort schon ein Feuer brannte. Sie verwunderte sich zwar, wie das Feuer dahin käme; aber in ihrer Eile freute sie sich auch, dass sie nun nicht erst lange welches anzumachen brauche, und sie nahm eine Schüppe und ging damit in den Garten, und holte sich die voll Kohlen. So wie sie indessen damit wieder in die Küche kam und sie auf den Herd legte, erloschen sie auf einmal alle zusammen. Sie ging daher in den Garten zurück, und holte sich noch eine Schüppe voll, die aber auf gleiche Weise verlöschten. Darauf ging sie zum dritten Male zu dem Feuer in den Garten. So wie sie aber jetzt dabei ankam, erscholl auf einmal hinter den brennenden Kohlen her eine schreckliche Stimme, die rief: Wenn du nun noch einmal kommst, so drehe ich dir den Hals um! Darüber erschrak das arme Mädchen so gewaltig, dass sie kaum ins Haus zurücklaufen konnte. Als sie dies erreicht hatte, schlug gerade die Glocke auf dem Nicolaiturme Ein Uhr Nachts, und mit dem Schlage war das Feuer im Garten verschwunden. Da entsetzte sie sich noch mehr, und sie ging eilig in ihr Bett zurück, wo sie aber die ganze Nacht kein Auge mehr zutun konnte. Wie sie am anderen Morgen an den Herd kam, lagen lauter blanke Thaler darauf. Nun erkannte sie, dass sie um Mitternacht bei dem vom Teufel bewachten Schatze gewesen sei, und dass das Licht des Vollmonds sie glauben gemacht hatte, sie hätte sich verschlafen.

Mündlich
Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller