Der Raubritter von Dasseln zu Boitzenburg

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Boitzenburg, Dasseln, Raubritter, Lauenenburg, Artlenburg, Kaufleute, Plünderung, Überfall, Raubzug, Burg, Raubschloss, Rittersmann, Todfeind, Belagerer, Belagerung, Gelübde
Es waren einmal drei Brüder, genannt die Herren von Dasseln. An dem Wörtlein „von" sehen wir, dass sie Edelleute waren; ob sie aber außerdem Christen oder Heiden waren, davon schweigt die Sage. Waren sie Christen, so ist es jedenfalls mit ihrem Christentume nicht weiter hergewesen, als mit ihrem Adel, das heißt, dass sie sich jemals' edel bewiesen haben, hat ihnen Niemand nachgesagt, und Christum haben sie nimmer lieb gehabt. Denn ein Christ, wohlgemerkt, ein Christ, kennt das siebente Gebot, und das kannten die Gebrüder von Dasseln nicht. Sonst wären sie keine Raubritter gewesen und hätten keine Raubschiffe auf der Elbe und keine Raubschlösser zu Lauenburg, Artlenburg und Boitzenburg gehabt. Und wenn die Schiffer und Kaufleute im Vaterunser beteten: „Sondern erlöse uns von dem Nebel”, so dachten sie auch allemal an die Herren von Dasseln.

Der Herr von Dasseln auf seinem hinter Wald und Gräben verborgenen Schloss zu Boitzenburg hatte schon früh seine Frau verloren, welche ihm ein blutjunges Töchterlein hinterlassen hatte. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!" und: „Wie das Schaf, so das Lamm!" heißt's im Sprichwort. Aber keine Regel ohne Ausnahme, denn manches Mal fällt der Apfel sehr weit vom Stamm, wenn nämlich der Sturmwind die Äste und Zweige schüttelt und dem Gärtner das Pflücken erspart. Und vom Sachsenlande her durchbrauste das Wendenland ein Orkan, gegen den unsere Herbststürme Frühlingslüftchen sind, und rüttelte und schüttelte das alte Heidentum, dass es in seinen tiefsten Grundfesten erbebte, wie Frühlingslaub im Morgenwinde. Das Christentum war's, das mit Sturmesgewalt die morschen Pfeiler des Heidentums zum Wanken und Weichen brachte und manchen Apfel weit, weit weg vom Stamme warf. Und so ein weit vom Stamm gefallener Apfel war auch des Raubritters Töchterlein. Denn als das Christentum so daher zog, bald brausend wie ein Herbststurm, bald säuselnd wie der Abendwind im Frühlinge, da hat es seinen Weg genommen durch das Raubschloss des Herrn von Dasseln, mitten durch das Herz seines Töchterleins hindurch. Dieselbe war gar fromm und das gottlose Tun und Treiben des Vaters war ihr ein Gräuel; und schön war sie wie das junge Morgenrot im Wonnemonat.

Eines Tages hatte der Vater mit den sauberen Brüdern wieder einen Raubzug unternommen, und das Töchterlein saß daheim mit dem Schmerz im Herzen über das sündige Wesen des Vaters. Die großen, dunklen Räume des Schlosses wurden ihr zu enge und sie trat hinaus in den Wald, dessen Saum hart die Mauern des Raubschlosses begrenzte.

Im Halbdunkel der uralten, bemoosten Eichen und Buchen war's so feierlich still, und das Laub flüsterte und rauschte so geisterhaft, als sängen unsichtbare Lippen dem Herrn der Heerscharen ein Loblied, und draußen im Felde schlug die Wachtel ihr „Walte Gott! Walte Gott!" und hoch oben in der Krone einer Eiche flötete die Drossel, und unten im Gebüsch schlug die Nachtigall, und wer's verstanden hätt', der hätt' mit eingestimmt: „Nun danket alle Gott!" Und die Jungfrau verstand die Sprache der Natur. Sie war unter dem morschen Stamm einer Eiche niedergesunken und bat den barmherzigen Gott um Gnade für die arme Seele des sündigen Vaters, und unser Herrgott möge doch der himmelan schreienden Sünde des Vaters einen Damm entgegensetzen.

„Amen!" sagte die Jungfrau, und wie ihr Gebet, so kam auch ihr Amen aus dem Tiefinnersten ihres Herzens. Da raschelte und rauschte es hinter ihr im Gebüsche und ein bleicher Jüngling, ein Rittersmann, trat ehrerbietig auf sie zu. Er klagte der Jungfrau sein Leid, dass er auf der Reise von den Seinen abgekommen und verirrt sei und jetzt schon tagelang ohne Speise in der Wildnis umherwandere.

Die fromme Jungfrau nahm den Ritter mit sich aufs Schloss und ließ ihn aufs Sorgfältigste verpflegen.

Schon nach einigen Tagen war der Jüngling so weit gekräftigt und gestärkt, dass er seine Reise hätte antreten können. Allein er zögerte sichtlich mit der Abreise und man sah's ihm an, er wäre am liebsten krank, noch recht lange krank gewesen, um möglichst lange in der Nähe seiner holden Beschützerin weilen zu dürfen. Des freute sich die Jungfrau, denn auch sie hatte den frommen Jüngling lieb gewonnen, der von Herzen dem christlichen Glauben zugetan zu sein schien.

Und je länger der Rittersmann weilte, desto länger wünschte er zu weilen, und eh' es die Leutchen sich versahen, war ihnen das Herz über die Zunge geströmt und hatten sie sich einander ihre Liebe gestanden.

Unterdes wurde der Herr von Dasseln täglich von seinem Raub- und Sündenzuge zurückerwartet. Die Jungfrau hatte dem Geliebten ihr Leid geklagt, wie der Vater so arg in der Umgegend hause und mit dem Gute und Blute der armen Schiffer und Kaufleute so gar gottlos umgehe. Der Jüngling tröstete die Jungfrau und machte Ratschläge, wie der Seele des Vaters zu helfen sei.

Und während die Liebenden Ratschläge hervorsuchten und Ratschläge verwarfen, da verkündete der Turmwächter frohe Botschaft, und draußen ertönte Hörnerschall und Jubelgeschrei. Der Raubritter kehrte mit seinen gottlosen Mannen zurück und führte beutebeladene Wagen und ein mit Blutschuld belastetes Gewissen heim. Aber der Herr von Dasseln hatte nur Herz und Augen für die Beute, das Gewissen drückte ihn nicht schwer.

Dem Mägdlein war nicht ganz wohl zu Mute, als sie dem Vater diesmal entgegen ging. Hatte sie doch mit demselben ein Wörtlein zu sprechen, von dem ihr ganzes zeitliches Wohl und Wehe abzuhängen schien, und der Vater war gerade nicht Derjenige, der das Wohl und Wehe eines Menschenkindes besonders groß respektierte. Aber seinem Vaterherzen zur Ehre musste man doch sagen, dass er sein Töchterlein lieb hatte wie seinen Augapfel und ihr nimmer einen Wunsch leicht abgeschlagen hat. Darum hörte er, wider Erwarten der Jungfrau, die Erzählung des Kindes ruhig an und lächelte sogar ein über das andere Mal dazu. Als er aber den Namen des fremden Ritters hörte, da lächelte er nicht mehr, sondern entsetzliche Wut und endlose Rachsucht sprühten aus seinen Augen. Die Tochter hatte den Sohn seines Todfeindes zum Geliebten erkoren.

Schonungslos wurde der Jüngling ins Burgverließ geworfen, bestimmt zum Opfer der Rachsucht des Feindes.

Doch nach Tagen gewann des Kindes Bitte und Gram die Oberhand über das Rachegefühl des Vaters. Dem Kinde zu Liebe versprach der Vater dem Jünglinge das Leben zu schenken; aber denselben unter Schimpf und Schande aus den Mauern zu jagen, diese teuflische Freude wollte er sich nicht entgehen lassen. Und so geschah es.

Verhöhnt und beschimpft zog der Jüngling aus dem Schlosse und eilte, tief gekränkt, der väterlichen Burg zu. Er raffte seine Mannen zusammen, vereinigte sich mit den benachbarten Rittern, die den Räubereien des Boitzenburgers längst satt und müde waren, und eröffneten eine Fehde wider denselben, um seinem schändlichen Treiben endlich Maß und Ziel zu setzen.

Allein je näher sie der Burg des Feindes kamen, desto ängstlicher wurde es dem Jünglinge ums Herz; galt es doch dem Leben des Vaters seiner Geliebten. Er sammelte die Gefährten und nahm von ihnen das heilige Gelübde, dass Jeder das Leben des Raubritters und dessen Tochter schonen wolle.

Dem Herrn von Dasseln war bereits die Kunde von dem nahenden Unwetter geworden. Trotzig verschloss und verrammelte er die Burg und traf alle Anstalten zu der verzweifeltsten Gegenwehr. Ehe der Sturm gewagt wurde, forderten die Belagerer ihn zur Ergebung auf, begehrten auch weiter nichts von ihm, als dass er die Tochter dem Geliebten gebe und das Rauben auf und an der Elbe einstelle. Hohn war die Antwort. Den Belagerern blieb nichts Anderes übrig, als den Sturm zu wagen.

Mit verzweiflungsvoller Tapferkeit verteidigten sich die kampfgewohnten Mannen des Boitzenburgers. Allein das Stündlein der Räuber hatte geschlagen, denn das Maß ihrer Sünden war voll. Die Burg wurde erobert und prasselnd loderte die Flamme bald an allen Ecken und Enden hervor.

Mit genauer Not gelang es dem Jünglinge, die Braut zu retten. Auch den Raubritter selbst suchte man dem Tode zu entreißen, allein derselbe war plötzlich verschwunden und wurde trotz alles Suchens nicht wieder aufgefunden. — Wahrscheinlich ist der Mörder noch im Tode seinem Handwerke treu geblieben und hat als Selbstmörder den freiwilligen Tod in den Flammen gefunden.

Die Burg wurde der Erde gleich gemacht; die Jungfrau führte der Ritter als Braut heim. Den Herrn von Dasseln aber hat kein Menschenauge je wieder geschaut.

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Mittelalterliche Burganlage

Mittelalterliche Burganlage

Beim Lanzenstechen am Hals getroffen

Beim Lanzenstechen am Hals getroffen

Beim Lanzenstechen an der Hüfte getroffen

Beim Lanzenstechen an der Hüfte getroffen

Beim Lanzenstechen man Oberschenkel getroffen

Beim Lanzenstechen man Oberschenkel getroffen

Angriff auf eine Burg

Angriff auf eine Burg

Rittermahl

Rittermahl

Beide Kämpfer am Boden

Beide Kämpfer am Boden