Der Ranisberg bei Lübeck.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Rügen, Lübeck, Trave
Um das Jahr 1107 lebte Heinrich, Fürst der Mecklenburger. Er hatte den Fürsten Crito erschlagen lassen, und darauf dessen Witwe, Slavina, zur Ehe genommen, mit der er schon lange im Einverständnisse gelebt hatte, und mit der er das Fürstentum Mecklenburg bekam. Nachdem er also mächtig geworden war, da suchte er, sich auch die Herrschaft über die Rügianer zu verschaffen. Die Rügianer wollten ihm aber nicht gehorsam sein, vielmehr über ihn gebieten und sein Land haben, wie ihr Fürst Crito gehabt hatte. Derohalben brachten sie ein großes Heer und Schiffsrüstung zusammen, und zogen damit die Trave hinauf vor die Stadt Lübeck, in welcher der Fürst Heinrich lag, und belagerten die Stadt. Als das der Fürst sah, erschreckte er sich des unversehenen Überfalls hart. Er fasste aber bald einen Rat, und befahl seinem Hauptmann in der Stadt, er sollte ein Mann sein und die Stadt nicht aufgeben bis in den vierten Tag; er wollte ins Land ziehen und Hilfe suchen; wo er aber den vierten Tag nicht käme, und sich nicht auf einem Berge zeigte, den er ihm von der Stadt aus anwies, so möchte er tun was die Not forderte. Darauf schlich er selbander in der Nacht aus der Stadt vor den Rügianern weg, und begab sich in das Land Holstein, wo er in der Eile Volk aufbrachte. Die führte er um die Stadt herum bis an Travemünde, denn er hatte erfahren, dass von der Seite her das reisige Zeug der Rügianer zu diesen kommen sollte, und darauf baute er eine Kriegslist.

Als nämlich nun der vierte Tag gekommen war, da ritt er auf den Berg, den er seinem Hauptmann angewiesen hatte, und gab diesem das Zeichen, dass er da wäre. Damit wurden der Hauptmann und die Bürger sehr getrost; denn die Rügianer hatten unter der Zeit mit Stürmen und Niederbrechen der Mauern keine Ruhe gelassen. Alsdann ließ der Fürst seine Reisigen von Travemünde herauf an dem Ufer der Trave herziehen, und darauf das Fußvoll allmählich nach. Als das die Rügianer sahen, meinten sie nicht anders, als es wären ihre Reisigen; denn sie wussten nicht, dass der Fürst aus der Stadt entkommen war, und sie liefen den Reitern mit Freuden entgegen, ohne Ordnung und ohne Waffen. Da setzte das reisige Zeug des Fürsten in sie, und die aus der Stadt fielen auch aus und beringten die Rügianer allenthalben und erschlugen sie zumeist, so viele ihrer nicht in die Trave gedrängt wurden und darin ertranken.

Es waren aber der Rügianer so viele zu Tode gekommen, dass, als hernach die aus der Stadt die Erschlagenen sammelten und sie begruben, davon ein solcher Berg wurde, welchen man noch heutiges Tages sieht, und welcher der Ranisberg heißet, weil man die Rügianer in alten Zeiten auch Ranen geheißen.

Zur Gedächtnis dieses Sieges haben die Lübecker stets den ersten Augusttag, an welchem die Überwindung geschehen, hoch gefeiert.

Th. Kantzow, Pomerania, I. S. 62, 63,
J. J. Sell, Geschichte des Herzogtums Pommern, I, S. 110
G. v. d. Lanken, Rugensche Geschichte, S. 52.
Alb. Cranzii Wandalia, S. 99.

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Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller