Der Krützensee und die Teufelskule bei Schwaan.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von J. G. C. Ritter zu Friedrichshöhe, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sagen, Volkssagen, Rostock, Schwaan, Kutscher, Teufelskuhle, Krützensee, Schuhmacher, Warnow, Siwa Göttin der Fruchtbarkeit, Siwan, Sommersonnenwende
In der Zeit, als die heidnischen Wenden noch unser Land bewohnten, verehrten sie die Siwa, die Göttin der Fruchtbarkeit, hauptsächlich an dem Orte, wo jetzt die Stadt Schwaan liegt, welche von dieser Gottheit ihren Namen führt und noch in alten Urkunden Siwan heißt. Auf der einen Seite fließt die Warnow in ihrem breiten Wiesenbett vorüber, an der andern Seite liegt der Krützensee.

Alljährlich um die Zeit der Sommersonnenwende umfährt in stiller Nacht ein Wagen diesen See dreimal in immer weiteren Kreisen und lenkt dann in die Mitte des Sees, in dessen Tiefe er verschwindet. Die Spuren der Räder sieht man am nächsten Morgen deutlich am Ufer des Sees*). Jede Nacht aber entsteigt diesem Krützensee ein Hammel oder Schafbock und nimmt seinen Weg nach der Warnow an der Teufelskuhle, einer sumpfigen, grundlosen Stelle, unweit des Weges von Schwaan nach Rostock vorbei; in der Warnow aber verschwindet er.

*) Diese Sage erinnert an das, was Tacitus über die Verehrung der Göttin Hertha — Mutter Erde — bei den früheren Germanen des nördlichen Deutschlands erzählt, dass diese Göttin nämlich zu gewissen Zeiten in einem verdeckten, von Kühen gezogenen Wagen, den nur der Priester berühren durfte, die Länder besuchte, in denen dann Friede und Freude herrschte; dass aber nach ihrer Rückkehr der Wagen nebst Zubehör in einem verborgenen See von Sklaven gewaschen wurde, welche letzteren dann der See verschlang.

In alter Zeit ist in diese Teufelskuhle ein Fuhrwerk mit vier schwarzen Pferden nebst dem Fuhrmann, welcher des Nachts sich von der Landstraße verirrt hatte, hineingeraten und darin umgekommen. Seitdem macht dieses Fuhrwerk allnächtlich dieselbe Fahrt.

Einst kam ein schwaaner Schuhmacher aus Rostock des Weges, hatte sich aber etwas verspätet, und da es dunkel geworden war, hörte er einen Wagen hinter sich kommen. Er stand still, und als das Fuhrwerk ihn eingeholt hatte, bat er den Kutscher, ihn mitzunehmen. Dieser erlaubte es ihm, hinten aufzusteigen, machte es ihm aber zur Bedingung, sogleich hinabzuspringen, wenn er pfeifen würde.

Die Fahrt ging mit den vier munteren schwarzen Pferden rasch von Statten. Plötzlich gab der Kutscher das verabredete Zeichen; der Schuster sprang vom Wagen und stand dicht vor der Teufelskuhle, in welche das Fuhrwerk hineinstürzte und verschwand. (R. Z.)

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