Der Kreuzstein bei Dassow und die ehemalige Martensmühle daselbst.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: C. Masch, Pastor zu Demern, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
In alten Zeiten waren die Wege nicht sicher wie jetzt; überall lauerten Räuber auf, welche den Reisenden, bei dem sie Schätze vermuteten, niederwarfen, ihn beraubten, und von Glück hatte der Beraubte zu sagen, wenn er mit dem Verlust seiner Güter sich seine Freiheit, sein Leben erkaufte, denn gar oft ward er in tiefe Keller geworfen, aus denen er sich nur durch großes Lösegeld befreien konnte, oder musste auch sein Leben lassen. Besonders waren es die Kaufleute aus Lübeck, auf welche die Schnapphähne lauerten, denn die brachten viel Gold und schöne Waren in ihre sieben-türmige Stadt von ihren weiten Reisen zurück.

So zog denn auch einmal ein reisender Kaufmann über Dassow seiner Heimat zu; da wurde er auf der Straße von zwei Räubern angefallen, welche ihn beraubten und erschlugen. Weit umher war Niemand zu sehen, den er als Zeugen seiner Ermordung anrufen konnte, nur drei Kraniche zogen hoch in der Luft; nur diese konnte er zu Zeugen bestellen. Nach zehn Jahren kamen die Räuber wieder an diese Stelle, und sie erinnerten sich einander beim Anblick einiger daherziehender Kraniche an den begangenen Mord. Ein Mädchen, das ihre Worte gehört, ward ihre Angeberin; des Ermordeten Anverwandte wandten sich an den strengen Fürsten, der überall die Räuber verfolgte, sie wurden ergriffen, gestanden und starben eines schmählichen Todes. An die Stelle des Mordes aber ward ein Kreuzstein gesetzt, welcher noch steht und die Worte in lateinischer Sprache hat, die vielleicht des Getöteten letzter Gedanke gewesen: „Erbarme dich meiner, oh Gott!"

Nicht weit davon stand späterhin eine Mühle, von der aber jetzt kaum noch die Spur zu finden ist, die Martensmühle heißt noch die Stelle. Ein Müller hatte einen einzigen Sohn, der in die Fremde ging und lange hörten Vater und Mutter nichts von ihm. Diese aber vergaßen Gott und sein Gebot und mordeten die Fremden, die bei ihnen einkehrten und gossen ihnen geschmolzenes Blei in die Ohren und nahmen zu sich, was sie bei ihnen fanden. Von diesen Gräueltaten wusste der Sohn nichts, welcher nach Jahren, reich mit Schätzen beladen, zurückkehrte und seine Eltern überraschen wollte, als er des Abends ankam und ihnen nicht sagte, wer er sei. Sie erkannten ihn nicht und ermordeten ihn im Schlafe. Am andern Morgen kam sein Freund, der nach Schlutup gegangen war, und wollte sich mit ihm des Wiedersehens zwischen Eltern und Sohn erfreuen. Ach die Unglücklichen, sie hatten den Sohn ermordet! ihr Jammer ließ sie die Untat bekennen, sie erlitten die verdiente Strafe. Darum soll es auch dort gar nicht geheuer sein, und als einst spät Abends Vorbeifahrende ein Geplatscher im Wasser vernahmen und riefen: „Wat platscht dor denn so?" antwortete ihnen eine Stimme: „Ick wasch den Möller den Dust ut de Hoor!"
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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