Der Käsebaum bei Boitzenburg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
In der Nähe von Boitzenburg, auf dem Stadtfelde befindet sich eine alte Eiche, welche dort allgemein unter dem Namen der Käsebaum bekannt ist. Über die Entstehung dieser eigentümlichen Benennung erzählt man sich Folgendes:

Vor Jahren pflegte hier gewöhnlich ein Knecht, wenn er die in der Nähe liegenden Äcker seines Dienstherrn bestellte, auszuruhen und seine Mahlzeiten zu halten. Wenn’s Essenzeit war machte er Halt, ließ seine Pferde hinter dem Pfluge, den Eggen, oder was sie sonst grade taten, stehen, schlenderte nach der Eiche und legte sich gemütlich in ihrem kühlenden Schatten nieder. Dann griff er nach seiner Kiepe, packte aus was die Hausfrau oder die Köchin ihm hineingesteckt hatte und begann zu schmausen. Wenn er damit fertig war, wurde sich ein Pfeifchen angebrannt und auch das noch erst in der bequem liegenden Stellung ausgeschmaucht, öfter nachher auch wohl noch ein gehöriges Schläfchen gemacht, ehe er wieder zu seinen geduldig wartenden Tieren zurückkehrte und mit ihnen seine Arbeit fortsetzte. Unser gute Knecht war nämlich grade keiner von den fleißigsten und gewissenhaftesten Menschen, im Gegenteil ein höchst nachlässiger und fauler Patron, dem es wenig kümmerte, ob seines Herrn Felder gut oder schlecht bewirtschaftet wurden, und ob sie etwas oder nichts darnach trugen und einbrachten.

Obgleich er nun auch ein so sehr geringes Interesse für seine Dienstherrschaft an den Tag legte, so machte er dessen ungeachtet doch die größten Ansprüche an dieselbe. Denn trotzdem er es auch vorzüglich gut hatte und immer aufs Beste versorgt wurde, so war er doch niemals zufrieden zu stellen. Immer hatte er etwas zu tadeln, an allen Dingen etwas auszusetzen und zu mäkeln. Bald schmeckte ihm Dies, bald Jenes nicht, bald war ihm dies, bald jenes Essen nicht recht und gut genug; kurz er war nicht nur ein großer Faulpelz, sondern auch ein arges Leckermaul.

Eines schönen Nachmittages, als der Knecht wieder in der Nähe des Baumes ackerte und es noch gar nicht einmal ganz Vesperzeit war, fühlte er doch schon wieder Lust und Verlangen zum Essen, vorzüglich aber zum Faullenzen. Er ließ also seine Pferde stehen und schlenderte gähnend nach seinem alten Lieblingsplatze. Nachdem er sich dort wieder gemächlich im kühlen Schatten ausgestreckt hatte, langte er sich die Kiepe her und begann ihren Inhalt auszupacken. Außer einer kleinen Flasche mit doppeltem Kümmelschnaps, befanden sich noch zwei tüchtige Butterbrote mit Käse belegt darin. Kaum gewahrte er diese aber, als er auch schon wütend an zu schelten begann und lästernd ausrief: „der Teufel soll mich holen, wenn ich schon wieder Käsebutterbrot fresse!" — Es war jetzt nämlich schon das dritte Mal, dass er hintereinander mit Käse belegtes Butterbrote mitbekommen hatte, und obgleich er solches sonst auch sehr gerne aß, obgleich es auch herrlicher feiner Stuten, mit schöner gelber Butter fett beschmiert und prächtigem Holländerkäse dick belegt, war, so ärgerte es ihn doch, dass statt des letzteren jetzt nicht einmal zur Abwechslung Wurst oder Fleisch darauf lag. — Ohne zu essen warf er fluchend das eine Butterbrot in die Kiepe zurück, das andere aber nagelte er höhnend an den Stamm des Baumes fest. Darauf legte er sich wieder im Schatten nieder, streckte und dehnte seine faulen Glieder in dem weichen Grase aus und war denn auch bald fest eingeschlafen.

Nach längerer Zeit erwachte er wieder. Sich den Schlaf aus den Augen reibend, richtete er den Kopf in die Höhe und streckte dann die Hand nach dem vorhin in die Kiepe zurückgeworfenen Butterbrote aus. Er hatte jetzt doch wirklichen Hunger bekommen, was zuerst wohl nicht der Fall gewesen war, und ohne weiter an seine ausgesprochenen Verwünschungen zu denken, verzehrte er schmatzend das eine der verfluchten Butterbrote, einen tüchtigen Hieb dazu aus seiner Flasche nehmend, während er das andere, am Baume genagelte, ruhig sitzen ließ. Nachdem er dann nochmals eine ganze Zeit gefaulenzt hatte, ging er endlich wieder mit langsamen Schritten an seine Arbeit zurück. Nicht lange darnach war denn auch schon der ersehnte Feierabend herangerückt; sogleich ließ unser Knecht die Arbeit ruhen, setzte sich auf den Rücken des Sattelpferdes und ritt mürrisch nach Hause.

In der Nacht aber schon kam der Böse und holte den Knecht, der sich ihm ja selbst am Nachmittage, in seiner Wut und Aufregung, wenn auch unwissend, verschrieben hatte und fuhr mit seiner armen Seele zur Hölle, in die ewige Verdammnis! —

Noch jetzt soll der vom Teufel geholte Knecht des Nachts bei der Eiche umgehen und schon öfter von den dann dort vorbeigekommenen Leuten gesehen worden sein. Die Eiche aber hat seit dieser Begebenheit den Namen „Käsebaum" bekommen, unter welcher Benennung sie denn auch allgemein in Boitzenburg und der Umgegend bekannt ist.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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