Der Glücksberg bei Vellahn, unweit Wittenburg

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Vellahn, Wittenburg, Glücksberg, Aberglauben
Derjenige soll noch erst geboren werden, der sonnenklar und haarscharf beweisen kann, warum der Glücksberg just Glücksberg und nicht anders heißt. Meiner schlichten Meinung nach — es ist aber nur so viel, dass ich davon sage — rührt sein Name daher, nicht weil er ein Glücksberg ist, sondern weil er kein Glücksberg, ja nichts weniger als das ist. Denn erstens ist er kein Berg, sondern ein Hügel, und wenn wir ehrlich sein wollen, auch kein Hügel, sondern ein Hügelchen, und wer ihn auf den ersten Blick von der ebenen Erde unterscheidet, der hat ein scharfes Auge und weiß es auch zu gebrauchen. Wie es aber zum andern mit dem Glücke steht, das er darbietet, das werden wir unten sehen, und dann werden Keinem die Finger darnach jucken.

Es ist schon kein Glück zu nennen, dass es in der Gespensterstunde auf dem Glücksberge nicht geheuer ist und es in stiller Mitternacht in seinem Schoße wie in einer Kupferschmiede, oder wie in einer Schlosser- oder Klempnerwerkstatt hämmert und klirrt und klappert. Mehr als einmal ist's geschehen, dass Einer, der verspätet um die Mitternacht am Glücksberge vorübergekommen, in tausend Sprüngen kopfunter und kopfüber hausan gerannt ist, atemlos und kreidebleich, und erst nach Tagen erzählt hat, am Glücksberge sei ihm etwas passiert, das könne und dürfe er nicht sagen, keinem Menschenkinde nicht und in seinem ganzen Leben nicht.

Man sagt, in ururalten Zeiten sei auf dem Glücksberge ein Schloss versunken mit all seinen unermesslichen Schätzen, und wer dieselben habe, werde mindestens so reich, wie der selige Salome und könne ein Leben führen, wie der reiche Mann im Evangelium, nämlich alle Tage herrlich und in Freuden.

Nun waren einmal — etwas lange her ist's schon, deshalb kann die Geschichte aber doch wahr sein — ein Dutzend Leute, alt und jung, die den Schatz für ihr Leben gern gehoben hätten. Es waren bescheidene Leutchen, welche meinten, sie könnten nun eben nicht verlangen, dass Jeder von ihnen dem Könige Salomo an Reichtum gleichkomme, sondern wenn sie Zwölf zusammen nur so viel hätten, wollten sie schon zufrieden sein, denn dann sei Jeder noch immer ein dutzendmal reicher, als der lesener Herr, und der habe Geld wie Heu.

In einer mondhellen Nacht schlichen sie auf den Glücksberg hinaus, und um die Mitternacht stieß ein Jeder seinen Spaten in den Hügel. Sie gruben emsig und lautlos, und im Berge klirrte und rasselte, seufzte und stöhnte es. Und Einem und dem Andern lief es eiskalt über den Rücken, und er dachte, wenn's ihm nur nicht ans Leben ginge, denn dann könnten ihm alle Schätze der Welt doch nichts mehr helfen, und das Leben sei ihm doch lieber, als alle Schätze Salomos und des reichen Mannes zusammenaddiert.

Je tiefer sie gruben, desto unheimlicher klang's herauf, desto lauter klopften ihre Herzen, und der Mut entsank ihnen mehr und mehr. Endlich — und es war hohe Zeit! — stießen die Spaten auf etwas Hartes. Mit doppeltem Eifer wurde die Erde hinweggeräumt, und Freude — über Freude! vor den glücklichen Schatzgräbern lag der Schatz, beschienen vom Glanze des Mondes, und oben darauf eine schwere Wiege von purem Golde.

Ein Glück, dass der vorsichtigste der Schatzgräber einen mächtigen Hebebaum mit zur Stelle geschleppt hatte, denn mit den 24 nackten Händen war's nicht möglich, auch nur die Wiege aus der Grube zu schaffen, so unbändig schwer war sie; und wer konnte wissen, wie schwer das war, was unter der Wiege lag.

Einer der Schatzgräber unternahm es, den Hebel unter die Wiege zu bringen. Bauchlings auf der Erde liegend, mit dem Vorderteil des Körpers über der Grube, quälte er sich mit dem schweren Hebebaum ab — und hinter ihm stand der Dreizehnte, den er nicht sah, und von dem die andern nicht wussten, wie er so unerwartet dahergekommen sei. Plötzlich brannte ein Mordschlag einige Zoll unterhalb des Rückens und etwas tiefer auf den emsigen Schatzgräber nieder.

Mord und Brand, wie prallte dieser in die Höhe! Rein als wäre er emporgehext, so flink und fix stand er auf den Beinen! — Er dachte nicht anders, als einer von den Kameraden habe aus übergroßer Freude wegen des nun kommenden herrlichen Lebens ihm diesen übelangebrachten Streich gespielt. Da gewahrte er den Fremden hinter sich; der sah aus, wie der leibhaftige Beelzebub, und der war es auch.

Der Bauer machte ein verblüfftes Gesicht, dachte aber: „Bange machen gilt nicht, und um einer goldenen Wiege willen muss das Sitzleder sich schon etwas gefallen lassen!"

Der Fremde aber stand da, wie das unschuldigste Kindlein auf Gottes weiter Welt, sagte kein Wörtlein, und der Geschlagene auch nicht, und die übrigen Schatzgräber auch nicht.

Geduldig legte der mit dem Hebebaume sich zum zweiten Male nieder, und nur noch ein Ruck, und der Baum hätte unter der Wiege gesteckt. Aber ein mörderlicher Schlag fiel wiederum auf die noch schmerzende Stelle nieder, dass der unglückliche Schatzgräber auf ein Härchen daran war, ein verzweifeltes Zetergeschrei auszustoßen, und dann wäre Alles verloren gewesen. Doch er biss die Zähne zusammen und rieb mit beiden Händen das arme geschlagene Hinterteil. Und der Fremde stand da, unschuldig wie ein Kind, sagte kein Sterbenswörtchen, und der Geschlagene auch nicht, und die andern elf Schatzgräber auch nicht. Und weil er einen geduldigen Kopf hatte, versuchte er's zum dritten Male mit dem Hebel.

Schon erhebt sich sein Arm zum Stoße, da erfolgt ein dritter und so mordmäßiger Schlag, dass unser Schatzgräber über die Grube und noch ein Stück weiter hinwegsetzt, als hätte er Flügel und wäre eine Fledermaus oder Nachteule.

Aber nun war seine Geduld aus und alle. Schleunigst rafft er sich wieder auf und stürzt Hals über Kopf und unter verzweifeltem Mordio den Hügel hinab ins Dorf zurück, und die ganze ehr- und liebsame Schatzgräberzunft in tollen Sprüngen hinter ihm drein.

Nur Einer wagte es, den Verlauf der Geschichte mit anzusehen. Beelzebub umging neunmal die Grube, und beim letzten Male stürzte sie donnernd und krachend über dem Schatze zusammen. Der Hebebaum lag in tausend Splitter und Splitterchen zerbrochen. Dann wurde es still, und der Teufel verschwand. Aber im Glücksberge stöhnte und klirrte und klapperte es wieder, dass es gräulich aus der Tiefe heraufklang.

Und noch heutigen Tages rumort's drinnen, und wer in der Mitternachtsstunde an ihm vorüber muss, der schreitet noch einmal so lang und schnell aus, sieht sich auch nicht um, weder rechts, noch links; und der Knecht, der in seiner Nähe ackert, zieht vor Sonnenuntergang heimwärts, und er weiß warum.

Aber den Schatz zu heben hat bis zu dieser Stunde noch Niemand wieder versucht.

.

.

.