Der Gedenkstein in Selow bei Bützow.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von L. Pechel, Organist und Lehrer zu Röbel, Erscheinungsjahr: 1858

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Die Landstraße von Bützow nach Bad Doberan führt durch das Bauerndorf Selow, das eine Meile von ersterer Stadt entfernt ist. Das Dorf hat eine sehr reizende Lage, und die fruchtbaren Äcker, die nach Südwest hin von dem Höhenzuge, der von der Hohen-Burg her nach Norden geht, eingerahmt sind, erinnern an die Landschaften gebirgiger Gegenden.

Diese Felder waren zur Zeit der ersten Anfänge des Christentums in Mecklenburg das Besitztum zweier weithin gebietender Ritter; auf den Selower Höhen erhoben sich die Burginnen des einen, und in dem eine halbe Meile davon entfernten Pfarrdorfe Neukirchen hielt der andere sein Hoflager.

Beide Herren hatten für sich und ihre Hörigen zu gemeinsamem gottesdienstlichen Gebrauche eine Kapelle, die in Selow lag. Im Verlauf der Zeit erwies sich der Raum derselben jedoch zu klein, und man sah die Notwendigkeit ein, zum Bau eines neuen Gotteshauses zu schreiten. Aber der Ort, wo dieses sollte erbaut werden, wurde Veranlassung und Gegenstand zu ernster, blutiger Fehde. Jeder der Ritter nahm für sich das Recht in Anspruch, auf seinem Gebiete die Kirche erbauen zu lassen; Jeder sah's als eine Sache der Ehre an, und der Sieg, den der Eine oder der Andere davontrug, musste als ein sprechendes Zeugnis seines Übergewichtes erscheinen. Dazu kam auch die religiöse Begeisterung, die in dem Kirchenbau eine Tat des Glaubens erkannte und diesen darin zu betätigen strebte. Es waren die mannigfachsten Versuche zur Einigung gemacht worden, und da keiner zu einem gedeihlichen Ende geführt hatte und Jeder der Streitenden auf seiner Forderung mit noch größerem Eifer beharrte, so war man des Entschlusses geworden, dem Schwerte die Entscheidung anheim zu geben und einen Zweikampf auf Leben und Tod zu kämpfen. Beide kamen dahin überein, an einem bestimmten Tage sich kampfbereit auf dem Kirchhofe vor der Türe der Selower Kapelle einzufinden, dann um die Kapelle herumzureiten und an der Stelle, wo sie einander begegnen würden, zu streiten, bis einer der Kämpfer tot auf dem Platze liege; der Sieger solle alsdann in dem unbestrittenen Rechte sein, die Kirche auf seinem Gebiete zu erbauen, und sollten auch die Erben des Erschlagenen gehalten sein, alle erforderlichen Dienste und Hilfen zu leisten. Dieser Kampf ward als ein Gottesurteil angesehen, dem sich Beide getrost unterwerfen wollten.
Der Morgen war angebrochen in all seinem Frieden. Die Strahlen der Frühsonne spiegelten sich ab in den Tautropfen, die an den Grashalmen auf den Gräbern hingen. Feld und Wald und Garten feierten eine jener Stunden fröhlichen Auferstehens, wo neues Leben auch über die kleinsten Gebilde in dem Vaterhause unseres Gottes ausgegossen ist, wo Alles Seine Gnade verkündigt und es stille wird auch in der sonst so bewegten Menschenbrust.

Aber auf dem Selower Kirchhofe sollte der Frieden und die Stille dieses Morgens bald aufhören; über den Gräbern wollten zwei Männer in wildem Grimme mit einander ringen und Dem in Seine Rechte greifen, der Leben und Tod in Seinen Händen trägt.

Der Kirchhof füllt sich mit Reisigen; jeder der Ritter erscheint in einem zahlreichen Gefolge. Vor der Türe der Kapelle halten die Kämpfenden auf schnaubenden Rossen, die mit ihren Hufen die Erde stampfen. Dann wird noch einmal das wiederholt, worüber man eins geworden. Mit herabgelassenem Visier und weit ausgelegter Lanze reiten die beiden Ritter nach entgegengesetzten Seiten in gemessenem Schritt um die Kapelle. Jetzt treffen sie auf einander. Ein furchtbarer Kampf beginnt. Jeder kämpft für sein Recht, für die Kirche des Herrn, für sein Leben; es wird eine Tat des Glaubens gekämpft. Mit furchtbarem Gedröhne treffen die schweren Lanzen auf die schuppichten Panzer, dass sie zersplittert den Händen der Kämpfer entfallen. Es wird zum Schwerte gegriffen. Mit wuchtigen Schlägen dringen die Gegner auf einander ein. Die Entscheidung will noch immer nicht nahen. Da durchhaut der Ritter von Neuenkirchen dem Gegner das Visier unter dem Auge; das Eisen dringt in das Haupt, und entseelt stürzt er vom Rosse. Seine Mannen, die dem Kampfe zugeschaut, tragen ihn auf die Burg, und nach wenig Tagen wird sein Grab an der Stelle gegraben, wo er den Tod gefunden.

Der Sieger erbauet nun in Neuenkirchen ein großes Gotteshaus, und der Gottesdienst wird von Selow dorthin verlegt. Die Kapelle zerfiel im Verlaufe der Zeit.

Doch kurz nach der Bestattung des gefallenen Ritters ereignete sich etwas, das Alle in das höchste Erstaunen setzte. Eines Morgens nämlich stand auf dem Grabhügel ein großer behauener Stein aufgerichtet, von dem Niemand zu sagen wusste, woher er gekommen sei. Diesen Gedenkstein kannst Du, Wanderer, noch schauen, wenn Du durch Selow den Weg nach Kleinen-Belitz gehst. Dort steht er zur linken Seite einige Schritte von der Straße und weiset Dich in seiner alten, ehrwürdigen Gestalt auf längst entflohene Zeiten hin. Du wirst ihn mit jener Achtung anschauen, die Dir immer solche Monumente der Vorzeit, über deren Haupte Jahrhunderte mit ihren Stürmen und ihrem Sonnenschein dahingegangen sind, einflößen.

Der Stein ist grobkörniger, quarzhaltiger Granit; er hat eine Höhe von 8 und eine Breite von 2 Fuß und misst in der Dicke 6 Zoll. Der Kopf ist fast kreisförmig und hat zu beiden Seiten ohrförmige Ansätze. Die Hauptseite des Steins ist nach Norden gerichtet. In der Rundung des Kopfes ist Christus am Kreuze erhaben ausgehauen. Auf der nördlichen Seite kniet in der Mitte eine männliche Figur, ohne Waffen und Schmuck, die ihre Hände betend zum Kruzifix emporhebt. Am Rande über der betenden Figur ist ein geschlungenes Band mit gotischen Schriftzügen, die wohl schwer zu entziffern sein werden. Die südliche Seite des Steines trägt dieselbe Darstellung, jedoch ohne Umschrift.

Woher der Stein gekommen, davon hat Niemand Kunde gehabt. Er stand eines Morgens auf dem Grabe aufgerichtet, mit seinem Fuße tief in die Erde hineinfassend. So umhüllte ihn ein geheimnisvolles Dunkel, und er wurde nicht allein den Bewohnern Selows, sondern auch den benachbarten Dörfern ein Gegenstand frommer Scheu. Keiner wagte, ihn mit der Hand zu berühren oder wohl gar zu beschädigen. Und als im Verlaufe der Jahre die Kapelle niedergerissen ward, die Grabhügel einfielen und der Gottesacker sich in ein Fruchtfeld umwandelte, da wich dennoch jene stille Scheu nicht; man ließ ihn unangetastet, und der Pflug durfte ihm mit seinem Eisen nicht nahen.

So hatte der Stein schon viele Jahre gestanden in immer gleicher Wirkung, und die Zeit hatte in ihn ihre Schrift gegraben. Da bemerkte man einst, dass in der Morgenstunde und später auch zu anderen Stunden des Tages auf einem der ohrförmigen Ausschnitte des Kopfes eine schwarze Krähe saß, die unheimlich und tückisch die Vorübergehenden ansah. Bald war Allen dieser unheilkündende Vogel bekannt; man hielt ihn für den verkörperten Teufel, der sie zu böser Tat reizen und verlocken wolle. Wer vorüberging, bekreuzte sich an Stirn und Brust, betete ein Vaterunser und flehte, nicht den Versuchungen des Widersachers zu erliegen.

So hatte der schwarze Gast wohl schon oft auf dem Denkstein gesessen, ohne dass Jemand ihn zu verscheuchen gewagt hatte. Da pflügt einst ein Knecht das Ackerstück um, auf dem der Stein steht. Wieder sitzt die Krähe an derselben Stelle und sieht tückisch den Knecht an. Dieser sucht sie zu verscheuchen, und da das nicht gelingen will, ergreift er einen Stein und wirft ihn nach der Krähe. Sie fliegt mit widrigem Gekrächze davon und ist seit jener Zeit nicht mehr gesehen worden. Der Stein hat aber den ohrförmigen Ausschnitt des Kopfes getroffen, der herunterfällt. Der Knecht siecht dahin mit den Tagen des Monats, und als diese zu Ende sind, stirbt er. — Das abgeworfene Ohr wird auch jetzt noch in einer daneben stehenden Scheure aufbewahrt. —

Jahrhunderte sind über den Gedenkstein dahin gegangen und haben ihre Schrift ihm eingedrückt. Das Geschlecht, das Zeuge jenes Kampfes war, ist längst von der Erde verschwunden. Die stillen Grabhügel des Kirchhofes sind nicht mehr zu finden und über ihnen wogen herrliche duftige Saaten. Die Begebenheit selbst lebt aber fort und fort in der Erinnerung der Menschen, und die Ehrfurcht vor dem Gedenksteine hat sich fortgepflanzt auf das lebende Geschlecht.

Der Herr Archivrat Dr. Lisch hat den Versuch gemacht die Inschrift des Gedenksteines zu entziffern, was ihm vollständig gelungen sein soll; er hat das Resultat seiner Untersuchung in den Jahrbüchern für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde mitgeteilt. Nach ihm steht auf dem Rande der Hauptseite:

Anno domini 1399 in die beati Viti obii Hermanus Lameshovet *).
Über der Figur im geschlungenem Bande steht:
Miserere mei, Domine!**)

Auf der Rückseite ist in dem Bande dieselbe Inschrift.

*) Im Jahre des Herrn 1399 am Vitustage — 15. Juni — starb Herman Lameshovet.
**) Herr, erbarme Dich mein! Der Herausg.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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019 Ritter-Turnier

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022 Zweikampf im Ring

022 Zweikampf im Ring

023 Burginneres

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Beide Kämpfer am Boden

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Beim Lanzenstechen am Hals getroffen

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