Der Gedenkstein auf dem wolkenschen Felde bei Bützow

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Demmin, Bützow
An einem schönen Sommermorgen, zu Ende des Monats Juni im Jahre 1623, bewegte sich eine schwere Reisekutsche mit 2 kräftigen Rappen bespannt, munter fort auf der Bützower Landstraße. In derselben befanden sich Alexander von Harten und sein Schreiber und Diener, Heinrich Hans Andreas von Driesen genannt; auf dem Bocke aber saß der alte treue Kutscher, Peter Wirow.

Alexander von Harten, Bürgermeister der damals noch herzoglich pommerschen Stadt Demmin*), war, zwar ein gestrenger, aber doch ein durchaus rechtlicher und redlicher Mann. Er beschützte und förderte das Gute und Wahre, hielt strenge auf Recht und Gesetz, auf Zucht und Ordnung in der seiner Oberleitung anvertrauten Stadt, und war so dem guten Bürger ein Freund und Beschützer, dem schlechten aber ein unnachsichtlicher Richter und Bestrafer. Daher liebten und verehrten ihn nicht allein alle braven Einwohner Demmins, sondern auch alle Diejenigen, welche mit ihm in nähere Berührung kamen und somit Gelegenheit hatten, seinen herrlichen Charakter kennen und schätzen zu lernen.

*) Mit Bogislaus XIV. starben 1637 die Herzöge von Pommern aus. Das Land kam darnach teils an Schweden, teils an Kur-Brandenburg. 1720 trat Schweden den größten Teil seines pommerschen Anteils und 1815 auch den letzten Rest desselben an Preußen ab, seit welcher Zeit denn nun ganz Pommern der Krone Preußens einverleibt ist.

Harten hatte Geschäfte in Mecklenburg gehabt und befand sich nun auf der Rückreise nach seiner Heimatstadt. Außer vielen wichtigen Papieren, die er bei sich führte, enthielt auch sein Reisekoffer noch eine bedeutende Summe baren Geldes, welches er auf die Bitte und im Auftrage eines Demminer Einwohners — als dessen Erbteil von einem im Mecklenburgischen verstorbenen reichen Verwandten, — zugleich auch noch auf dieser Reise an betreffender Stelle einkassiert hatte.

Um nicht lange von Demmin abwesend sein zu wollen, hatte Alexander von Harten seine Geschäfte soviel als tunlich beschleunigt und beeilte sich nun, die Heimat möglichst schnell wieder zu erreichen. Deshalb ließ er nur wenig unterwegs anhalten und reiste fast in einem Zuge zurück; nur einen Teil der Nacht und am Mittage, während der stärksten Sonnenhitze, rastete er, um seinen Pferden die nötige Ruhe und Erholung zu gönnen, die dann noch besonders von dem treuen, für das Wohl seiner lieben Tiere so sehr besorgten Peter Wirow durch doppelte Haferrationen entschädiget und neu gestärkt wurden.

Auch heute war man wieder sehr frühe ausgefahren, dafür wollte man während der heißen Tageszeit ein Paar Stunden anhalten und wenn es dann kühler geworden, die Weiterreise fortsetzen. So mochte es etwa zwischen 5 und 6 Uhr Morgens sein, als sich unsere Reisenden auf dem wolkenschen Felde unweit Bützow befanden. Recht matt und müde hatte der Bürgermeister den Kopf in die Ecke des Wagens gedrückt, und verrieten seine geschlossenen Augen und das gleichmäßige Atmen, dass er eingeschlafen war. Auf dem ehrwürdigen Gesichte des alten Herrn, von langen grauen Locken umrahmt, ruhte stiller Friede, fromme Glückseligkeit und Freude; er schlummerte so sanft und träumte von Weib und Kind daheim, von seinem häuslichen Glücke und von den nahen reinen Freuden, die ihm das Wiedersehen seiner Lieben, nach dieser kurzen Trennung bereiten werde. Er war ja der zärtlichste Gatte, der liebevollste Familienvater, und Frau und Kinder hingen deshalb auch mit größter Liebe an ihm und freuten sich gewiss ebenso sehr zu seiner Rückkunft, als er es selbst tat, noch zu, da er sie jetzt einen Tag früher überraschen wollte, ehe er ursprünglich zurück zu kommen verheißen hatte. Aber ach, der Mensch denkt, und Gott lenkt! —

Auch des alten, getreuen Peter Wirows Gedanken weilten daheim; er dachte an die nahe Ernte und die sonstigen, für die nächste Zeit wohl am notwendigsten Hof- und Feldarbeiten seines Brotherrn, dem er nun schon seit einer langen Reihe von Jahren mit seltener Treue und Anhänglichkeit diente und dessen Vieh- und Ackerwirtschaft er seit dieser Zeit mit größter Redlichkeit und Umsicht besorgte und vorstand. Schläfrig nickend saß er auf dem Bocke, zwar schlaff, doch sicher die Zügel mit der Linken, die Peitsche nachlässig in der Rechten haltend, während die klugen Pferde im langsamen Trabe, munter die Landstraße verfolgend, den Wagen weiter zogen.

Alles war ruhig und stille umher, friedlich und noch halb träumend lag die ganze Gegend im freundlichen Morgensonnenscheine da; dampfend stieg der Morgentau in die Höhe, gleich Diamanten blitzten die klaren Tropfen an den leise bewegten Grashalmen. Nur im Dornenbusche zirpte das Heupferdchen, und in den Lüften wiegte sich die Lerche und schmetterte jubilierend ihren Morgengruß aus der Höhe hernieder.

„Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen!" sagt ein altes, wahres Sprichwort, und so war's auch jetzt bei den drei Reisenden: der Bürgermeister und sein alter, treuer Kutscher schliefen und träumten den Schlaf des Gerechten, der Schreiber aber, sein böses Gewissen, die Hinterlist und Habgier wachten. —

Heinrich Driesen, ein durchaus schlechter und verdorbener Mensch, war schon von Kindesbeinen an immer ein böser Bube gewesen. Von frühester Jugend schon hatte er gelogen und betrogen und seine Hände nach fremdem Gute ausgestreckt. Kein Mensch mochte ihn leiden, Niemand seiner Altersgenossen hielt Umgang mit ihm, denn stets suchte er bei seinen schon genannten verächtlichen Eigenschaften, auch noch Händel und Streit und Gelegenheit sich mit Jedermann zu schelten und zu schlagen. Vielen, vielen Kummer und Ärger hatte er seinem braven Vater bereitet; oft weinte der alte Mann seine bitteren Tränen, wenn er an die Zukunft des ungeratenen Sohnes dachte, den er trotz seines redlichen Willens, weder durch Güte, noch durch Gewalt und Härte zu bessern vermochte, der im Gegenteil nur noch immer ärger und schlechter wurde. Der Vater grämte sich so sehr darüber, dass er, als Heinrich beinahe 15 Jahre alt war, in eine tödliche Krankheit verfiel und bald seiner, ihm schon einige Jahre vorangegangenen Gattin in das Reich des ewigen Friedens nachfolgte. Als der junge Driesen nun so ganz allein und verlassen dastand und Niemand etwas von ihm wissen, sich Keiner seiner annehmen wollte, erbarmte sich der gute Bürgermeister des Waisenknaben und nahm ihn zu sich in sein Haus, in der frommen Hoffnung, vielleicht doch noch dereinst einen ordentlichen Menschen aus ihm bilden zu können. Mit Liebe und Güte, aber auch mit Ernst und Strenge suchte Harten den Starrsinn seines wilden Schützlings zu brechen, ihn zu ändern und zu bessern, und scheinbar gelang ihm dies auch nach und nach immer mehr und mehr. Doch es war nur Schein und Täuschung; Heinrich Driesen wusste sich zu sehr zu verstellen, verstand es zu gut, seinen Herrn und Wohltäter zu hintergehen und sich dabei die Zuneigung, ja die Liebe und das Vertrauen desselben zu erschleichen. Seine Niederträchtigkeit und Verstellungskunst ging soweit, dass er oft bei den guten Ermahnungen des würdigen Bürgermeisters weinte und die größte Reue über sein früheres Leben an den Tag legte; sobald aber Harten dann nur den Rücken gewendet hatte, steckte er boshaft grinsend die Zunge aus und betrog und hinterging denselben aufs Neue nur noch immer ärger und schändlicher.

Fünf Jahre schon war Heinrich Driesen im Hause des Bürgermeisters und dieser, seine Verstellungen und Heucheleien für wahr und aufrichtig haltend, gewann denselben von Tag zu Tag lieber und schenkte ihm immer mehr Vertrauen, was sich mit der Zeit so sehr gesteigert hatte, dass er Heinrich zu seinem Geheimschreiber machte, und ihm, fest von seiner Ehrlichkeit und Ergebenheit überzeugt, alle, selbst seine wichtigsten Sachen und Angelegenheiten in die Hände gab, sie mit ihm besprach und sogar häufig ganz von ihm besorgen ließ. So wusste er denn also auch jetzt sehr gut, was sein Herr Alles bei sich führte, welch' eine große Summe Geldes sich in dessen Reisekoffer befand. Sich dieses Geldes unter allen Umständen zu bemächtigen, darauf ging schon seit 2 Tagen sein Plan, war all sein Sinnen und Trachten gerichtet. Er schreckte vor Nichts zurück; Dank gegen seinen Wohltäter, Ehrfurcht vor dessen grauen Haupte, oder ein sonstiges menschliches Gefühl regte sich nicht in seinem verstockten Herzen; an Strafe von Gott dachte er nicht, — glaubte er doch nicht an ein höchstes Wesen, das über alle Menschen wacht, ihren kleinsten Gedanken kennt, und jede, auch die im Geheimen verübte böse Tat sieht, sie ans Licht zu ziehen und zu bestrafen weiß! — Nur vor menschlicher Strafe fürchtete er sich allein, und dies hatte ihn bis jetzt abgehalten, seinen abscheulichen Plan auszuführen. Jetzt aber schien ihm endlich der günstige Augenblick hierzu gekommen.

Sanft schlummernd lehnte der Bürgermeister noch immer in der Wagenecke. Ein freudiges Lächeln umspielte seine Züge; ein liebliches Traumbild umgaukelte grade seine Phantasie: er sah sein treues, braves Weib, wie sie daheim im ehrsamen, züchtigen Hauskleide, umgeben von ihren Dienstmägden, in der geräumigen Familienstube saß; wie sie emsig die Spindel schwirren ließ und mit kunstfertiger Hand aus dem selbstgebauten Flachse den feinsten Zwirn spann. Er sah seine blühenden Kinder, seine von Gesundheit und Jugendfülle strotzenden Buben und Mädchen, wie die jüngeren munter spielten und heiter sich herumtummelten, während die älteren hinter dem großen eichenen Tische bei den Schularbeiten saßen und fleißig lernten und schrieben etc.

Wahrend Alexander von Harten noch so träumte, stürzte sich plötzlich, gleich einem Tiger, der schändliche Driesen auf den sorglos Schlafenden, und ehe dieser noch zur Besinnung kommen konnte, hatte Ersterer schon mit mordgierigen Händen dessen lose umgelegtes Halstuch erfasst und zog aus Leibeskräften die beiden Enden desselben so fest und so lange zusammen, dass, ohne einen Laut von sich zu geben, Harten bald seinen Geist aufgeben musste und erdrosselt dalag. — Als diese Tat vollbracht, galt es auch den auf dem Bocke noch immer im halben Schlafe nickenden Kutscher zu beseitigen. Eben so meuchlings überfiel er jetzt auch diesen, indem er sich leise aus dem Wagen schwang und, schnell wie eine Katze auf den Bock kletternd, dem Arglosen das scharfe Messer in die Kehle stieß. Mit einem herzzerreißenden Angstschrei richtete sich der alte Kutscher empor, aber schon bohrte die Mörderhand wieder und wieder immer tiefer das Messer in die zuerst beigebrachte Wunde, bis endlich die Gurgel ganz durchstoßen war und auch Peter Wirow, nach längerem Todeskampfe, sein Leben ausgehaucht hatte.

Mit blutbefleckten Händen erbrach nun Heinrich Driesen, nach vollbrachtem Doppelmorde, den Koffer, steckte zu sich was er an Geld enthielt und eilte dann, schwer mit Raub beladen, von dannen.

Eine Stunde später entdeckten vorbeikommende Arbeiter, was hier geschehen; sofort machten sie Anzeige davon, und bald gelangte dieselbe auch, durch Vermittlung des Magistrates zu Bützow, nach Demmin. Allgemeine Teilnahme und Entrüstung erweckte nah und fern die Kunde von diesem grauenhaften Verbrechen, und Jedermann rief im gerechten Zorne die Rache des Himmels auf den undankbaren, schändlichen Mörder herab. Besonders tief aber wurde die Familie des Bürgermeisters durch diesen für sie so harten Schlag getroffen, die den besten Vater und Gatten auf solche Weise so schnell und unerwartet verlieren musste, und mit Recht betrauerte mit ihr die Einwohnerschaft Demmins den Verlust eines so allgemein geliebten und geachteten Mannes, den Verlust ihres würdigen und tüchtigen Stadtoberhauptes.

Als man nach einigen Tagen die Leichen der Erschlagenen in feierlicher Prozession zurück in die Heimatstadt führte, da strömte von allen Seiten viel Volks herbei, um den Toten, die auf so schreckliche Art geendet, die letzte Ehre zu erzeigen.

Unter Glockengeläute und Trauersang wurden später beide Leichen zugleich auf dem Demminer Kirchhofe zur Ruhe bestattet. Während man die irdische Hülle Alexanders von Harten in das seiner Familie gehörende Erbbegräbnis beisetzte, senkte man die des Peter Wirow in eine vor demselben bereitete Gruft, damit er seinem Herrn, dem er ja so viele Jahre im Leben treu gedient, nun auch noch im Tode nahe sein sollte.

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Zur Erinnerung an diesen Doppelmord setzte man bald darnach an der Stelle des wolkenschen Feldes, im sogenannten Darnow Holze, wo derselbe verübt worden ist, einen Denkstein mit folgender Inschrift:

„Anno 1623 den 27 Junii, Morgens zwischen 5 und 6 Uhr, ist der woledle gestrenge und veste Alexander von Harten seliger, wolverdienter Bürgermeister der Stadt Demmin, neben seinem Gutscher Peter Wirowen, von sinem treulosen Diener Henrich Hans Andres von Driesen genannt, meuchelmörderisch und schelmischer Weise niedergemordet worden. Dessen hinterbliebener Körper von hinnen begraben let, und den 6ten Jul. zu Demmin in sin Erbbegräbniß beigesetzet. Gott gnad der leiben Seelen und verleihe gnediglich, dass der schelmische Thäter zur gebührenden Strafe möge können gezogen werden."

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Der auf dem Steine ausgesprochene Wunsch sollte nicht unerfüllt bleiben, denn obgleich man — ungeachtet der vielen angestellten eifrigen Nachforschungen, sowohl von herzoglich mecklenburgischer, als auch herzoglich pommerscher Seite, — erst nach langer Zeit des Mörders habhaft wurde, so entging er deshalb doch nicht seiner gerechten Strafe. Bald nach seinem Ergreifen wurde Heinrich Driesen lebendig gevierteilt und seine irdischen Überreste auf dem Schindanger verscharrt. —

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Viele Leute erinnern sich dieses Denksteins noch recht gut, indem sie denselben selbst noch an Ort und Stelle gesehen haben. Seit mehreren Jahren ist er leider verschwunden, die Sage davon lebte aber dennoch bis jetzt im Munde des Volkes fort. Ein alter Mann aus dortiger Gegend hat sie mir erzählt und mir dabei auch zugleich noch die vorstehende, altdeutsche Inschrift des Steines mitgeteilt, die er in seiner Jugend einmal wörtlich abgeschrieben hatte.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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