Der Feldmarschall Fürst Blücher von Wahlstatt und seine Umgebungen

Blüchers Leben von Förster
Autor: Förster, D. Friedrich (?) Ritter des eisernen Kreuzes, Erscheinungsjahr: 1821

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Feldmarschall von Blücher, Reitergeneral, Befreiungskriege, preußischer Feldmarschall, Rostock, Mecklenburger, Schlachtenlenker, Kriegsheld
Die gefeierten Helden des schönen Altertums, in sich eine abgeschlossene Vollendung tragend, sind uns als plastische Gestalten überliefert worden, rund herausgehauen aus dem harten Steine, dass wir sie von allen Seiten beschauen mögen. Nicht Farben durfte da der Künstler mischen, das einfache Weiß genügte dem, der den sichern Meißel mit kühner Faust an den Marmor legte; so redete jedes Kunstgebilde, das in den Werkstätten griechischer Künstler vollendet ward, zu dem Volke als ein Gott. Anders ward es in dem romantischen leben, das die Germanen ausbildeten; die großen Individualitäten Griechenlands finden wir nicht mehr, die Besonderheit macht sich geltend, und wie in der Kunst durch Mischung von Licht und Dunkel das Göttliche dargestellt wurde in farbigen Bildern, so treten auch im Leben die Gestalten und die Handlungen mehr in ein buntes Gemisch neben einander.

Wenn dem gesammten Leben unsers Volkes die plastische Rundung und Einheit fehlt; so suche man hier keine Helden von gediegener, griechischer Schönheit, fordre auch nicht, dass der Geschichtsschreiber jenen Mangel ersetze durch seine Darstellung.

Der Feldmarschall Fürst Blücher ist ein Held aus romantischer Zeit, der seine Eigentümlichkeit durch, geführt hat auf besondere Weise, zu dessen Schilderung die mannigfaltige Mischung der Farbe, die seine Zeit trägt, um so mehr gehört, wenn man nicht die untergeordnete Stellung eines Lobredners oder Raisonneurs einnehmen will.

„Den Fürsten Blücher und seine Umgebungen“ zu schildern hab' ich unternommen und dieser Titel mag den Gesichtspunkt bezeichnen, von dem ich ausgegangen bin.

Zu den Umgebungen des Feldmarschalls zähle ich nicht etwa getreue Begleiter nur, Gefährten in Rat und Tat, die zunächst in seinem Gefolge waren; weiter mussten die Umgebungen, die ich meine, ausgedehnt werden, und so zog ich in die Grenzen, die Blüchers tatenreiches Leben umschließen, noch manche Begebenheit und manches Verhältnis herein, die uns darüber Aufschluss geben, wie der Husarenlieutenant aus Friedrichs des Großen Zeit zum Feldmarschall des Volkskrieges 1813 emporgetragen ward. Denn Vielen ist es ein Geheimnis, wie es möglich ward, dass Blücher ohne Vertrautheit mit dem Geiste der neuem Kriegskunst, ohne Fürsprache oder Gunst irgend einer Partei, auch ohne dass das Dienstalter allein nach mechanischer Reihenfolge ihm seine Stelle gab, in einem sogenannten deutschen Befreiungskriege an der Spitze des Heeres erscheint, das auf ihn mit unerschütterlichem Mute vertraut, unter ihm siegreich ficht; dass sein Ruhm den Ruhm größerer Feldherrn, die gegen und neben und unter ihm fochten, verdunkelt, dass er allein von ganz Deutschland, ja selbst von dem fernen Altengland als der Held des Krieges gefeiert wird. Die Auflösung finden wir darin, dass Blücher ganz der Richtung des damaligen Volksgeistes entsprach, dass er in jedem Wort des Volkes Stimme verkündete, in jeder Tat das vollbrachte, woran das Volk selbst schon die Hand gelegt.

„So ward er der Mann des Volkes, weil er weniger durch Wissenschaft und studierte Berechnung, als durch Kühnheit entschied; er siegte, weil er seinem großen Gegner, den alle, in einer guten Kriegsschule gebildeten Generale, fürchteten, ohne Studium, aber mit Zorn, furchtlos gegenüber trat; er gewann, weiter rücksichtslos seinen Entschluss durchführte, wo die Besonnenen und Bedächtigen Verantwortung fürchteten.

Der vorherrschende Sinn der Menge war nicht anders: Hass gegen Frankreich, Verachtung Napoleons; das war meist alles, was wir armen Freiwilligen Begeisterndes wussten; dass wir mit slavischen leibeignen in Reih und Glied gegen freie Männer vom germanischen Stamme zogen, die uns zum Heil, in fünf und zwanzigjährigem Kampfe für verfassungsmäßige Monarchie, das Feudalwesen gebrochen hatten, davon schwiegen die salbungsreichen Freiheitsprediger und Goethe, der mit seinem großen Blicke in die Welt, scherzhaft von gewissen Befreiungsbestien gesprochen hatte, ward unter die Verdächtigen gezählt. Solche Ironie aber und verwegenen Scherz übt die ewige Ides aus an dem verkehrten Geschlechte; will es nicht auf gesundem Wege, der ihm geboten wird, zur Erkenntnis kommen, dann mag es durch die Verwirrung, in die es durch seine Willkür gerissen wird, die Belehrung teuer erkaufen.

Verstehen wir nur die Zeit, in der unser Held, das Volk, unter dem er auftrat; so bleibt es kein Rätsel mehr, wie sein Schwert entschied, sein Wort gewann.

„Dass es für den Kammerdiener keinen Helden gibt,“ hat man auch wohl auf unsern Feldmarschall anwenden wollen, als ob man den Helden, der seine Tat auf offnem, freien Felde ausgeführt hat, im heimlichen Gemach belauschen müsste, um ihm seine Künste abzulauern. Ich nun will nicht zu den historischen Kammerdienern gehören, die aus Familienklatschereien, Privatspäßen, aus allerhand Plunder und Lumpereien ein buntes Kleid für ihren Helden zusammenflicken, anstatt ihn den Purpurmantel tragen zu lassen, in dem er sich vor versammeltem Volke gezeigt hat.

Um Blücher, den Feldmarschall Vorwärts, kennen zu lernen, hab' ich weder die Freimaurerbrüderschaft, die ihm den Meisterstuhl, noch jene andere Brüderschaft, der er die Bank gehalten, befragt; wohl aber die, welche in der Schlacht an seiner Seite ritten und mit ihm im Feld das Lager teilten, wozu mir, der ich selbst unter dem Befehl des Feldmarschalls zu dienen das Glück hatte, sich mancher Weg geöffnet hat?

Das frühere Feldleben Blüchers ist aus einem von ihm selbst entworfenen, hernach von dem Grafen Golz und Herrn Ribbentrop ausgeführten Tagebuche; als Hauptquelle für die Aktenstücke des Krieges 1813 bis 1815 gilt des preußischen Obersten von Plotho ausführliches Werk über jene Feldzüge.

Briefe, Befehle, Reden des Feldmarschalls hab' ich nicht in Beilagen verwiesen, sondern sie da angeführt und eingewoben, wo sie, um die Darstellung als wohl gefügtes Ganze zu geben, die rechte Stelle einnehmen. Dagegen gebe ich in einem Anhange eine, gewiss nicht unwillkommene Zugabe, Auszüge aus französischen Berichterstattern, zur Ergänzung unserer Berichte und zur billigen Vergleichung. —
Berlin, den 31sten Oktober 1820.

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