Der Erinnerungspfahl auf dem Quwetziner Felde bei Plau - 3. Des Brandstifters Lohn und Ende

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Der Morgen dämmerte. Immer mehr begann es sich im Osten zu färben, und bald stieg auch in voller Pracht und Herrlichkeit die liebe Sonne empor und beleuchtete mit ihren ersten, zitternden Strahlen ein entsetzliches Bild, ein Bild der schrecklichsten Zerstörung, des namenlosesten, Elends. —

Oh welch eine grauenhafte Veränderung in dieser einen Nacht: Das blühende Quetzin war verschwunden, statt dessen jetzt nur noch ein großer, rauchender Schutt- und Trümmerhaufen. — Statt der sonst so freudig frohen Morgenlieder, womit die schlichten, tätigen Dorfbewohner den Anbruch des neuen Tages zu begrüßen pflegten, stiegen jetzt nur lautes Schluchzen, dumpfe Trauer- und Klagetöne zum Himmel empor. — Noch gestern waren sie Alle so reich, so glücklich und zufrieden gewesen, und heute schon so unglücklich, so arm und elend. —

Mit Recht waren die hartgetroffenen Quetziner zu beklagen; sie hatten ja Alles, ihre ganze Habe und Gut verloren; ihr früherer Wohlstand, die Frucht ihrer jahrelangen Mühen und Arbeit, Alles, Alles war jetzt mit einem Male dahin. Nur Weniges hatte man retten können und dies Wenige war größtenteils auch noch verdorben oder zertrümmert worden. Selbst das Vieh war ebenfalls, mit nur wenigen Ausnahmen, fast sämtlich in den Flammen geblieben und darin umgekommen. Feuerkassen und Viehversicherungen gab es damals noch nicht, und wenn auch die armen Abgebrannten von ihren umwohnenden, mitleidigen Nachbarn nach besten Kräften unterstützt wurden, so reichte es doch lange nicht hin, das Verlorene zu ersetzen, da der Schade ein zu großer und teilweise selbst ein unersetzlicher war, und für lange Zeiten, vielleicht für immer war der frühere Wohlstand des Dorfes dahin. —

Die meisten der armen Leute hatten nur das bloße, nackte Leben gerettet; Manche nicht einmal so viel, um ihre Blöße bedecken zu können. Alle waren ja im ersten, erquickenden Schlafe gestört worden und in wilder Hast und Angst aus den teils schon brennenden Wohnungen geflüchtet. Viele hatten außerdem auch noch starke Verletzungen und Brandwunden davon getragen.

Doch nicht den Verlust ihrer ganzen Habe beklagten die Armen allein, die meisten Familien hatten auch noch den Tod eines oder mehrerer ihrer Angehörigen zu betrauern, die Alle in den Flammen ihren Tod gefunden, schrecklich hatten verbrennen müssen. Es war ein tieferschütternder Anblick, den alle die verschiedenen Gruppen dieser Klagenden und Trauernden gewährten. Wie sie in fliegenden Haaren, mit bleichen, entstellten Gesichtszügen, händeringend im nassen Grase dalagen und laut klagten, jammerten und weinten. — Auch Johanns Eltern befanden sich hierunter; die noch vor Kurzem so schändlich von ihm geschlagene, alte Großmutter, sowie sein jüngstes Schwesterchen waren ebenfalls im Feuer geblieben und mitverbrannt. —

Und all diese Trauer, all dies Elend war das Werk eines Einzigen, die Tat eines schändlichen Bösewichtes; durch ihn waren so viele, viele Menschen so unendlich unglücklich und arm geworden! — Dass Johann dieser Bösewicht war, das wussten seine Eltern, das wussten alle Leute; er hatte sich ja auch schon längst selbst verraten.

Am Wege, in einem Dornstrauche hatte sich Johann verkrochen und versteckt. Ein Trupp Männer hatte ihn dort entdeckt und hervorgezogen; soeben schleppte man ihn herbei. Ein allgemeines Wut- und Rachegeschrei ertönte bei seinem Anblicke. Krampfhaft ballten sich die Fäuste der Abgebrannten und erhoben sich anklagend und Vergeltung fordernd gegen ihn, den Zerstörer ihres ganzen irdischen Glückes. „Ins Feuer mit dem Teufel!" riefen einzelne Stimmen, und bald erscholl's im Chore nach, aus Hunderten von Kehlen: „ja ins Feuer! ins Feuer mit dem Niederträchtigen!" — Johann erbleichte, daran hatte er nicht gedacht. —

Bald war auf einem nahen Hügel, von wo aus man die ganze große Brandstätte übersehen konnte, ein hoher Scheiterhaufen errichtet. Nervige Fäuste erfassten den laut heulenden Johann, der sich ächzend am Boden krümmte und um Hilfe schrie und warfen ihn hinein in die prasselnde Glut. Hochauf sprühten die Funken, ein kreischender Fluch des jugendlichen Verbrechers und vernichtend schlugen die hellen Flammen über seinem Haupte zusammen; er war nicht mehr. — Alle die Umstehenden aber warfen Steine in das Feuer, auf die Asche des Brandstifters, zum Zeichen ihrer Abscheu, ihres Ekels und Entsetzens über seine schwarze Tat.

Totenbleich und zitternd stand in weiterer Entfernung der arme, beklagenswerte Vater des Johanns und sah schaudernd dem grässlichen Schauspiele, dem Untergange seines ungeratenen Kindes zu. Ach wie schnürte es ihm die Brust zusammen, wie blutete ihm das Herz, und doch, er konnte, er durfte nicht wehrend dazwischen treten; der Knabe hatte ja nur den verdienten Lohn empfangen, und sein Lohn war gerecht. — Oh armer, armer, hartgeprüfter, unglückseliger Vater! —

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Das uralte Dorf Quetzin — früher auch Cuscin, Cutsin, Cutzin und Quitzin genannt, — von dem nach diesem Brande weiter nichts, als nur die etwas von dort entfernt stehende Kirche*) übrig geblieben war, wurde zwar nach und nach wieder aufgebaut, aber viele, viele Jahre währte es, ehe der frühere Wohlstand zurückkehrte.

*) Dieselbe stürzte später ein und wurde nicht wieder hergestellt. Seit 1648 schon ist die frühere selbstständige Pfarre Quetzins mit der Plauer verbunden.

Eine kleine halbe Meile von der Stadt Plau, — in deren Besitz es sich schon über 500 Jahre befindet, — unweit der Chaussee die von dort nach Malchow und Krakow führt, liegt das jetzige Dorf Quetzin. Noch heute erzählen die Bewohner desselben die vorstehende Sage, wie sie denn auch noch den Ort zeigen, wo der Knabe verbrannt worden ist.

Auf dem nahen Berge, — von welchem man eine schöne, weite Aussicht über die ganze Umgegend mit dem Dorfe und einem Teile des planer Sees hat, — steht ein alter, hoher Eichenstamm mit einem eingeschnittenen kleinen Kreuze, und um denselben herum liegt eine große Zahl kleiner Feldsteine. Hier hat, der mündlichen Überlieferung nach, der Brandstifter geendet und zum Andenken daran wurde bald darnach von den Abgebrannten dieser soeben beschriebene Erinnerungspfahl errichtet. Die um denselben liegenden Steine stammen zwar nicht mehr aus der damaligen Zeit, wohl aber die Sitte, solche hierher zu werfen. Denn obgleich schon öfter sämtliche, von den vorbeikommenden Landleuten hier zusammengetragene Steine entfernt wurden, so sammelte sich doch nach und nach immer wieder eine große Masse davon an. Bis auf den heutigen Tag hat es sich also unter den gemeinen Landbewohnern fortgepflanzt, auch jetzt noch Das zu tun, was schon vor Jahrhunderten ihre Urväter bei dem Verbrennen des Knaben ebenfalls getan haben sollen.

Wird auch der Berg auf welchem sich der alte Erinnerungspfahl befindet von seinem Besitzer, einem Quetziner Erbzinspächter, mit beackert; ist auch der Pfahl im Laufe der vielen Jahre schon morsch geworden und auseinander geborsten,so darf er, einer alten, mit Recht zu rühmenden Verordnung gemäß, doch niemals entfernt werden.

Und so möge denn noch lange, bis in die fernsten Zeiten der alte Eichenstamm auf dem Quetziner Felde fortbestehen und erhalten bleiben und auch den kommenden Geschlechtern stets Das sein und bleiben, was er bis jetzt immer war und ist: nicht nur ein Erinnerungs-, sondern zugleich auch ein Warnungspfahl!
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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