Der Eberkopf an der St. Marienkirche zu Neubrandenburg

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von F. C. W. Jacoby zu Neubrandenburg, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Andächtig lieget vor dem Hochaltar,
Den Blick auf die Monstranz, die Christenschar.

Der fromme Priester weiht die Hostie ein,
Der Kelch hält den für ihn bestimmten Wein.

Des Abendmahles heil'ge Feier rührt
Das Christenherz, das Glaub zum Altar führt.

Da stürzt herein durch eine offne Tür
In wildem Lauf ein schreckenvoll Getier.

Ein Eber, ausgebrochen aus dem Bruch,
Die scharfen Hauer g'rad zum Altar trug.

Die Menge schreit und auseinander sprengt
Und sich in nah' und ferne Winkel drängt.

Der Priester im Altare nur hält Stand,
Ergreift das Kruzifix mit rascher Hand.

Er streckt's dem Untier, das dahergerennt,
Entgegen und das Wort vom Kreuze nennt.

Da stutzt der Eber und er prallt zurück,
Zu Boden fällt er in dem Augenblick.

Ergeben, still, geduldig lag er da,
Wie nie das Auge einen Eber sah.

Der wilde Eber ward ein zahmes Tier,
Die Kraft des Kreuzes tat dies Wunder hier.

Damit es noch der Nachwelt kund getan,
Schlug man an eine Kirchentüre an

Wohl einen Eberkopf, aus Erz gemacht,
Hat eine Umschrift auch dazu gedacht.

Und dieses Bildnis bis auf diese Stund
Macht jene Tat der Mit- und Nachwelt kund.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

Mecklenburgs Volkssagen - Band 1