Der Burgwall bei Plau.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Ausgezeichnet vor vielen anderen Gegenden Mecklenburgs ist der Plauer See durch eine bedeutende Zahl merkwürdiger Burgstätten, die seine Ufer ringsum schmücken. Nach den Ansichten mecklenburgischer Geschichtsschreiber und Altertumsforscher ist der Ursprung der größeren Zahl derselben in die wendische Zeit und in die der germanischen Bevölkerung zu verlegen; doch sollen auch einige im Mittelalter entstanden sein.

Besonders hervorzuheben ist nach Geschichte und Sage der Burgwall, auf der zum Plauer Stadtholze gehörenden Feldmark Gaarz.

Südlich von Plan findet man in geringer Entfernung von einander vier Landseen, die durch Wiesen von einander geschieden sind, so dass die Vermutung nahe liegt, sie seien zu irgend einer Zeit mit einander verbunden gewesen. In diese vier Seen hinein drängt sich eine Halbinsel, die mit den schönsten Waldbäumen bestanden ist. Am äußersten Ende der Halbinsel, nahe am Burgsee, liegt ein Wall von einigen hundert Schritten im Umfange, der über 10 Fuß Breite und 20 und einige Fuß Höhe misst. Diese Umwallung schließt eine nicht ganz runde Fläche ein, deren eine Seite nach dem sogenannten „Burgsee" hin offen ist und von diesem bespült wird. Mannigfache Vertiefungen auf dem umwallten Raum deuten auf frühere Gebäude hin.

Ob dieser Burgwall aus der vorwendischen Zeit, aus der Zeit der germanischen Bevölkerung stammt, oder aus jener, wo slawische Völker die germanischen Stämme unterdrückten, ist noch nicht mit unzweifelhafter Gewissheit dargetan. Zur Residenz eines Germanen-Fürsten ist der Raum zu klein an Ausdehnung; doch mag es der Ort gewesen sein, wo die Burg irgend eines Gewaltigen stand.

Die Sage erzählt, dass hier sich einst die Zinnen und Türme von der Feste eines weithin gebietenden Fürsten erhoben, wodurch der Berg, d. i. die festungsartige Umwallung, mit dem Namen Schlossberg benannt wurde. Der Fürst gebot über viele Reisige, an deren Spitze er die fernsten Gauen gebietend und erobernd durchzog. Sein Name war von Fremden so gefürchtet, wie er den Seinen ein Gegenstand des Ruhmes war und sie zu willigem Gehorsam unter die Befehle des gewaltigen Herrn nötigte. Glänzende Festgelage und Turniere, zu welchen sich ausgezeichnete Ritter von Nah und Fern einfanden, wurden auf der Burg und den benachbarten Feldern abgehalten. Der Fürstenhof war der Sammelplatz vielgepriesener Kämpfer, die hier aus den Händen schöner Damen den Preis ritterlicher Taten empfingen.

Aber ein mächtiger Zauberer, den des Fürsten Glanz und Ruhm verdross, verbannte ihn mit all seiner Herrlichkeit von der Oberfläche der Erde. Das Schloss sank mit seinen Türmen und Zinnen und Bewohnern hinab in den Burgsee, und alle Pracht ward in den Wellen begraben.

Viele Jahre hindurch entstieg am Johannistag Mittags um die zwölfte Stunde eine holde Jungfrau mit einer goldenen Krone auf dem Haupte dem See. Ihr Antlitz war so jugendlich schön, und durch den auf demselben ruhenden Schmerz und Kummer wurden die schönen Züge nur noch ausdrucksvoller und anziehender. Sie setzte sich dann mit ihrem Spinnrade auf den Schlossberg und spann den feinen Flachs von dem Rocken. Mit heller Stimme hub sie ihren Gesang an, und der klagenden Weisen wehmütige Töne hallten weithin über Berg und Tal. Sie besang aber die frühere Herrlichkeit ihres Vaters, die der See verschlungen.

War die Mittagsstunde zu Ende, dann stieg sie vom Schlossberg wieder herab in die Fluten des Burgsees.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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