Der Büttel und die grauen Mönche zu Stralsund

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Temme, Jodocus Deodatus Hubertus [1798-1881] deutscher Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Norddeutschland, Märchen, Sagen, Gebräuche, Sitten, Sprichwörter, Sprüche, Überlieferungen, Volksmund, Mecklenburg,
Im Jahre 1516 starb zu Stralsund ein Büttel, Namens Matthias. Er war ein großer Mann mit einer absonderlich großen Nase, wie man unter vielen hundert Menschen kaum eine wiederfindet. Er war aber auch ein sehr gottesfürchtiger und frommer Mann, weshalb er ein gutes Gerücht unter den Bürgern hatte und mit ihnen zu Bier saß, und ihm Niemand etwas dagegen sagte. Als er zum Sterben kam, sandte er zu den Mönchen im grauen Kloster, um ihm die Beichte zu hören und die letzte Ölung zu geben. Es kam auch der Guardian des Klosters selbst zu ihm, benamet Johann Wrede, aus Lübeck gebürtig, und reichte ihm die Sakramente, worauf er am anderen Tage starb.

Weil er nun Zeit seines Lebens ein so gottesfürchtiger Mann gewesen, und jedermann ihm zugetan war, so sollte er ein ehrliches Grab bekommen, ob es gleich der Büttel war. Allein dagegen wehrten sich die Geistlichen der Stadt; die drei Capellane der drei Stadtkirchspiele traten zusammen bei dem Offizial, Herrn Johann Tagge, und dieser befahl darauf, dass man die Leiche auf keinem geweihten Kirchhofe begraben solle, damit der Büttel, so wie er im Leben mit den anderen Christen keine Gemeinschaft durch die Sakramente gehabt habe, so auch im Tode keine Gemeinschaft mit einem Christen haben solle. So wollten sie ihn nur auf ungeweihtem, offenem Felde begraben.

Das tat Vielen leid, die ihn gern in geweihter Erde gesehen hätten. Sie wussten aber nicht, wie sie zu ihrem Wunsche gelangen sollten. Da kamen auf einmal des Nachmittags um zwei Uhr zur Vesper die grauen Mönche in die Büttelei. Sie kamen mit allen ihren Brüdern, und zogen ihm eine graue Kappe an, so wie sie selbst trugen, und holten ihn also nach ihrem Kloster. Sie sangen ihm vor und trugen ein Kreuz vor ihm her, wie bei jeder anderen christlichen Leiche. Vier Laienbrüder trugen ihn, und viel Volks folgte. Also trugen sie ihn in ihren Kreuzgang, allda begruben sie ihn, wie Einen von ihren Brüdern. So vermessen waren damals die grauen Mönche. Nach dem Verbote des Offizials fragten sie nichts, und sie erwiderten darauf: Wer ihr Kleid anziehe, der werde selig und nicht verdammt, das habe Franziscus von Gott gewonnen; – »vam Duvel, wert se menen,« setzt der evangelische Chronikant hinzu, dem diese Sage entnommen ist.

Vergleiche Stralsundische Chroniken, von Mohnike und Zober, S. 221. 222.

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Stralsund, Kniepertor 1913

Stralsund, Kniepertor 1913

Stralsund, Johanniskloster, Räucherbodenhaus

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Johann F. Zöllner

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Stralsund, Jakobiturmstraße und Jakobikirche

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