Das weiße Weib in der Lewitz

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von C. Struck zu Dargun, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Lewitz, wilde Jagd, weiße Frau, Sukow
Ein anderes weißes Weib wohnte auf einer Horst in der Lewitz, unweit der Sukower Feldmark und neckte die Hirten und Forstarbeiter viel. Das Vieh leitete sie irre, und den Arbeitern verstreute sie das Arbeitszeug.

Einst brannte der Sukower Schmied im Herbst auf dieser Horst Kohlen. Als er nun eines Morgens frühe beim Meiler stand und die Rauchlöcher verstopfte, hörte er ein ungewöhnliches Geräusch. Er sah auf und erblickte ein weißes Weib in fliegenden Haaren, ungewaschen und schweißtriefend bei sich vorüber laufen, und halblaut sprach er vor sich hin: „Doa is de oll Fru Wauer woll hinne." **)

*) „Da ist die alte Frau Wauer wohl hinter.“

Nach Augenblicken hörte er das Jagdgetöse, und eh er sich noch recht besann, war die wilde Jägerin mit ihrem Gefolge bei ihm.

„Hest keen witt Wief seh'n?"*) fragte sie.

„Ja”, sagte zitternd der Schmied, „vör fief Minuten löpp hieer een vörbie, de harr sick äwa noch nich kämmpt ora wuschken."**)

*) „Hast kein weißes Weib gesehen?"
**) „Ja, vor fünf Minuten lief hier eins vorbei, das hatte sich aber noch nicht gekämmt oder gewaschen."


Da stieg die wilde Jägerin ab vom Pferde, nahm ihr eigenes Wasser, wusch sich darin und trocknete sich mit ihrem langen Jagdgewand ab. Dann sprang sie wieder aufs Pferd, und fort ging's in wilder Hast.

Nach einer Viertelstunde kam sie wieder zurück und hatte das weiße Weib als Jagdbeute vor sich auf dem Pferde.

So ist auch dieses, und mit ihr wohl das letzte weiße Weib von der wilden Jägerin gefangen worden.

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