Das vom Teufel versuchte Ehepaar und der große Brand zu Boitzenburg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Boitzenburg, Feuersbrunst, Stadtbrand, Elbschiffer, Lauenburg, Hamburg, Butter
Ein junges Ehepaar bewohnte in der Vorstadt Boitzenburg’s ein kleines Häuschen. Der Mann war ein Elbschiffer und hatte einen Elbkahn, der ihn und seine Ehehälfte reichlich ernährte.

Eines Tages war er nach dem zwei Stunden entfernten Lauenburg gewandert, um frische Ladung auf Hamburg einzunehmen, während die junge Frau es sich am Butterfass so sauer werden ließ, dass ihr die hellen Schweißtropfen übers Gesicht perlten.

Dessen ungeachtet wollte es ihr nicht gelingen, auch nur ein Körnchen Butter zu gewinnen.

Erschöpft ließ sie ein über das andere Mal, die Hände sinken und dachte nach, wie sie doch die Arbeit zu Ende bringen möge. Plötzlich fiel ihr die Nachbarin ein. Diese pflegte nämlich während der Arbeit des Butterns ein kleines eisernes Vorhängeschloss ans Butterfass zu hängen, wodurch sie nicht allein schnell, sondern auch reichlich Butter gewann.

Sie eilte zur Nachbarin, um sich das wundertätige Schloss zu erbitten, traf dieselbe aber nicht zu Hause. Doch das Kleinod hing unter dem Spiegel; die Frau bemächtigte sich desselben und eilte wieder an ihre Arbeit.

Schon nach einigen Minuten quoll die goldgelbe Butter oben aus dem Fasse. Die Frau machte sich daran, die Butter von der Buttermilch zu scheiden. Allein es ward ihr doch fast unheimlich ums Herz beim Anblick der großen Menge so schnell gewonnener Butter. Ein Schauder überlief sie, so dass sie Butter und Butterfass in den Keller tragen und sich halb krank zu Bett legen musste.

Gegen Abend kam der Mann von Lauenburg zurück. Die Frau erzählte ihm den rätselhaften Vorgang mit der Butter, welche der Mann aus dem Keller zurückholte und sich ohne Umstände daran machte, dieselbe zuzubereiten.

Eben war er fertig und auf dem Tische stand ein Teller köstlicher Butter neben dem andern, als an die Tür geklopft wurde und ein vornehm gekleideter fremder Herr in die Stube trat.

Der Fremde grüßte freundlich, legte ein Buch auf den Tisch und erklärte den jungen Leuten höflich, aber bestimmt, sie hätten heute seine Hilfe in Anspruch genommen, dafür könne er fordern, dass sie ihre Namen in das vor ihnen liegende Buch hineinschreiben würden. Im Übrigen versicherte er sie in allen Stücken seiner Hilfe.

Der Mann holte das Tintenfass aus dem Schranke, um sich zuerst zu unterschreiben; allein der Fremde versicherte, dass Tinte völlig unnötig sei, ein Tropfen Blutes aus den Fingerspitzen ersetze die schönste Tinte.

Das war den guten Leuten denn doch zu arg. In der Angst ergriff der Schiffer hinter dem Rücken des Unheimlichen eine Bibel und las mit lauter Stimme einen Vers aus der Leidensgeschichte des Herrn. Da sprang der Fremde hoch auf, Blitze entsprühten seinen Augen, und mit einem Donnerknall, der das Haus erbeben machte, fuhr er zum Fenster hinaus, Glas und Kreuzholz mit sich fortreißend. Selbst das Buch hatte der Böse — denn der war es — vergessen.

Am andern Morgen eilte der Schiffer zu seinem Beichtvater, und siehe da, die Namen einer großen Anzahl Boitzenburger Einwohner standen mit blutiger Schrift in dem Buche verzeichnet.

Den nächsten Sonntag hielt der fromme Pastor eine Bußpredigt, die einen gewaltigen Eindruck auf die Herzen der Zuhörer machte. Alles bat den Herrn, sie zeitlich zu strafen, doch sie um seiner Barmherzigkeit willen mit der ewigen Strafe zu verschonen.

Und noch lag die reuige Gemeinde im inbrünstigsten Gebet vor dem Herrn der Gnade, da loderte eine mächtige Feuersäule empor und leckte mit blutroter Zunge von Dach zu Dach. Und der schreckliche Feuerruf durchhallte die Straßen, und die stillen Räume des Gotteshauses erbebten vor der Sturmglocke Geheul.

Entsetzt stürzte die Gemeinde aus der Kirche — halb Boitzenburg stand in Flammen.

Vergebens waren alle Rettungsversuche, die ganze Stadt wurde bis auf wenige Häuser in Asche gelegt.

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Boitzenburg ist schon öfter von Feuersbrünsten heimgesucht worden. Die größten derselben fanden 1620, 1674 und 1709 den 16. Oktober statt, wo fast immer die ganze Stadt, bis auf wenige Häuser, niederbrannte. Sonst wurde alljährlich der 16. Oktober kirchlich als Bußtag gefeiert, was jetzt aufgehört hat; wohl aber geschieht dafür am nächsten Sonntage in der Predigt des Brandes Erwähnung; weshalb man auch den Sontag nach dem 16. Oktober den „Brandsonntag" nennt.

Wann die vorstehend beschriebene große Feuersbrunst, sowie das Ereignis mit dem Teufel in Boitzenburg stattgehabt haben soll, weiß man nicht bestimmt, es wird das wohl schon sehr, sehr lange her sein. Soviel ist aber wenigstens ganz gewiss, dass damit nicht der Brand von 1709 gemeint sein kann, da derselbe, wie man bestimmt weiß, nicht an einem Sonntage während der Predigt entstanden ist, sondern am Abende eines Wochentages und zwar wahrscheinlich durch die Fahrlässigkeit eines fremden Fuhrmannes. Wenigstens ging damals das Feuer da auf, wo dieser Fuhrmann kurz zuvor bei der Laterne seine Pferde gefüttert hatte. — Es war dies auf dem Hofe eines noch jetzt stehenden alten Eckhauses, das wunderbarer Weise vom Feuer verschont blieb, während sonst die ganze Stadt, bis auf ein Paar Wohnungen, ein Raub der Flammen wurde.— Der Herausgeber.

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