Das untergegangene Kloster im See bei Neustadt.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von V. zu W., Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Kloster, Neustädter See, Klosterfrau, Elde, Glebe
Wenn ich in meiner Jugend von meinem Vater die Erlaubnis; zum Schlittschuhlaufen auf dem Neustädter See erhalten hatte, war meine Großmutter während dieser Zeit immer in großer Unruhe, indem die tückische Eisfläche häufig ein Opfer forderte. Da ich gern Geschichten von ihr hören mochte, so erzählte sie mir selbige gern, wenn ich versprach, nicht nach dem See gehen zu wollen.

Nachstehende, dem Sagenkreise angehörende Erzählung ist mir noch besonders im Gedächtnis geblieben, und möge selbige hier ihren Platz finden. Ich lasse meine Großmutter selbst erzählen:

„Wo jetzt der Neustädter See*) in einer ebenen Fläche sich erstreckt, hat früher ein großes Kloster mit mächtigen Türmen und herrlichen Glocken gestanden. Die Bewohner sind aber sehr gottlos gewesen, und so ist endlich das Strafgericht Gottes über sie herein gebrochen. Das prächtige Kloster ist untergegangen und von aller seiner Pracht keine Spur übrig geblieben.

Nur am Johannistage in der Mittagsstunde kann man, wenn man sich am Ufer des Sees auf die Erde legt und horcht, die Töne der Glocken dumpf aus der Tiefe heraus hören. Auch sehen Vorübergehende manchmal in hellen Nächten eine Klosterfrau am Ufer des Sees sitzen, welche eifrig mit Waschen beschäftigt ist und dazwischen laute Klagerufe ausstößt. Wenn diese Erscheinung stattgefunden hat, dann fordert der See in der nächsten Zeit wieder ein Opfer.

Es sind nun schon viele Jahre her, da hatte man zu verschiedenen Malen die Klosterfrau wieder am Ufer des Sees gesehen. Einige Tage darauf kam ein Kärrner mit seinem Fuhrwerk am See vorbei. Er wollte seine Pferde tränken und fuhr mit dem Wagen in den See hinein, wo er wenig Vorland hat, sondern schnell tief wird. Den bergabgehenden Wagen konnten die Pferde nicht mehr aufhalten, und der Mann fand mit seinen Pferden den Tod in den Wellen."

„Auch vor einigen Wochen", setzte die Großmutter warnend hinzu, „hat man die Klosterfrau wieder gesehen und ihren Ruf gehört, und der See will wieder sein Opfer haben. Darum gehe mir zu Liebe nicht auf den See, sondern bleibe auf den Wiesen der Elde, wo keine tückische Klosterfrau den Menschen nachstellt."

*) Nach einer andern Sage soll auf dem Grunde dieses Neustädter Sees, gewöhnlich der weiße See genannt, die alte versunkene Stadt Glebe liegen. Der Herausg.

.

.

.