Das spukende Weib am Kreuzwege zischen der faulenrostschen Mühle und Rittermannshagen bei Malchin.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Faulenhorst, Rittermannshagen
Drei Müllergesellen, welche auf der faulenrostschen Mühle arbeiteten, gingen einst, nachdem sie Feierabend gemacht, nach dem Kruge zu Rittermannshagen.

Als sie spät Abends wieder heimkehrten und gerade bei einem Kreuzweg angelangt waren, rief der eine Geselle den andern zu: „Kiek, doa sitz's!"*)

*) „Siehe da, dort sitzt sie!“

Die beiden andern Gesellen aber, die nichts sehen konnten, fragten ihren Kameraden, — der ein „Sonntagskind" war, — was er denn eigentlich sehe.

„Doa bie'n Duhrnbusch sitt'n oll Wief”, **) erwiderte dieser, und damit ging er, da er ein beherzter Bursche war, dreist nach dem Dornbusche, um das dort hockende alte Weib einmal anzureden.

**) „Dort bei dem Dornstrauch sitzt ein altes Weib.“

Kaum aber war er bei dem Dornbusche angelangt, so vernahmen die beiden zurückgebliebenen Gesellen einen gellen Schrei. Entsetzen erfasste sie, und eilends ergriffen sie die Flucht.

Einige Stunden später kam erst ihr Kollege auf der Mühle an; er war aus dem ganzen Leibe nass und konnte sich vor Mattigkeit kaum aufrecht erhalten. Am andern Morgen erzählte er seinen Mitgesellen, dass das alte Weib ihm sofort auf den Rücken gesprungen sei und ihm gar jämmerlich zugesetzt habe. Trotz alles Rüttelns und Schüttelns sei es ihm doch endlich erst kurz vor der Mühle gelungen, das alte „Scheusal" wieder los zu werden, die so fest, als sei sie angewachsen, auf seinem Buckel gesessen.

Von nun an konnte der Müllergeselle nie wieder des Abends unangefochten nach Rittermannshagen gehen, denn jedes Mal hockte ihm das alte spukende Weib auf den Rücken.
Zuletzt kam sie sogar bis zur Mühle und wartete dort auf den Gesellen; oder sie rief ihn auch, wenn er des Nachts mahlte, doch hinaus zu ihr zu kommen etc.

Nach und nach sprach sich diese wunderliche Begebenheit in der ganzen Nachbarschaft aus und viele Leute kamen herbei, um das alte Weib zu sehen. Aber Niemand konnte es erblicken, denn — setzt die Sage hinzu — es war kein Sonntagskind unter den Neugierigen.

Dem also geplagten Müllergesellen wurde endlich die Sache über; deshalb schnürte er sein Bündel, nahm den Wanderstab und reiste in die Welt hinein, seiner entfernten Heimat zu.

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