Das sogenannte Lischensdenkmal im Tiergarten von Ivenack bei Stavenhagen.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Nach Rud. Samm, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Lieschendenkmal, Tiergarten, Grischow, Stavenhagen, Ivenack
Die Tochter des Statthalters Gilow in Grischow bei Stavenhagen, Anna Elisabeth, war die Schönste aller Mädchen in der ganzen Umgegend.

Alle Burschen der nahen Ortschaften hatten ein Auge auf sie geworfen und stritten sich jedes Mal auf dem Tanzboden, wer mit Schön-Äschen — so nannte man sie allgemein — zuerst „Einen abtreten" sollte. Das machte dem kleinen, rotbackigen Ding vielen Spaß, und es bildete sich nicht wenig darauf ein, so viele Anbeter zu haben.

Wenn sie aber daheim zu Hause war, und der Ivenacker Herr Graf mit seinem Schwarzen vor der Tür des Kathens hielt und mit einem „Guten Morgen, mein Engel!" in die Stube trat, dann war die ganze Anbeterschaft von A bis Z vergessen, und sie dachte nur an das Ivenacker Schloss, wo sie bald wohnen sollte. Denn der Graf liebte sie unendlich und bestand darauf, dass sie mit ihm ziehen müsste.

Und das Mädchen ließ sich bereden und zog mit.

Wenn der Hochmutsteufel einem jungen Mädchen den Kopf verdreht hat, so schlägt es oftmals Unschuld und Ehre in die Schanze, um nur ein angenehmes, sinneberauschendes Leben voller Herrlichkeiten führen zu können. — Doch auf Sonnenschein folgt Regen, auf Lust folgt Leid. Denn das Fünkchen Ehre, welches das Wohlleben nicht ganz unterdrücken kann, entwickelt sich allmählich zur brennenden Flamme der Reue, versengt den Geist und tötet mit ihm auch nach und nach den Körper.

Ähnlich mochte es der Anna Elisabeth ergangen sein. Das jetzige Leben ekelte sie zuletzt an, und sie welkte dahin, wie eine geknickte Rose, die der Sturm endlich ganz abbricht und auf die Erde wirft. Und nach einigen Jahren lag auch das schöne Mädchen gebrochenen Herzens in der Erde.

Der Graf, der sie wirklich aufrichtig geliebt hatte, war sehr betrübt und ließ ihr auf einem anmutigen Hügel in seinem Tiergarten — wahrscheinlich dem Lieblingsplätzchen der Verstorbenen — ein Denkmal, als Zeichen seines Schmerzes, errichten.

In dem Schlosse zu Ivenack war es aber nach des Mädchens Tode nicht mehr richtig. Nachts um 12 Uhr ließ sich dort eine weiße, geisterhafte Gestalt blicken, die lautlos alle Räume durchwandelte und mit dem Schlage Eins wieder spurlos verschwand. So ging es mehrere Jahre, bis man endlich dieses Treibens überdrüssig wurde.

Man ließ den alten Schäfer des Orts, einen weit und breit berühmten Teufels- und Geisterbanner kommen und beauftragte ihn, das Gespenst abzufangen. Das glückte; der Schäfer trug die weiße Gestalt in einem zugeschnürten Sacke nach dem Berge im Tiergarten und scharrte seine Last dort ein.

Wenn man aber glaubte, dem Gespenste hierdurch Ruhe verschafft zu haben, so hatte man sich geirrt. — Plötzlich verbreitete sich unter den Leuten das Gerücht, dass auf dem Denkmal im Tiergarten ein Groschen läge, der die zauberische Eigenschaft habe, sich durch wiederholtes Umdrehen zu verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen und so fort bis ins Unendliche.

Indessen jedes Mal, wenn sich der Eine und Andere erkühnte, den zauberhaften Groschen von dem Denkmal zu nehmen, hockte ihm eine schwere Last auf den Rücken, welche ihn nicht eher verließ, als bis er das Stück Geld wieder dort hinlegte, wo er es gefunden hatte.

Dies konnte jedoch einen kühnen Stavenhäger nicht abhalten, mit der Aneignung des Groschens ebenfalls einen Versuch zu machen. Richtig — da saß auch ihm die Reiterin auf dem Rücken.

Er aber war beherzt, packte die verhängnisvolle Bürde mit beiden Händen und trug sie nach einem Kreuzweg, von welchem er gehört hatte, dass ein solcher Ort eine erlösende Wirkung auf Gespenster ausübe. Und siehe! der reitende Geist war augenblicklich aus dem Sattel gehoben und ließ sich auch im Tiergarten niemals wieder blicken.

Der glückliche Stavenhäger aber soll durch den Groschen zu großem Reichtum gelangt sein.

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Das vorstehend erwähnte, aus Sandstein geformte Denkmal befindet sich noch teilweise im Ivenacker Tiergarten bei Stavenhagen. Leider sind die Kapitäle und die darauf befindlich gewesenen Vasen der beiden noch stehenden, ungefähr 5 Fuß hohen, vierkantigen Pfeiler oder Säulen verschwunden; wie man sagt, sind diese Teile nach und nach von den Leuten als Wetzsteine weggeholt worden.

Die Pfeiler sind mit griechischer, lateinischer und französischer Inschrift geziert, von der ich aber, des verwitterten Zustandes halber, nur etwas entziffern konnte. Ich lasse dies Fragment in deutscher Übersetzung folgen:

„— — — — — gestorben im 22. Jahre, am 17. Novbr. 1775. — Ein Mädchen von gewöhnlicher Herkunft, aber ausgezeichnet durch eine liebliche Figur, ein vortreffliches Herz und eine Fröhlichkeit, welche sich nie verläugneten. Ein Mann, der sie beinahe sieben Jahre hindurch, die gegenseitig mit so vieler Wonne und Freude verstrichen, liebte, hat dieses einfache Monument, ihrer Asche zum Andenken, errichtet, um dadurch zugleich eine schwache Spur seiner Zärtlichkeit, seines Schmerzes um diejenige, welche die Ursache dazu war, zu hinterlassen. — Wanderer, ehre dies Denkmal der Schwäche eines Deines Gleichen, verzeihe ihm seinen Schmerz, und möge der Himmel Dir lieber soviel Glück verweigern, als er es ihm gewährt hatte, wenn es von so viel Bitterkeit begleitet sein muss! —"

Das noch sehr gut erhaltene Grab der Anna Elisabeth Gilow, welches ein Sandstein bedeckt, der in lateinischer Sprache die Daten ihrer Geburt und ihres Sterbens enthält, sowie noch mit kurzen Worten ihre Vorzüge preist, befindet sich zur Seite der Ivenacker Kirche, dicht vor der gräflichen Erbbegräbniskapelle, in der auch der Graf ruht, der sie einst so innig liebte.

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337. Konzert im Freien. Von Giorgione. Paris, Louvre.

337. Konzert im Freien. Von Giorgione. Paris, Louvre.