Das ruhelose Schwesternpaar auf dem alten Woldegker Friedhof

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Woldegk, Kirchhof, Pappel-Allee
Der Kirchhof zu Woldegk war ehemals von einer schönen Pappel-Allee durchschnitten, zu deren beiden Seiten sich die Gräber der Dahingeschiedenen befanden.

Unmittelbar an der Allee lagen auch die Gräber zweier jung gestorbenen Schwestern. Dieselben konnten, aus einem unbekannten Grunde, im Grabe keine Ruhe finden und wandelten häufig des Abends Arm in Arm, mit ihren weißen Sterbegewändern angetan, in der Allee, die auch vielfach von andern Fußgängern aus der Stadt, der Nähe halber, als passender Spaziergang benutzt wurde. Auch die Abends von der Arbeit heimkehrenden Leute pflegten diesen Weg über den Kirchhof gewöhnlich zu wählen.

Eines schönen Abends ging nun auch ein Dienstmädchen mit einem Eimer Bier dieses Weges. Es war schon spät und dem Mädchen wurde recht unheimlich und graulich zu Mute.

In der Mitte der Pappel-Allee angelangt, standen plötzlich die beiden Gestalten der Schwestern vor ihr. Erschreckt hierüber und auch wohl etwas mutwillig dabei, warf das Dienstmädchen schnell ihren gefüllten Eimer den unheimlichen Erscheinungen vor die Füße und entfloh dann eiligst.

Kaum war jedoch das Mädchen zu Hause angelangt, als es an ihrer Kammer klopfte, und als sie zur Türe hinausschaute, standen die beiden spukenden Schwestern vor ihr und sprachen also: „Begib Dich morgen Abend zu dieser Stunde wieder auf den Kirchhof und reinige dann unsere Kleider, die Du leichtsinnig beschmutzt!"

Erschreckt schlug das arme Mädchen die Türe wieder zu und lief in ihrer Herzensangst, sobald der Morgen graute, zum Prediger und Küster. Diese rieten ihr, der Stimme, die sie gerufen, zu folgen und versprachen sie zu begleiten.

Am andern Abend begaben sich nun der Prediger und Küster mit dem Mädchen auf den Kirchhof, wo sie denn auch die Schwestern in ihren weißen Totenkleidern antrafen. Nach dem das Mädchen ihnen die beschmutzten Gewänder gereinigt hatte, stiegen sie wieder in ihre Gräber.

Das arme Dienstmädchen aber starb, nachdem es zuvor noch die Segnungen der Kirche empfangen, drei Tage darauf und wurde neben den beiden Schwestern begraben.

Seit jener Zeit hat das spukende Schwesternpaar Ruhe im Grabe gefunden, und Niemand hat sie wieder gesehen.

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