Das neue Tief.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Rügen, Mönchgut,
Die Insel Rügen war früher mit dem festen Lande verbunden. Die jetzige Halbinsel Rügens, das Mönchgut genannt, soll nämlich mit Pommern zusammengehangen haben. Manche sagen zwar, es sei schon in den ältesten Zeiten davon getrennt gewesen; aber es war dies nur durch einen schmalen Strom, der soll, wie einige Leute sagen, so schmal gewesen sein, dass zur Not ein Mann herüber springen konnte. Andere dagegen behaupten, er sei wohl etwas breiter gewesen, aber gar nicht tief, so dass man dadurch einen Steg von Pferdeschädeln und anderen Knochen gemacht habe, über den man von Pommern nach Rügen habe gehen können. So viel ist gewiss, dass da, wo jetzt das neue Tief ist, vordem das trockne Land von Rügen war; man kann noch jetzt bei niedrigem und stillem Wasser unten auf dem Grunde des Meeres an einigen Stellen Eichen und Tannenbäume erblicken.

Das wurde nun auf einmal anders in einer einzigen Nacht im Anfange des vierzehnten Jahrhunderts; man kann nicht einig darüber werden, ob es in den Jahren 1302, oder 1303, oder 1308, oder 1309 gewesen ist. In einem dieser Jahre soll es aber sicher vorgefallen sein. Da entstand ein schrecklicher Sturmwind, der durch die ganze Ostsee ging, so dass er an allen ihren Küsten entlang die Kirchen und Häuser einwarf. Der riss auch mit einem Male das Land zu Rügen von Pommern ab, also dass ein schöner Teil Rügens in die See versank, da wo sie der große Bodden heißt. Zwei ganze Kirchspiele sollen hier vergraben liegen, das von Ruden und das von Carven. Es blieb davon nichts übrig, als das kleine Inselchen, der Ruden genannt, welches mitten im Bodden liegt.

Das Fahrwasser, welches auf solche Weise zwischen diesem Ruden und der Insel Rügen entstanden ist, hat man seitdem das neue Tief geheißen. Dasselbe ist besonders ein gutes Tief für die Stralsunder geworden. Denn nachdem der Gellen vor dem Sunde von den Niederländern mit ihrem Ballast fast vertieft geworden, wäre die Stadt gar verdorben, wenn sie das neue Tief nicht hätte.

Nicolaus Klempzen, vom Pommerlande, S. 14.
Grümbke, Darstellung der Insel Rügen, I. S. 7.
Stolle, Geschichte der Stadt Demmin, S. 605.
Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller