Das heilige Blut und die Judenverbrennung zu Sternberg (II)

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Sternberg, Judenverfolgung, Judenprozesse, Aberglauben, Katholische Kirche, Religion, Juden-Vertreibung, Feuertod, Blutskapelle, Glaubensgemeinschaft
Das Heilige Blut war zuerst, wie schon bemerkt, auf dem Hochaltar in der Kirche zur allgemeinen Verehrung niedergelegt worden. Aber der Andrang der Gläubigen nahm bald so zu, dass dadurch der gewöhnliche Gottesdienst gestört wurde. Deshalb schritt man bald zum Baue der bereits zu Anfang erwähnten heiligen Blutskapelle.

Hier wurde nun, nach glücklich beendigtem Baue, sofort das heilige Blut in einer prachtvollen Monstranz aufgestellt. Und täglich mehrte sich die Zahl der Pilger, um dasselbe zu verehren; denn schon waren durch das wunderbare Heiligtum wieder Wunder geschehen und bald hörte man von neuen und immer neuen Wundern. Blinde wurden sehend, Lahme gehend, Taube hörend, Aussätzige rein; kurz jede Art von Krankheit wurde geheilt, sobald der damit Behaftete gläubig vor dem heiligen Blute seine Andacht verrichtet und vertrauensvoll um Heilung seiner Gebrechen gestehet hatte.

So gelangte denn bald das heilige Blut von Sternberg zum höchsten Ansehen, ja zur größten Berühmtheit. Aus allen Himmelsgegenden, nicht allein aus ganz Deutschland, sondern aus ganz Europa wallfahrteten Scharen von Gläubigen, von Kranken und Gebrechlichen herbei, um hier zu beten und geistiges und körperliches Wohl zu erlangen.

Mit dem immer reger werdenden Besuche der Kapelle mehrte sich auch fortwährend ihr Reichtum; und größer wurden von Tag zu Tag die Schätze, die hier frommer Glaube und Einfalt, oder die Dankbarkeit Geheilter von Nah und Fern zusammen trugen.

Die innere Ausstattung der heiligen Blutskapelle muss aber auch zu dieser Zeit eine äußerst reiche und prunkende gewesen sein; denn allenthalben waren dort die vielen, größtenteils sehr teuren und wertvollen Opfer- und Weihgeschenke zur Schau gestellt. Die meisten Gold- und Silbersachen, namentlich die kleineren derselben, als allerlei heilige Gefäße, Kruzifixe, Heiligenbilder und Slawen, Schaustücke und Münzen, Geschmeide und Spangen, auch ganze Stücke gediegener edler Metalle, sowie kostbare Perlen, Edelsteine und dergleichen mehr, hatte man auf sechs Tüchern ausgebreitet, während die größeren an sonst passenden Orten aufgestellt waren. An den Wänden der Kapelle erblickte man ferner noch viele Krücken, sowie Abbildungen geheilter Glieder, aus Wachs oder edlen Metallen geformt, welche die Geheilten in dankbarer Erinnerung hier aufgehängt hatten. Auch der von Peter Däne verpfändete Grapen oder metallene Topf war hier an einem Pfeiler befestiget, wie auch die eichene Tischplatte, auf welcher die Juden am Hochzeitstage in der Laube hinter Eleazars Hause zuerst die eine der geweihten Oblaten durchstochen hatten. Auf dieser Tischplatte war folgende Inschrift angebracht:

„Dit is de tafel dar de joden dat hillige sacrament up gesteken und gemartelet hefft, tom Sternberge in jare 1492."*)

Und endlich befand sich auch noch an demselben Pfeiler eine kleine, in Holz geschnitzte Darstellung von der Verbrennung der Juden.

Aber nicht lauge dauerte dies goldene Zeitalter des Sternberger heiligen Blutes. Mit der Alles erschütternden Reformation und ihrem baldigen kräftigen Vorwärtsdringen, namentlich auch nach Mecklenburg, kam auch das Wunder von Sternberg immer mehr und mehr außer Gebrauch und wurde nur noch selten von auswärts besucht. Bis denn endlich, durch die öffentliche Annahme und Einführung der lutherschen Lehre im ganzen lieben Vaterlande,*) mit der Verdrängung der katholischen Kirche auch dem Sternberger heiligen Blute gänzlich der Garaus gemacht wurde.

*) Dies ist die Tafel, worauf die Juden das heilige Sakrament gestochen und gemartert haben, zu Sternberg im Jahre 1492.
**) Siehe Anmerkung auf Seite 194 ersten Bandes.


Der Berg, auf welchem das fürchterliche Strafgericht, die Verbrennung der 27 Juden stattfand, und der hiernach den Namen Judenberg erhalten und bis auf den heutigen Tag bewahrt hat, liegt zum Lukower Tore hinaus, dicht an der von Sternberg nach Brüel führenden Chaussee. Lange noch sollen auf demselben die Pfähle, woran die unglücklichen Schlachtopfer festgebunden, als man sie lebendig verbrannte, gestanden haben; jetzt ist keine Spur mehr davon zu finden.

Dieser Judenberg ist im ganzen Lande, wenigstens dem Namen nach, allbekannt, und zwar nicht allein schon wegen dieser Begebenheit, sondern auch dadurch, dass hier lange Zeiten hindurch die mit Malchin jährlich wechselnden, allgemeinen mecklenburgischen Landtage eröffnet wurden. Hier nämlich wurden sonst zuerst durch die Gesandten oder Kommissarien unserer vaterländischen Landesherren, vor versammelten Ständen von Ritter- und Landschaft beider Großherzogtümer Mecklenburg, die allerhöchsten Gesetzesvorlagen verlesen, und darnach erst die weiteren Verhandlungen in der Stadt Sternberg fortgesetzt. Dieser alte Brauch ist aber bekanntlich 1847 aufgehoben worden, und werden die in Sternberg abzuhaltenden Landtage dafür jetzt in der dortigen Kirche eröffnet.

Die heilige Blutskapelle zu Sternberg ist noch vollständig und recht gut erhalten.

In derselben hängt noch die eichene Tischplatte, auf welcher die Juden zuerst die eine der geweihten Oblaten mit Nadeln durchstochen haben sollen. Die alte Inschrift aber, welche man darauf setzte, als man sie hier aufhing, ist jetzt ganz verwischt und nicht mehr zu entziffern. Auch die in erhabenen Figuren aus Holz geschnitzte Darstellung der Verbrennung der Juden hängt hier ebenfalls noch, ist aber leider auch schon sehr beschädigt und verdorben.

Dies ist aber auch Alles, was von der ehemaligen Pracht und Herrlichkeit, von all den vielen Schätzen und Kostbarkeiten, womit die Kapelle früher so reich ausgestattet war, übrig geblieben. Nackt und kahl ist sonst der ganze Raum, öde und verlassen die einst so glänzende und vielbesuchte heilige Stätte.

Der Stein mit den Fußspuren, in welchen Eleazars christliche Dienstmagd auf ihrem unheilvollen Gange eingesunken und also festgehalten sein soll, befindet sich ebenfalls noch dort, wo man ihn in alten Zeiten eingemauert hat.

An der südlichen Seite der Sternberger Kirche, nahe der Haupteingangspforte in dieselbe und der heiligen Blutskapelle, ist dieser merkwürdige Stein in der äußern Kirchenmauer, nicht hoch über der Erde, eingefügt. Es ist ein ziemlich großer behauener, viereckiger Granit, auf dem sich ein Paar den Eindrücken zweier sehr großer nackter menschlicher Füße nicht ganz unähnlich sehende Vertiefungen befinden.

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