Das blinde Ross aus Vineta auf Usedom

Aus: Koch; Das Seebad Koserow auf Usedom, seine Natur, seine Eigentümlichkeiten, seine Umgebungen.
Autor: Koch, C. H. F., Erscheinungsjahr: 1867
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Vineta, Sagen, Überlieferungen, Usedom, versunkene Stadt, Ostsee
Vor vielen Jahren lebte in der alten Stadt Vineta ein reicher Kaufmann, der viele Schiffe zur See hatte und viele Waren kaufte und verkaufte. Alles in seinem Hause sah prächtig aus. Die Wände waren mit Tapeten beklebt, die Fußböden mit Teppichen belegt, und Herr und Frau gingen in lauter Sammet und Seide. Im Stalle standen vier Füchse für die Kutsche und ein Schimmel zum Reiten. Dieser Schimmel war das schnellste Pferd in ganz Vineta, und Usedom, so hieß der Kaufmann, nannte ihn nur seinen lieben Spring-in-den-Wind.

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Eines Tages ritt’ Usedom in den Wald, um zu sehen, ob seine Waren noch nicht ankämen, die er erwartete. Plötzlich sprangen sechs Räuber auf ihn zu und hielten eine große Stange über den Weg, um den Schimmel dadurch aufzuhalten. Dieser aber setzte, obwohl schon einer der Räuber den Zaum des Pferdes ergriffen hatte, durch seine Blitzesschnelle über die Stange hinweg und brachte, über und über mit Schaum bedeckt, seinen Herrn wohlerhalten nach Vineta zurück. Usedom nahm sich vor, den Schimmel nie zu verkaufen und ihn nie zu verstoßen, sondern ihm täglich drei Metzen Hafer zu geben, bis er stürbe. Doch allmählich vergaß es Usedom, dass er dem Schimmel sein Leben verdankte, und gab ihm nur noch zwei Metzen Hafer. Der Schimmel hatte sich nämlich an dem erwähnten Tage zu sehr erhitzt, ward steif, lahm und endlich auch blind. Sein Herr mochte nun nicht mehr auf ihm reiten und kaufte sich ein andres Pferd. Weil aber der Schimmel noch gar nicht alt war, so lebte er noch viele Jahre nach jenem Ritte. Da gab ihm der Herr zuletzt nur eine Metze Hafer des Tages, und da ihm auch dieses zu viel schien, und kein Mensch einen Pfennig für den Schimmel geben mochte, befahl er seinem Knechte, den Schimmel wegzujagen. Der nahm einen Stock, weil das Pferd nicht weichen wollte, und trieb es aus dem Stallt. Da blieb es sieben Stunden am Tore stehen, mit niedergebeugtem Kopfe und spitzte seine Ohren, wenn, etwas im Hause sich regte. Die Nacht schlief es daselbst auf den harten Steinen, wahrend es kalt war und schneite. Endlich trieb der Hunger das Tier wegzugehen, aber weil es blind war, stieß es überall an. Mit seiner Nase roch es links und rechts, ob nicht wo ein Hälmchen Stroh da läge, doch es fand nur wenig.

Es war aber in selbiger Stadt ein Glockenhaus, das stand Tag und Nacht offen. Man hatte es gebaut, um Unrecht zu verhindern. Denn wenn Jemand meinte, es geschähe ihm Unrecht von einem Andern, so ging er hin ins Glockenhaus, fasste an den Glockenstrick und läutete. Sogleich kamen die Richter der Stadt zusammen und richteten. Zufällig tappte auch der Schimmel in dieses Glockenhaus hinein; und da er mit seinen Lippen Alles berührte und aus Hunger mit seinen Zähnen Alles benagte, so fand er auch den Strick, fasste ihn mit den Zähnen und fing an zu läuten. Plötzlich kamen die Richter und sahen den Schimmel als Kläger. Da sie wohl wussten, welche große Dienste der Schimmel seinem Herrn getan hatte, ging ihnen die Sache zu Herzen. Es wurde Usedom sogleich herbeigerufen, der sich nicht wenig wunderte, als er seinen Schimmel an der Klageglocke sah. Er wollte sich über seine Hartherzigkeit rechtfertigen; allein die Richter fällten folgendes Urteil:

„Die Klageglocke hat getönt,
Der Kläger stehet hier,
Durch Nichts wird eure Tat beschönt.
Und so gebieten wir:

Dass ihr sogleich das treue Pferd
In euern Hausstall führt.
Und bis ans Ende pflegt und nährt,
Wie’s euch als Christ gebührt!“

So musste der Kaufmann den Schimmel wieder zu sich nehmen. Es ward auch ein Mann gesetzt, der bisweilen nachsah, ob der Schimmel keine Not litt. An dem Glockenhause bildete man aber in Stein zum Andenken die ganze Geschichte ab.
Arabisches Pferd

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