Das bleiche Mädchen von Rostock.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von G. F. C. Neumann zu Röbel, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Rostock, Geläut, Dienstmädchen, Armenbegräbnis, St. Marienkirche,
An der Marienkirche in Rostock war vor vielen Jahren einmal ein Küster, der es sich bequem machte und die Betglocke von seinem Dienstmädchen stoßen ließ. Das geschah, sowohl im Winter als auch im Sommer, des Morgens um 6, des Mittags um 11 und des Abends um 5 Uhr, und so ist es auch noch heutigen Tages Gebrauch.

Von 100 Mädchen hätten das wohl kaum 10 getan, namentlich nicht im Winter, wo es ja des Abends und Morgens um diese Zeit noch völlig dunkel ist. Dazu hing der Glockenstrang mitten in der Kirche.

Aber des Küsters Mädchen war beherzt und wusste nichts von abergläubischer Furcht. Sie dachte: „Was die Leute von Spuk und Gespenstern erzählen, ist eitel Torheit; wer nur auf Gottes Wegen wandelt, der kann alle Wege und Stege zu jeder Zeit und Stunde gehen, ihm wird nichts Ungewöhnliches begegnen."

Dieses Mädchen war verlobt mit einem Schustergesellen aus der Stadt. Als derselbe ihr im Winter eines Abends einen Besuch machte, und die Zeit des Betglockenstoßens nahe war, da meinte er: das sei doch wirklich keine Kleinigkeit, so allein im Dunkeln in die Kirche zu gehen; er würde sich nie dazu entschließen.

Das Mädchen lachte recht herzlich über seine Äußerung und entgegnete: wenn's sein müsse, werde sie sich um Mitternacht ohne jegliche Begleitung dahin begeben.

Der Liebhaber schwieg, nahm sich aber vor, sie bald einmal auf die Probe zu stellen, um zu sehen, ob sie wirklich nicht furchtsam sei.

Als das Mädchen sich darauf, wie gewöhnlich, am folgenden Abend in die Kirche begeben hatte, schlich der Bräutigam, in einen Bettlaken gehüllt, ihr nach und suchte sich durch Gepolter und Gewinsel bemerklich zu machen. Sein Hund, ein großer, schwarzer Pudel, war ihm gefolgt, ohne dass er es wusste.

Das Mädchen gewahrte denn auch bald eine weiße Gestalt, die, von einer schwarzen mit glühenden Augen verfolgt, langsamen Schrittes auf sie zukam. Sie erschrak nicht wenig, nahm aber all ihren Mut zusammen und rief, als beide Gestalten schon ganz in ihrer Nähe waren: „Swartpoot, griep Wittpoot! Wittpoot, griep Swartpoot!" *)

*) „Schwarzfuß, greif’ Weißfuß! Weißfuß, greif’ Schwarzfuß!“

Und so wie sie diese Worte gesprochen hatte, da jagten beide Gestalten wie toll hinter einander her, dass es kein Ende nehmen wollte.

Das Mädchen aber entfernte sich schleunigst aus der Kirche und warf die Tür hinter sich zu. Von dem Schreck aber, den ihr der unbesonnene Scherz ihres Geliebten eingejagt, hatte sie ihre frischrote Gesichtsfarbe verloren. Sie war von Stund an schneeweiß im Gesicht und nach drei Tagen eine Leiche.

Ihr Bräutigam dagegen und sein Hund wurden am andern Morgen tot in der Kirche gefunden.

Die Eltern des Mädchens waren längst verstorben und hatten ihr nichts hinterlassen, als nur die Worte: „Vertraue auf Gott! Er, der Vater der Waisen, wird dich nicht verlassen." Auch sie hatte während ihrer Dienstjahre nichts erübrigen können. Als man sie nun wie eine Arme ohne Sang und Klang beerdigte, was an einem Dienstag Abend um 9 Uhr geschah, da läuteten mit einem Male sämtliche Glocken des Marienturms, die Kirche war prachtvoll erleuchtet und die Orgel drinnen spielte mit sanften Tönen ein Sterbelied, ohne dass man die Ursache davon jemals hat ergründen können.

Von da ab schreibt sich die Sage „vom bleichen Mädchen", und wenn späterhin am Dienstag Abend gegen 9 Uhr die Wächterglocke gezogen wurde, so hieß es in der Stadt: „Das bleiche Mädchen wird begraben."

Jetzt wird die Wächterglocke nicht mehr gezogen, ältere Leute in Rostock erinnern sich noch sehr Wohl, sie in ihren kindlichen Jahren gehört zu haben; trotzdem aber hat sich vorstehende Sage bis auf den heutigen Tag frisch im Munde der Rostocker erhalten *).

*) Das „bleiche Mädchen" von Rostock ist nicht mit dem „Bleichermädchen von dort — siehe Seite 206 bis 209 ersten Bandes — zu verwechseln, obgleich beide häufig für eine und dieselbe Person gehalten und also mit einander verwechselt werden, was namentlich daher kommt, dass beide an einem Dienstag Abend begraben und sich dabei dasselbe Wunder mit den läutenden Glocken, der erhellten St. Marienkirche etc. zugetragen haben soll. Eben aus diesem Grunde sagte man auch früher in Rostock, wenn an den Dienstag-Abenden die Wächterglocke gezogen wurde:

„Das Bleicher- oder das bleiche Mädchen wird begraben!" — Zur Sage vom Bleichermädchen habe ich hier also auch noch nachträglich die Berichtigung hinzuzufügen, dass jetzt nicht mehr, wie dort irrtümlich von mir angegeben, das abendliche Geläute in Rostock stattfindet, — Der Herausg.

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Rostock, Lange Straße, Marienkirche in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts

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Rostock - Markt, Marienkirche und Blutstraße

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Hansestadt Rostock - Stadtansicht

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Rostock - Giebelhäuser bei der Nicolaikirche

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Rostock - Petrikirche mit Petritor

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